Systematischer Menschenhandel Einschleusen, abschotten, ausbeuten

Mit einer Großrazzia sind Bundespolizisten gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution vorgegangen. Wer sind die Beschuldigten - und wer die Opfer? Fragen und Antworten.


Eine Razzia dieses Ausmaßes hat es in der Geschichte der Bundespolizei noch nicht gegeben: Bundesweit sind mehr als 1500 Beamte gegen eine Rotlichtbande vorgegangen. Ermittler durchsuchten am Morgen in zwölf Bundesländern insgesamt 62 Bordelle, Büros und Wohnungen.

Wer sind die Beschuldigten?

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft richten sich gegen insgesamt 56 Beschuldigte - 41 Frauen und 15 Männer - im Alter zwischen 26 und 66 Jahren. Zum Kern der Gruppierung gehören nach Behördenangaben 17 Personen deutscher und thailändischer Nationalität.

Bei der Aktion gegen das Schleuser- und Zuhälternetzwerk wurden mehr als hundert Personen vorläufig festgenommen, sieben Haftbefehle vollstreckt. Viele der festgenommenen Personen wurden in den durchsuchten Bordellen und Massagesalons angetroffen. In etlichen Fällen besteht zumindest der Verdacht des illegalen Aufenthalts.

Fotostrecke

12  Bilder
Großrazzia der Bundespolizei: Zugriff am frühen Morgen

Wo fanden die Durchsuchungen statt?

Laut der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt waren die Ermittler besonders in Nordrhein-Westfalen (17 durchsuchte Objekte), Hessen (zehn) sowie Niedersachsen und Baden-Württemberg (je neun) aktiv. Ein Schwerpunkt der Aktion war Siegen, wo auch die Spezialeinheit GSG 9 zum Einsatz kam. In Siegen leben laut Ermittlern die Hauptverdächtigen: eine 59-Jährige aus Thailand und ihr 62 Jahre alter deutscher Lebensgefährte. Sie betrieben in der Stadt drei Bordelle. Zudem wurden fünf weitere Beschuldigte in Eschborn, Maintal, Rastatt und Saarbrücken verhaftet. Es habe keinen größeren Widerstand gegeben.

Um welche Vorwürfe geht es?

Das Siegener Paar soll über Jahre gemeinsam mit Mittätern ein bundesweites Netzwerk aufgebaut haben, um thailändische Frauen und Transsexuelle nach Deutschland zu schleusen und als Prostituierte arbeiten zu lassen. Gegen die 56 Männer und Frauen wird wegen des Verdachts der Schleuserei, Zwangsprostitution, Zuhälterei, Vorenthaltens und Veruntreuung von Arbeitsentgelt sowie Steuerhinterziehung ermittelt.

Die Hauptbeschuldigte soll in Thailand mit unbekannten Komplizen gezielt Frauen und Transsexuelle angeworben und mit Touristenvisa nach Deutschland gebracht haben. Danach mussten die Betroffenen zunächst überwiegend in drei Bordellen der Beschuldigten in Siegen arbeiten.

Die Betroffenen sollten nach Erkenntnissen der Behörden auf diese Weise vermeintliche Schulden für die Schleusung in Höhe von 16.000 bis 36.000 Euro sowie die Kosten für "Miete" und Verpflegung abarbeiten. Allein dadurch, dass die Prostituierten nicht zur Sozialversicherung angemeldet worden seien, sei ein Schaden von 1,6 Millionen Euro entstanden, heißt es von den Behörden.

Nach einer gewissen Zeit in den Siegener Bordellen sollen die Betroffenen "in einer Art Rotationsprinzip" in andere Bordelle gebracht worden sein, unter anderem nach Maintal, Rastatt, Speyer, Saarbrücken, Rodgau und Gießen.

Was ist über die Opfer bekannt?

Die Polizei hatte vor den Durchsuchungen die Identität von 32 betroffenen Frauen und Transsexuellen ermittelt, die von den Verdächtigen zur Prostitution nach Deutschland gebracht worden sein sollen. Bei der Razzia trafen die Ermittler 150 mutmaßliche Betroffene an. Laut Ermittlungsstand wussten die Betroffenen bei ihrer Abreise aus Thailand, dass sie sich in Deutschland prostituieren sollten. "Es wurde wohl deutlich kommuniziert, was der Grund der Reise sein soll", sagte Oberstaatsanwalt Alexander Badle, Pressesprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt.

Die Betroffenen wussten aber offenbar nicht, dass sie zunächst ihre "Schulden" bei den Schleusern abarbeiten sollten und deshalb über längere Zeit keine Einnahmen erzielen würden. (Mehr dazu lesen Sie hier.) Weil die meisten von ihnen kein Deutsch sprechen, hatten sie wenig Chancen, sich selbst aus ihrer Situation zu befreien oder Deutschland zu verlassen - das nutzten die Verdächtigen laut Badle aus.

Wie sind die Reaktionen?

Bundesinnenminister Horst Seehofer sprach von einem skrupellosen Vorgehen und einer "sexuellen Ausbeutung in einem abscheulichen Ausmaß". Der Bundespolizei sei "ein harter und in seinem Ausmaß beispielloser Schlag gegen ein bundesweit verzweigtes Netzwerk der Organisierten Kriminalität gelungen". Der CSU-Politiker sagte, "viele Hunderte Frauen und Männer waren der menschenverachtenden grenzenlosen Profitgier von Schleusern über Jahre und Landesgrenzen hinweg ausgeliefert".

Bundespolizei-Chef Dieter Romann sagte, es gehe "den Kriminellen nicht um humanitäre Fluchthilfe, sondern um persönliche Bereicherung in Form menschenverachtender Ausbeutung". "Erneut zeigt sich: Organisierte Schleusungskriminalität ist häufig erst der Anfang für weitere Verbrechen."

Seit wann waren die Ermittler dem Netzwerk auf der Spur?

Der Razzia gingen monatelange Ermittlungen voraus. Ausgangspunkt war ein Verfahren der Staatsanwaltschaft Hanau in Hessen: Im Frühjahr 2017 sei dieses von der Eingreifreserve der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt/Main übernommen worden, sagte Badle. Die Ermittlungen wurden größer und nahmen schließlich das ganze Bundesgebiet ein. Die Eingreifreserve der Generalstaatsanwaltschaft unterstützt andere Staatsanwaltschaften bei bestimmten Verfahren. Zu ihren Einsatzbereichen gehört auch die Organisierte Kriminalität.

fgr/ulz/dpa/AFP/Reuters



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.