Razzia gegen Rechtsextremisten: Auf der Spur der deutsch-österreichischen Kameraden

Von Maik Baumgärtner und Mario Born

Vereinigung Objekt 21: "Das größte kriminelle Netzwerk seit Jahrzehnten" Zur Großansicht

Vereinigung Objekt 21: "Das größte kriminelle Netzwerk seit Jahrzehnten"

Im thüringischen Crawinkel hat die Polizei eine Neonazi-Immobilie durchsucht, gefunden wurden Schusswaffen und Munition. Die Razzia ist Teil einer größeren Fahndung: Es geht um ein rechtsextremes Netzwerk, das in Österreich mit Anschlägen, Überfällen und Drogenhandel Schlagzeilen gemacht hat.

In den frühen Morgenstunden schlugen die Beamten der Ermittlungsgruppe Zesar des Landeskriminalamts Thüringen zu: Sie durchsuchten am Donnerstag zwei Immobilien in Crawinkel und Ballstädt (Kreis Gotha) und eine Wohnung in der Landeshauptstadt Erfurt. Das Ziel der Fahnder: vier Neonazis im Alter von 27, 29, 36 und 37 Jahren. Der Verdacht: Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz.

Allein eine Auswahl aus der Liste der sichergestellten Gegenstände lässt aufhorchen: Mindestens ein Sturmgewehr mit Munition, zwei Maschinenpistolen der Marke Uzi, ein Colt "Double Eagle", 15 Patronen Kaliber 9 mm sowie diverse Schlagwaffen und eine geringfügige Menge Amphetamine.

"Solche Waffen braucht man nicht für den Schützenverein", kommentiert Madeleine Henfling, Sprecherin der Vernetzung von Bündnissen, Initiativen und Netzwerken gegen Rechts in Thüringen. Vor allem die Durchsuchung einer Immobilie in Crawinkel ist bemerkenswert: Neonazis hatten sie Ende 2011 erworben, sie nannten sich fortan "Hausgemeinschaft Jonastal". Nun wurden gleich drei Wohnungen in dem Objekt durchsucht.

"Es handelt sich bei den Nutzern der Immobilie um gewaltbereite und militaristische Neonazis", so Henfling. Seit etwa 20 Monaten warnen Politiker der Linken und Grünen vor den Neonazis aus Crawinkel. In kürzester Zeit wandelte sich der kleine Ort zu einem für die Szene wichtigen Veranstaltungsort, er ist heute Knotenpunkt rechtsextremer Aktivitäten in Südthüringen.

Einer der Durchsuchten soll Mitglied der Neonazi-Band SKD sein, wie SPIEGEL ONLINE aus Ermittlerkreisen erfuhr. SKD steht für Sonderkommando Dirlewanger, benannt nach dem Kriegsverbrecher Oskar Dirlewanger.

Österreichischer Haftbefehl vollstreckt

Aus ihrer Sympathie für mutmaßliche Unterstützer der rechtsextremen Terrorzelle NSU machte die Band in der Vergangenheit keinen Hehl: "Freiheit für Wolle" fordert die Band in einem ihrer Lieder. Gemeint ist der im NSU-Prozess angeklagte Ralf Wohlleben. Für Martina Renner, Innenexpertin der Linksfraktion im Thüringer Landtag, besteht kein Zweifel, worauf die Band mit ihrer Aktion abzielte. "Da wird ein klares Signal in die rechte Szene gesetzt, ideologisch wie organisatorisch dem Weg des NSU zu folgen."

Den Razzien waren intensive Ermittlungen in Österreich vorausgegangen, die Zesar-Fahnder kooperierten eng mit den dortigen Sicherheitsbehörden. Der Grund: Ein Teil der Thüringer Verdächtigen pflegt enge Kontakte nach Österreich. So wurde im Zuge der Durchsuchungen gegen einen der Beschuldigten ein europäischer Haftbefehl aus der Alpenrepublik vollstreckt. Das zuständige Oberlandesgericht in Thüringen muss jetzt über seine Auslieferung entscheiden. Gegen ihn soll nach Informationen von SPIEGEL ONLINE der Vorwurf zur Beihilfe beim Aufbau einer kriminellen Vereinigung im Raum stehen.

In Österreich wiederum sitzt ein 27-jähriger Gothaer aus dem Umfeld der Hausgemeinschaft Jonastal bereits in Haft. Er war zu Beginn dieses Jahres aufgrund eines europäischen Haftbefehls ausgeliefert worden.

Österreichische Behörden haben Thüringer Rechtsextremisten im Visier, seitdem sie die Vereinigung Objekt 21 zerschlagen haben. Der Name leitet sich von der Adresse Windern 21 ab, ein kleiner Ort im grenznahen Bundesland Oberösterreich. Hier mieteten sich Neonazis in einem alten Bauernhof ein. In Österreich sorgte der Umstand für Schlagzeilen, dass es sich um das Elternhaus von Stefan Ruzowitzky, Regisseur des Oscar-prämierten KZ-Dramas "Die Fälscher", handelt.

Straftaten füllen 20.000 Seiten

Bewaffnete Raubüberfälle, Einbrüche, Körperverletzung, Einschüchterung, Erpressung, Entführung, Rauschgift- und Waffenhandel, Anschläge mit Brandsätzen und Buttersäure im Rotlichtmilieu: Die Taten der Kameradschaft füllen in Österreich Akten in einem Umfang von mehr als 20.000 Seiten. Nach massiven Ermittlungen hatten die Sicherheitsbehörden im Januar 2013 die Zerschlagung der Neonazi-Mafia vermeldet. Bei Hausdurchsuchungen fanden die Beamten unter anderem zehn Kilo Sprengstoff. "Das größte kriminelle Netzwerk seit Jahrzehnten", sagte der grüne Politiker Karl Öllinger damals.

Die Truppe mit rund 30 Mann im Kern und rund 200 Sympathisanten richtete ein rechtsextremes Erlebniszentrum ein - mit nordisch-heidnischen Wandfresken und Grillplatz in Form einer riesigen schwarzen Sonne. Konzerte namhafter Bands und Liedermacher machten den Treff bald zum Geheimtipp auch in der deutschen Szene. "Bei einer Veranstaltung zählten wir Autos aus fünf deutschen Bundesländern", sagt ein oberösterreichischer Verfassungsschützer.

Doch die als "Kulturverein" auftretende Kameradschaft beschränkte sich nicht aufs Feiern. 2011 begann der gezielte Aufbau eines mafiösen Netzwerkes - mit tatkräftiger Unterstützung aus Deutschland. Nach Erkenntnissen österreichischer Ermittler knüpfte die Gruppe über bayerische Rockergruppen Kontakte in die Rotlichtszene, zudem wurden die Verbindungen zu den Thüringer Neonazis intensiver.

Prozessmarathon gegen 35 Verdächtige

Sowohl deutsche als auch österreichische Ermittler registrierten in den vergangenen Jahren regelmäßige Besuche und Gegenbesuche der Führungskader. Deutsche Neonazis organisierten Konzerte im Objekt 21 und brachten die Bands gleich mit. Aktenkundig ist die Hilfe mehrerer deutscher Kameraden bei Straftaten.

Objekt 21 steht nicht nur für eine neue Dimension von organisierter, grenzüberschreitender Kriminalität von Rechtsaußen. Es ist Sinnbild für die gefährliche Lässigkeit österreichischer Behörden beim Thema Rechtsextremismus. Obwohl Journalisten und Engagierte aus der Zivilgesellschaft schon Anfang 2010 auf die Umtriebe aufmerksam machten, blieben die österreichischen Neonazis und ihre deutschen Kameraden fast drei Jahre juristisch nahezu unbehelligt.

In der Kritik stehen die Staatsanwaltschaft sowie der örtliche Polizeiapparat. Zwar durchsuchte eine Spezialeinheit nach Auffliegen des Neonazi-Treffs im August 2010 das erste Mal die Räumlichkeiten und sicherte kartonweise Beweismaterial, was sieben Monate später zu einem Vereinsverbot führte. Doch die Staatsanwaltschaft verschleppte die Anklage mehr als zwei Jahre. Zudem steht der Vorwurf im Raum, dass die Mitglieder der Kameradschaft vor Durchsuchungen gewarnt wurden. Die möglichen Kontakte zur Polizei sowie die Untätigkeit der Justiz beschäftigt nun das Parlament in Österreich.

Parallel hat der Prozessmarathon gegen insgesamt 35 Verdächtige aus dem Umfeld der Kameradschaft begonnen. Drei Urteile sind bereits gefallen. Den sieben Führungsköpfen wird nationalsozialistische Wiederbetätigung vorgeworfen, ihnen drohen bis zu 20 Jahre Gefängnis. Sie haben Einspruch gegen die Anklage eingelegt - und sind auf freiem Fuß.

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