Razzia Handy-Tauschbörse für Kinderpornografie enttarnt

Nicht nur im Internet wird mit kinderpornografischem Material gehandelt. Auch per Handy-MMS wird es angeboten, getauscht, versendet. Bei der bislang größten Razzia in diesem Bereich hat die Polizei insgesamt 465 Tatverdächtige ermittelt. Der jüngste von ihnen ist 20, der älteste 83 Jahre alt.

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Hamburg - Fast drei Tage dauerten die Durchsuchungen, 465 Wohnungen in ganz Deutschland wurden durchstöbert: Im Kampf gegen Kinderpornografie sind die Ermittler bei einer bundesweiten Razzia dem nach eigenen Angaben bislang größten Handy-Tauschring auf die Schliche gekommen.

"Die Dimension ist außerordentlich", sagte Oberstaatsanwalt Hans-Manfred Jung SPIEGEL ONLINE. Insgesamt 465 Tatverdächtige seien bei der Polizeiaktion ermittelt worden. Der jüngste Tatverdächtige sei 20 Jahre alt, der älteste 83.

Handy auf Empfang: 465 Tatverdächtige wurden überprüft
Corbis

Handy auf Empfang: 465 Tatverdächtige wurden überprüft

Sie sollen kinderpornografische Bilder und Videos nicht wie sonst üblich über das Internet, sondern über ihre Mobiltelefone per MMS (Multimedia Messaging Service) erhalten und zum Teil auch weiterverbreitet haben. "Das ist das erste MMS-Verfahren in diesem Umfang", so Jung.

Aufgeflogen ist der Kinderporno-Tauschring nach Angaben der Ermittler über einen 33-jährigen Mann aus dem Schwalm-Eder-Kreis in Nordhessen, auf den die Polizei Bremen durch einen anderen Fall aufmerksam wurde. "Dieser Hinweis hat diese Lawine ausgelöst", sagte Kriminalhauptkommissar Reinhard Giesa SPIEGEL ONLINE.

Der Mann sei bei seiner Festnahme Anfang September 2008 geständig gewesen, nachdem erhebliche Mengen an kinderpornografischem Material bei ihm entdeckt worden waren. Der 33-Jährige habe demnach zugegeben, an knapp 500 verschiedene Handy-Nummern in Deutschland entsprechende Bilder geschickt zu haben, sagte Giesa. "Wir gehen nicht davon aus, dass er damit Geld verdienen wollte, sondern dass es in erster Linie um den Austausch kinderpornografischen Materials ging."

Außergewöhnlich sei der Übermittlungsweg gewesen: Handy statt Internet. Nach ersten Verdachtsmomenten wurde sofort die "Operation Susi" (benannt nach einem Dateinamen) eingerichtet: Jeder einzelne Anschlussinhaber der fast 500 gefundenen Handy-Nummern wurde ermittelt. "In monatelanger akribischer Arbeit" habe man die mutmaßlichen Empfänger ermittelt und die Durchsuchungen von deren Wohnungen vorbereitet, so Giesa.

Hinweise auf möglichen Kindesmissbrauch

Mehr als tausend Beamte waren bei der bundesweiten Razzia von Dienstag bis Donnerstag im Einsatz. Sichergestellt wurden den Ermittlern zufolge 312 Computer, 109 Laptops, 2197 Festplatten und Speicherkarten, 644 Mobiltelefone und 16.282 CDs und DVDs.

Die Auswertung werde noch mehrere Monate dauern, sagte Oberstaatsanwalt Jung. In einigen Fällen habe das beschlagnahmte Beweismaterial aber schon "eindeutig als kinderpornografisch identifiziert" werden können.

In zwei bis vier der 465 Fälle gibt es laut der Ermittler zudem Hinweise auf einen möglichen aktuellen Kindesmissbrauch. Es müssten aber noch die aufgefundenen Daten und die Aussagen ausgewertet werden, was erneut Monate dauern könne, erklärte ein Polizeisprecher.

In allen 16 Bundesländern seien Razzien durchgeführt worden, erklärte ein Ermittler SPIEGEL ONLINE. Aus ermittlungstaktischen Gründen wurden jedoch keine Ortsnamen bekanntgegeben. Allein aus Nordrhein-Westfalen seien 85, in Bayern 76 und in Niedersachsen 56 Tatverdächtige ermittelt worden.

Der Hauptteil der Tatverdächtigen seien Männer. In 20 Fällen seien auch Frauen als Anschlussinhaber der Handys ermittelt worden. Personen des öffentlichen Lebens seien nicht betroffen. Die Ermittlungen richteten sich bislang nur gegen die Inhaber der Mobilfunkanschlüsse. Ob die Telefone wirklich von ihnen genutzt wurden, müsse noch geklärt werden. Einige der mutmaßlichen Täter hätten schon Geständnisse abgelegt.

Wie genau der Tausch ablief, könne noch nicht gesagt werden. Den mutmaßlichen Tätern droht für den Besitz und das Verbreiten von kinderpornografischen Schriften eine Freiheitsstrafe zwischen drei Monaten und fünf Jahren.

Entgegen dem ausdrücklichen Wunsch der Ermittler war über die riesige Razzia von einzelnen Medien bereits im Laufe der Woche berichtet worden. Dadurch vorgewarnte Verdächtige hätten Beweismaterial möglicherweise vernichten können, sagte Oberstaatsanwalt Jung. "Inwieweit konkret Dateien gelöscht und Festplatten neu formatiert und damit einzelne Ermittlungsverfahren kaputtgemacht worden sind, können wir erst nach der Auswertung des sichergestellten Beweismaterials sagen."

Fest stehe aber, dass man mit dieser Aktion "in ein Wespennest gestochen" habe, erklärte Kommissar Giesa. "Es wird nicht das einzige bleiben."



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