Entlassung von Dutroux-Komplizin: Wut und ratlose Gesten

Die Ex-Frau und Komplizin des Sexualmörders Marc Dutroux hat ihre Gefängniszelle verlassen: Michelle Martin ist in ein Nonnenkloster im südbelgischen Malonne eingezogen. Ihre vorzeitige Haftentlassung sorgt in Belgien für heftige Reaktionen.

Belgische Demonstranten in der Nähe des Klosters von Malonne: "Unverständnis und Wut" Zur Großansicht
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Belgische Demonstranten in der Nähe des Klosters von Malonne: "Unverständnis und Wut"

Hamburg/Brüssel - Ein schwarzer Wagen mit verdunkelten Fensterscheiben rollt auf den Parkplatz des Klarissenklosters im südbelgischen Malonne. Das zeigen Aufnahmen des belgischen Fernsehens. Es ist Dienstagabend gegen 22.30 Uhr, alles ist ruhig. Die rund fünfzig Demonstranten, die einige Meter vor den Absperrungen der Polizei aufgehalten wurden, sehen nicht, wie die blonde Frau in dem backsteinroten Gebäude verschwindet. Ihre Protestschreie gegen die vorzeitige Entlassung der Komplizin des Sexualmörders Dutroux verhallen in der Nachtluft. "Aus Angst werden unsere Kinder im Dorf nicht mehr frei herumlaufen können", sagt eine Anwohnerin im flämischen Fernsehen. Auch der Leiter des Kindergartens von Malonne äußert sich, er fühle "Unverständnis und Wut."

Die Empörung der belgischen Bevölkerung richtet sich gegen die Justiz des Landes, die die vorzeitige Haftentlassung Michelle Martins möglich gemacht hat. Die nicht verhinderte, dass eine Frau, die zwei kleine Mädchen verhungern ließ und einen Kindermörder deckte, bereits nach der Hälfte ihrer Haftstrafe aus dem Gefängnis kommt. Der Großteil der Belgier nimmt der 52-Jährigen nicht ab, dass sie selbst ein Opfer Marc Dutroux' gewesen sein soll und ihm willenlos ergeben war. Sie glauben ebenso wenig, dass sich Michelle Martin im Gefängnis verändert hat und nun ihr Leben dem katholischen Glauben widmen will.

Rechtspopulist ruft zum Mord an Martin auf

Die öffentliche Entrüstung über den Fall Michelle Martin nahm bei dem belgischen Parlamentarier Jurgen Verstrepen besonders heftige Züge an. Der flämische Abgeordnete der rechtspopulistischen "Liste Dedecker" twitterte am Dienstagabend: "Wenn wir zusammenlegen, können wir einen Albaner finden und ihn dafür bezahlen, dass er Michelle Martin kalt macht (...) Kandidaten?", fragte der Politiker. Später fügte er hinzu: "Wenn ich es mir recht überlege, die Albaner sind zu teuer geworden - ein Junkie würde es für weniger machen." Belgische Politiker haben diese Äußerungen verurteilt, sehen sich selbst aber in einer machtlosen Situation.

Ministerpräsident Elio Di Rupo hat am Dienstag die Opferfamilien am Brüsseler Justizpalast persönlich empfangen, sprach vor den Fernsehkameras über sein Verständnis für die Empörung der Belgier und den Schmerz der Angehörigen. Doch viel mehr als diese ratlosen Gesten können belgische Politiker nicht unternehmen. Justizministerin Annemie Turtelboom hatte am Dienstag zum zweiten Mal innerhalb von sieben Tagen eine Kabinettssitzung anberaumt. Sie will so schnell wie möglich eine Gesetzesreform auf den Weg bringen, die die vorzeitige Haftentlassung in Zukunft erschweren soll. Im Fall Michelle Martin kommt diese Änderung zu spät.

Die Opferfamilien führen ihren Kampf gegen die von ihnen als ungerecht empfundene Entscheidung weiter. Jean-Denis Lejeune, der Vater eines der getöteten Mädchen, hat der Ex-Frau des Kindermörders einen Brief geschrieben. Darin bitte Lejeune sie um Details über den Tod seiner Tochter. Bis heute hat die 52-Jährige sich über die Umstände des Todes der Kinder ausgeschwiegen. Nun will Michelle Martin mit den Familien der Opfer Briefkontakt aufnehmen, wie ihr Anwalt, Thierry Moreau, am Mittwoch im belgischen Radio ankündigte. Zudem rief er die Bevölkerung zur Besinnung auf: "Meine Mandantin hat fraglos fundamentalste Rechte anderer Menschen verletzt", sagte der Verteidiger nach dem Gerichtsbeschluss am Dienstag. "Das bietet jedoch keine Basis, ihre Rechte zu missachten."

"Eine wahre christliche Botschaft"

Die belgische Zeitung "De Standaard" zeigte sich von dem Ausgang des Falls beeindruckt. "Dass es in unserer Gesellschaft noch eine Einrichtung gibt (…), die eine Ausgestoßene aufnimmt, die sonst nirgendwo in der Welt einen Platz für sich finden würde, sollte uns zufrieden stimmen", hieß es in der Mittwochsausgabe des Blattes. "Die Aufgabe, die die Schwestern im Klarissenkloster auf sich nehmen, ist ebenso schmerzvoll wie beeindruckend."

Auch Vertreter der katholischen Kirche lobten die Bereitschaft der Ordensschwestern, sich der Verurteilten anzunehmen. "Die Klarissinnen vermitteln eine wahre christliche Botschaft", sagte der Erzbischof von Lüttich, Aloys Jousten, dem Belgischen Rundfunk.

fhu/dpa/dapd

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