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Rechtsextreme Terrorgruppe: Kameraden bis in den Tod

Von , Erfurt

Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zogen offenbar durch die Republik, erschossen Ausländer sowie eine Polizistin und überfielen Banken. Unbemerkt lebten die Rechtsextremen jahrelang in Zwickau - und hätten mit etwas Glück bereits in diesem Frühjahr gefasst werden können.

Zwickauer Zelle: Sicherheitsexperten warnen von neuem Rechtsterror Fotos
DPA

Am Ende hielten sie sich wohl an eine Abmachung - so rekonstruieren die Ermittler jetzt die Geschehnisse. Für den Notfall hätten sie vereinbart: Wenn wir auffliegen, töten wir uns selbst. Maskiert mit Kapuze und Tuch über Mund und Nase hatten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt eine Bank am Eisenacher Nordplatz überfallen. Sie flohen auf Fahrrädern vom Tatort, die sie dann - einen Kilometer weit entfernt - in ihr weißes Wohnmobil mit dem Kennzeichen für den Vogtlandkreis verstauten. Ein Streifenwagen-Team entdeckte um kurz nach 12 Uhr im Rahmen der Bankräuber-Fahndung den Wagen in einer ruhigen Wohngegend Eisenachs und forderte Verstärkung an.

Mundlos und Böhnhardt sollen den Polizeifunk abgehört und erfahren haben, dass sie bald umzingelt sind. Sie riefen ihre Komplizin Beate Zschäpe an, so die Ermittler, und trugen ihr auf, sämtliche Spuren in der gemeinsamen Wohnung in Zwickau zu vernichten. Dann setzten sie das Auto in Brand und erschossen sich gegenseitig - oder der eine zunächst den anderen, dann sich selbst. Als sich die Polizeibeamten dem Wohnmobil näherten, hörten sie die zwei Schüsse, kurz darauf fing das Fahrzeug Feuer und brannte fast vollständig aus. Die Leichen der 34 und 38 Jahre alten Männer lagen in dem Wohnmobil, beide wiesen einen Kopfschuss auf.

Seit Freitag ist bekannt, dass die drei ehemaligen Neonazis aus Jena Mitglieder einer rechtsextremen, terroristischen Vereinigung waren - und in den vergangenen 13 Jahren auf einer Art Todesfeldzug durch die Republik insgesamt zehn Menschen regelrecht exekutiert haben, darunter die 22-jährige Polizistin Michèle Kiesewetter sowie acht türkische und einen griechischen Kleinunternehmer, Opfer der sogenannten Döner-Morde.

Die Polizei patrouillierte vor dem Haus des Verbrecher-Trios

Die Siedlung in Weißenborn, in der sie zuletzt lebten, gehört zu den besseren Vierteln Zwickaus. Im Frühjahr kam es dort zu einer Einbruchserie. Ein identifiziertes, aber bislang flüchtiges Duo aus Serbien kletterte durch gekippte Fenster oder knackte die Wohnungstüren, es erbeutete Wertgegenstände und Bargeld in Höhe von 11.600 Euro. In einem Fall kam ein 75 Jahre alter Mann ums Leben, als er durch den Vorfall einen Herzinfarkt erlitt - keine drei Minuten Fußweg vom Haus des rechtsextremen Trios in der Frühlingsstraße entfernt.

Die Polizei verstärkte daraufhin die Kontrollen in Weißenborn. "Wir Anwohner wurden beruhigt, dass uns Zivilstreifen schützen", erinnert sich Jörg H. "Einer meiner Kollegen wurde daher auch einmal um 22 Uhr mit dem Auto angehalten und kontrolliert." Gerieten auch Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in eine solche Kontrolle? Hatten sie ihre echten und vor allem gültigen Ausweise bei sich?

Die Präsenz der Fahnder sei spürbar gewesen, sagt auch der direkte Nachbar der mutmaßlich rechtsextremen Terroristen - "und zwar standen die hier teilweise exakt vor deren Haustür". Ein Polizeisprecher bestätigte, dass es wochenlang intensive Kontrollen in der unmittelbaren Umgebung des Hauses gegeben habe.

Ermittlern zufolge hatte Beate Zschäpe die Anweisungen ihrer Komplizen am Freitag zunächst befolgt: Sie setzte die gemeinsame Wohnung in Brand. Doch sie selbst tötete sich nicht, sondern stellte sich vier Tage später der Polizei. In der von der Explosion verwüsteten Wohnung der drei fanden Ermittler die Pistole, mit der die Döner-Morde verübt worden sind und die Handschellen der getöteten Michèle Kiesewetter. Zudem entdeckten sie rechtsextreme Propaganda-Videos der Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund". In dem ausgebrannten Wohnmobil wurden die Dienstwaffen der Heilbronner Polizisten gefunden sowie Pumpguns, eine Maschinenpistole, ein Revolver, eine Pistole und eine Handgranate.

Zschäpe sitzt in Untersuchungshaft und schweigt. Die Spuren, die sie vernichten sollte, werten die Ermittler längst aus.

Rechtsradikale sollen dem Trio geholfen haben

Die Ergebnisse beunruhigen Verfassungsschützer und Innenminister. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen die 36-Jährige wegen des Anfangsverdachts einer Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Mord, versuchtem Mord und schwerer Brandstiftung. Wo sich Beate Zschäpe in den vier Tagen auf ihrer Flucht versteckte, ist noch unklar.

Als das Trio 1998 seiner Festnahme entkam und untertauchte, sollen ihm Kameraden aus der rechten Szene geholfen haben. Es besteht der Verdacht, dass Mitglieder des "Thüringer Heimatschutzes" Kontakt mit dem Trio hielten - aber wie lange? Und warum tötete sich Beate Zschäpe nicht auch? War sie in der irrigen Annahme, sie könne sich stellen und nur wegen schwerer Brandstiftung belangt werden? Hoffte sie gar, die kaltblütige Verbrechensserie würde nie auffliegen?

Auf ihrer Flucht, am Tag nach dem Banküberfall, rief sie die Eltern ihrer Mitbewohner an und überbrachte ihnen die Todesnachricht. Sie sagte, ihr Tod stehe im Zusammenhang mit "der Sache, die gestern in Eisenach war, mit der Bank" und legte auf.

Seit 2008 lebten die Rechtsextremen zu dritt in Zwickau. Nach Informationen des MDR Thüringen soll Beate Zschäpe aber schon seit mindestens Mai 2001 unter falschem Namen in der sächsischen Stadt gelebt haben - also zu einer Zeit, in der das Landeskriminalamt Thüringen nach der Frau und den Männern wegen Vorbereitung eines Sprengstoffverbrechens per internationalem Haftbefehl und Fahndungsfotos suchte. Wo sich das Trio zwischen seinem Abtauchen im Jahr 1998 und 2001 aufhielt, ist noch ungeklärt.

Der Mietvertrag der Wohnung der drei in der Frühlingsstraße 26 lief übrigens auf den Namen Matthias D. Der 37-Jährige soll laut "Focus" Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auch vor Jahren seinen Personalausweis überlassen haben. Damit soll auch das Wohnmobil für den Banküberfall in Eisenach angemietet worden sein - und ebenfalls ein Wohnmobil, mit dem sie unterwegs waren, als sie in Heilbronn Michèle Kiesewetter erschossen haben sollen.

Der Mann wurde laut "Focus" bereits wenige Stunden nach dem Fund der beiden Leichen von der Polizei in Gewahrsam genommen und verhört. Er soll wie Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Jena geboren sein und Kontakte in die rechtsradikale Szene gehabt haben.

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Fotostrecke
Kriminalfall: Der Heilbronner Polizistenmord

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Neue Spuren: Döner-Morde - Spur im rechtsextremen Milieu
Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.


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