Raubprozess in Las Vegas Die bizarre Welt des O.J. Simpson

Gauner, Dealer, dubiose Geschäftemacher: Im neuen Prozess gegen O.J. Simpson zeigt sich, in welcher Halbwelt der Ex-Footballstar verkehrt. Schon der erste Verhandlungstag brachte einen dramatischen Höhepunkt: Der Hauptbelastungszeuge brach zusammen.

Aus Las Vegas berichtet


Las Vegas - Nach über acht Stunden Hin und Her im Gerichtssaal geschieht es, beim Kreuzverhör des ersten und wichtigsten Zeugen der Anklage. Viele Zuschauer und Reporter sind schon gegangen, da nimmt Verteidiger Gabriel Grasso am Montag den Andenkenhändler Bruce Fromong, auf dessen Aussage sich dieser Fall großenteils stützt, noch einmal hart in die Zange.

Plötzlich greift sich Fromong an die Brust, wird kalkweiß und keucht. "Sind Sie okay?", fragt Richterin Jackie Glass und lässt sofort den Saal räumen. Fromong, 54, sinkt draußen auf eine Bank, vergräbt den Kopf in den Händen, kippt dann ganz um. Vier Sanitäter eilen herbei.

Nach einer halben Stunde geht es dem Zeugen besser - er wird heimgeschickt. Sein Klient, berichtet Fromongs Anwalt Louis Schneider, habe einen Schwächeanfall erlitten. Kein Wunder: Seit dieses ganze Theater vor fast auf den Tag genau einem Jahr begann, habe Fromong bereits vier Herzinfarkte hinnehmen müssen.

Richterin Glass - die ihre Richterbank mit vier rosa Rosen und einem Plüschbär geschmückt hat - erlaubt daraufhin nur noch die Befragung eines weiteren Zeugen und vertagt den Rest der Verhandlung auf den heutigen Dienstag.

So melodramatisch begann das jüngste Kapitel der Tragikomödie, zu der das Leben des einstigen Footballstars O.J. Simpson geworden ist. steht Simpson, 61, erneut vor Gericht. Diesmal in Las Vegas, wegen bewaffneten Raubüberfalls, versuchter Körperverletzung und Entführung. Dafür könnte er doch noch lebenslang ins Gefängnis gehen.

Reale Horrorshow

Es wäre eine späte Genugtuung für alle, die Simpson damals für schuldig hielten. Der Mordprozess von 1995 war eine reale Horrorshow: Blut, Eifersucht, Jähzorn, schillernde Figuren, Starallüren und vor allem ungelöste, unterschwellige Rassenkonflikte. Großes Kino und die Mutter jedes Gerichtsmedienrummels.

Dieser Fall dagegen - "Simpson, das B-Movie", murmelt die legendäre AP-Justizreporterin Linda Deutsch - illustriert den Abstieg Simpsons, gebrandmarkt als sozialer Paria. Er ist eine Schmierenklamotte um Möchtegern-Gangster, Ex-Prominente und halbseidene Geschäftemacher, und schon am ersten Tag öffnet sich das Fenster in diese Zombie-Welt.

Füllig ist er geworden. Aufgedunsen, breit in den Hüften, humpelnd und viel gedrungener, als man ihn in Erinnerung hat - eine Karikatur seiner selbst. Sein Haar ist unfrisiert, der Anzug sitzt schlecht, der Bauch quillt über den Gürtel. Müde streifen seine Augen durch den Gerichtssaal, als suche er nach Freunden, Bekannten, irgendjemandem.

Er braucht Gesellschaft, wenigstens Zuhörer. In den Verhandlungspausen quatscht er jeden an, der sich anbietet: Anwälte, Journalisten, Zuschauer. "Na?", begrüßt Simpson eine Reporterin. "Gerade angekommen?" Findet er mal keinen Gesprächspartner, steht er alleine am Fenster, von dem aus er über den "Strip" von Las Vegas gucken kann, über Nevadas Berge und, rechts unten, auf das Palace Station Hotel & Casino, in dem das ganze Drama angefangen hat.

Juristisches Nachspiel

Ein Drama, das jetzt im 15. Stock des Clark County Courthouses seine Fortsetzung findet. Im September vorigen Jahres soll Simpson mit drei Kumpanen im besagten Palace Station, einem Hotel abseits des berühmten Casino-"Strips", Fromong und einen Kollegen unter Waffengewalt beraubt haben. Die Beute: Hunderte alte, teils skurrile Simpson-Memorabilia - signierte Bälle, Fotos, Krawatten, die er während des Mordprozesses getragen hatte. Auf "80.000 Dollar" beziffert Fromong den Verlust im Zeugenstand, ehe er kollabiert.

Angeklagt sind aber nur zwei Männer: Simpson und sein mutmaßlicher Komplize Clarence Stewart. Die anderen, die im Palace Station dabei waren, haben sich bereits schuldig bekannt und werden als Kronzeugen aussagen.

Dass die Konfrontation stattgefunden hat, ist unumstritten - sie ist komplett als Audio- und teils als Videoaufzeichnung dokumentiert, inklusive des profanen Fluchgebrülls Simpsons. Die Frage ist: War das ein bewaffneter Raubüberfall, wie die Staatsanwaltschaft beweisen will? Oder nur die "Rückführung" privaten Eigentums in den rechtmäßigen Besitz Simpsons, wie dessen Anwälte behaupten?

"Ungestraft mit Mord davongekommen"

Doch natürlich steckt viel mehr hinter diesem Fall - er reißt alte Wunden auf. Eine Woche allein dauerte die Auswahl der Geschworenen: Wer ist in Sachen Simpson schon unbefangen? "Er ist ungestraft mit Mord davongekommen", proklamierte zum Beispiel eine darob disqualifizierte Kandidatin.

Nun hat die Verhandlungsphase begonnen. Dazu haben sich viele der alten Charaktere wieder eingefunden - eine Art Klassentreffen der ewigen, professionellen Simpson-Jünger.

Linda Deutsch etwa, die Grande Dame der US-Gerichtsberichterstattung aus Los Angeles: gebeugt, Plüschjacke, rosa Zuckerwattehaar. Deutsch wurde mit dem ersten Simpson-Prozess weltberühmt - und für den Pulitzerpreis nominiert. Für die jetzige Simpson-Show hat sie sich in Las Vegas extra eine Mietwohnung genommen.

Oder Dominick Dunne, der exzentrische, streitbare Kolumnist des Monatsblatts "Vanity Fair": Winzig kauert der 82-Jährige in der letzten Reihe, gelegentlich mit Papieren raschelnd. Seinen Hass auf Simpson hat der frühere Hollywood-Produzent nie verborgen.

Umso sprachloser ist Dunne, als Simpson zwischendurch auf ihn zutritt und sagt: "Ich gucke immer 'Power, Privilege, and Justice'!" So heißt die TV-Serie, in der Dunne Mord und Totschlag in den feinsten Kreisen anprangert. "Ehrlich!", fügt Simpson fast bittend hinzu, dreht sich um und schlurft zurück zu seinem Sitz. "Ich habe ja einiges erwartet", sagt Dunne kopfschüttelnd. "Nur das nicht. Bizarr!"

"Das wahre Gesicht"

Die Verlesung der Anklageschrift dauert 20 Minuten, gefolgt von zwei flamboyanten Eröffnungsplädoyers. In seinem kündigt Staatsanwalt Christopher Owens an, er werde mit diesem Prozess endlich "das wahre Gesicht von James Orenthal Simpson" offenbaren.

Was sich hier aber zunächst am deutlichsten zeigt, ist der schummrige Dunstkreis, in dem sich Simpson bewegt: eine Schattenwelt aus Dealern, Schacherern und Jasagern, denen es am Ende kollektiv nur um eines geht - Geld.

Die wahre Währung dieser Welt sind nämlich Erinnerungen an die Vergangenheit - Staubfänger aus jenen Tagen, da Simpson noch wer war: Bälle, Bilder, Kleidungsstücke. Relikte einer längst diskreditierten Zeit, die aber bei Sammlern immer noch Höchstbeträge erzielen und, glaubt man ihnen, wild gehandelt werden.

Anonymer Tipp vor der Razzia

Die meisten dieser seltsamen Souvenirs, so die Staatsanwaltschaft, halte Simpson seit Jahren vor den Gerichten versteckt. 1997 war er per Zivilprozess für die Morde an Brown Simpson und Goldman haftbar gemacht und verurteilt worden, den Familien 33,5 Millionen Dollar Entschädigung zu zahlen. Damals durchsuchte die Polizei sein Haus, um alle Wertgegenstände zu pfänden - fand jedoch nichts mehr. Simpson hatte am Abend zuvor einen anonymen Tipp bekommen.

Um einige dieser verschollenen Gegenstände von damals geht es hier nun wieder. Weshalb sich dieser Halbweltprozess dann doch wieder nahtlos an die alten Mordverfahren anschließt.

Simpson verfolgt das Geschehen meist lethargisch, kritzelt ab und zu in einer grünen Kladde herum. Nur wenn seine alten Trophäen herumgereicht werden, strahlt er und seine Wangenmuskeln zucken. Ein signierter Football (1973). Ein Foto mit dem damaligen FBI-Chef J. Edgar Hoover (1967), mit persönlicher Widmung: "An O.J., beste Wünsche." Ein Buch in Leder, von Simpson "im Gefängnis signiert".

Dominick Dunne beginnt derweil, seine Sachen zu packen, ihm ist langweilig. "Das Land", sagt er und blickt dabei über die halb leeren Zuschauerbänke, "hat das Interesse verloren."

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