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Raubmord an Autobahnraststätte: 3965,95 Euro für ein Menschenleben

Von , Dessau-Roßlau

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DPA

Angeklagte Litauer vor dem Landgericht in Dessau-Roßlau: Opfer zufällig ausgewählt

Der Informatiker Ulf M. war unterwegs von München nach Hamburg, als er an einer Raststätte auf seine Mörder traf: Vor dem Landgericht Dessau-Roßlau sind nun fünf Mitglieder einer litauischen Bande angeklagt. Einer packte schon vorher aus - und hofft nun auf ein Zeugenschutzprogramm.

Zwei Packungen Marlboro Gold, 20 Flaschen Sternburger Export, 73 Liter Diesel, 75 Pakete Dallmayr Prodomo, 1590 Euro in bar, 15 Paar Handschuhe und Socken, 15 Paar Turnschuhe von Adidas, Puma und Nike und vier Paar Kinderschuhe - macht zusammen 3965,95 Euro. So viel wert war ihnen offenbar Ulf M.s Leben.

Die drei Brüder Laimonas L., 21, Vytautas L., 23, und Mindaugas L., 26, ihr Kumpel Svajunas S., 25, sowie Evaldas J., 31, sind angeklagt wegen Mordes an Ulf M. Ein Informatiker, 39 Jahre alt, der auf dem Weg war von München, wo er jahrelang gearbeitet hatte, nach Trittau bei Hamburg, wo seine Eltern leben, wo er aufwuchs und wo er seine Habseligkeiten unterstellen wollte für eine längere Auszeit vom Job, die er geplant und auf die er sich so gefreut hatte. Wenige Autostunden von seiner Familie entfernt sollen ihn die fünf Litauer überfallen haben. Eine Begegnung - zufällig für Ulf M., kaltblütig geplant von der Bande aus Osteuropa.

Vor dem Landgericht Dessau-Roßlau kauern die Litauer am Mittwoch in Jeans und Jogginghose, fast jeder flankiert von je zwei Rechtsanwälten aus Trier, Cottbus, Hamburg, Neuruppin, Wiesbaden, Düren, Frankfurt, Limburg, Berlin. Zwischen ihnen: drei Dolmetscherinnen. Hinter den Angeklagten: bewaffnete Wachtmeister mit schwarzen Lederhandschuhen. Ihnen gegenüber: Ulf M.s Eltern, beide Brüder, einer von ihnen Richter. Sie treten als Nebenkläger auf.

Vor sich haben sie ein gerahmtes Bild von Ulf M. aufgestellt, es zeigt ihn fröhlich, auf seinem Fahrrad, so wie sie ihn in Erinnerung haben - und so wie er sterben musste: mitten aus dem Leben gerissen. Zwei Verteidiger beschweren sich über den Trauerkult der Familie, der Vorsitzende Richter Thomas Knief untersagt das Aufstellen des Fotos.

Am Parkplatz warteten sie auf ihr Opfer

Die Kritik an dem Bild ist am Mittwoch nur der Auftakt einer Beschwerdeserie: Die Verteidiger kritisieren die kurzfristige Mitteilung der Neubesetzung eines Schöffen, die Erweiterung des Anklagevorwurfs von Raub mit Todesfolge auf Mord wegen Habgier und die enge Bestuhlung im Saal. Einer der Rechtsanwälte spricht von einem "Fass ohne Boden" und will die Staatsanwältin aus dem Verfahren haben. Streitpunkt: Noch immer prüft das Landeskriminalamt, ob der angeklagte Svajunas S. in ein Zeugenschutzprogramm genommen wird. Der 25-Jährige ist der einzige, der im Vorfeld geständig war. Aufgrund seiner Aussage konnten die letzten Stunden im Leben von Ulf M. rekonstruiert werden.

Es ist der 9. Januar 2012. Während Ulf M. in München einen geliehenen Mercedes Sprinter mit seinen Möbeln belädt, erreichen Svajunas S., Laimonas und Vytautas L. in ihrem roten Audi mit litauischem Kennzeichen Deutschland. Sie sind verabredet mit vier weiteren Landsleuten, darunter eine Frau, die in einem weißen Ford Transit angereist sind, so wird es Svajunas S. später zu Protokoll geben. Fast alle von ihnen sind vorbestraft - entweder in ihrer Heimat Litauen oder in Deutschland oder in beiden Ländern. Man trifft sich auf einer Waldlichtung zwischen Coswig und Roßlau in Sachsen-Anhalt, trinkt Alkohol, schmiedet Pläne, bis es dunkel ist.

Er habe erst dort erfahren, dass eine Entführung geplant sei, behauptet Svajunas S. Zu fünft sei man zum Autobahnparkplatz Rosselquelle gefahren, etwa 25 Kilometer von ihrem Versteck im Wald entfernt. Er sei gefahren, so Svajunas S., weil die anderen schon betrunken waren. Sie warten auf ein Opfer. Ein Auswahlkriterium haben sie nicht.

Um 15.55 Uhr ist Ulf M. in München gestartet. "Das Navi meint, ich komme 2300 an", schreibt er seiner Mutter in einer SMS. Um 21.28 Uhr ruft er sie an, er verspäte sich, es würde 0.30 Uhr werden. Er habe soeben getankt. Es ist sein letztes Telefonat. Er biegt ab auf den Parkplatz Rosselquelle an der A 9, Kilometer 49,5, Richtung Norden.

Sie ließen ihn schwerverletzt im Transporter zurück

Ulf M. hält mit seinem Leihwagen, geht zur Toilette und wird auf dem Rückweg von Evaldas J. und den drei Brüdern L. abgefangen. Sie packen ihn, fesseln ihm mit Klebeband die Hände auf den Rücken, die Füße zusammen und sperren ihn zwischen seine Möbel auf die Ladefläche. Im Konvoi fahren sie den Transporter und ihren Audi zu ihrem Lager an die Waldlichtung.

Dort prügeln drei Litauer auf den Gefesselten ein, schlagen ihm seinen Laptop auf den Kopf, brechen ihm mehrere Rippen und das Brustbein, verletzen ihn schwer am Kehlkopf - nur um die PIN-Nummern seiner Geld- und Kreditkarten zu erpressen. Danach fahren sie den Transporter zu einem Waldweg in Richtung Dessau und lassen ihn mit laufendem Motor zurück. Auf der Transportfläche unter Kartons und Matratzen: der schwerverletzte Ulf M. Er stirbt an einer Lungenfettembolie bei schwerem stumpfem Polytrauma.

Sein Schicksal ist ihnen völlig gleichgültig.

Zwei der Litauer sind zeitgleich unterwegs, um mit den geraubten Karten Geld abzuheben, die anderen Mitglieder der Bande stoßen später hinzu, in Kolonne fahren sie nach Potsdam. Ihre Route geht über Banken in Coswig, Wittenberg und Potsdam, einer Tankstelle in Potsdam, einen Lidl-Markt und eine Deichmann-Filiale in Prenzlau.

Sie kennen sich bestens aus: Sie wissen, dass sie den Höchstbetrag nur einmal pro Tag abheben können, warten bis Mitternacht, holen dann erneut Geld. Und sie wissen, dass sie schnell handeln müssen. Der Kauf der oben erwähnten Lebensmittel, der Kleidung und die Barabhebungen erfolgen zwischen 23.15 Uhr und 9.36 Uhr. Anschließend fahren sie zurück nach Litauen. An der Grenze werden sie kontrolliert, da sie für alle Einkäufe Kassenbons vorweisen können, lässt man sie passieren.

"Scheiße, die Idioten haben einen Menschen getötet"

In Polen - Transitland für die gut organisierten Banden, die von Litauen, der Ukraine oder Russland aus agieren - habe man die Beute untereinander aufgeteilt und die erpressten Geld- und Kreditkarten aus dem Fenster des fahrenden Autos geworfen.

Erst auf der Fahrt in die Heimat, als sich die Gruppe unterhält, will Svajunas S. gehört haben, dass Ulf M. verletzt und mit dem Laptop geschlagen worden sei. Die anderen erzählen, er habe ihnen 10.000 Euro angeboten, wenn sie ihn frei ließen.

Von Anfang an sei nur geplant gewesen, einen Mann zu kidnappen und von seinem Konto Geld abzuheben, behauptet Svajunas S. Danach sollte er befreit werden. Vytautas L. habe ihm mit dem Tod gedroht, sollte er auspacken. Daher hofft er nun auf Zeugenschutz. "Scheiße, die Idioten haben einen Menschen getötet", sagte Svajunas S. einem überwachten Telefongespräch zufolge, das er mit seiner Lebensgefährtin führte. "Ich werde jetzt als Mittäter beschuldigt." Er sei jedoch nur der Fahrer gewesen. "Ich werde sagen, wer die waren. Ich bin unschuldig, scheiße, ich werde alles sagen."

Die Verteidiger stellten am Mittwoch mehrere Anträge - unter anderem einen auf Unterbrechung der Hauptverhandlung, weil ihnen nicht fristgemäß notwendige Unterlagen vorgelegt worden seien. Richter Knief gab dem statt.

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