Rechtsterrorismus: Wusste die Neonazi-Szene schon 2002 von den NSU-Morden?

Von Maik Baumgärtner und

Eine ominöse Kommentar-Zeile in einem Neonazi-Magazin legt den Verdacht nahe, dass die Taten des "Nationalsozialistischen Untergrunds" schon 2002 bekannt waren. Dort stand die Botschaft "Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen".

Vorwort aus "Der Weiße Wolf": Eine in Zwickau gefundene Datei könnte zum Editorial passen Zur Großansicht

Vorwort aus "Der Weiße Wolf": Eine in Zwickau gefundene Datei könnte zum Editorial passen

Berlin - Seit Monaten versuchen Ermittler herauszufinden, ab wann die deutsche Neonazi-Szene über die Existenz der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) um die Neonazis Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe informiert war. Wer hat das Trio unterstützt und wer wusste womöglich um die Anschläge der Zelle?

Jetzt sind Rechercheure des linken Pressearchivs "Apabiz" in Berlin nach eigenen Angaben auf eine Publikation gestoßen, in der bereits 2002 auf den NSU hingewiesen worden sei: In der Ausgabe Nr. 18 des Neonazi-Fanzines "Der Weiße Wolf", das sich damals überwiegend an die rechte Szene in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg richtete, ist unter dem Vorwort auf Seite 2 ein bemerkenswerter Satz zu lesen. Fett gedruckt heißt es dort: "Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen". Es folgen ein zwinkernder Smiley und die offenbar an den Jargon der RAF angelehnte Parole: "Der Kampf geht weiter..."

Das Editorial, das dem SPIEGEL in Kopie vorliegt, wäre die erste bislang bekannte öffentliche Erwähnung des NSU. Die Publikation könnte zu einem Fundstück passen, das Ermittler im Brandschutt der Zwickauer Frühlingsstraße, dem letzten Versteck des Neonazi-Trios, sicherstellten. Dort waren Fahnder auf einen Datenträger gestoßen, der eine am 5. März 2002 erstellte Datei namens "nsu.brief" enthielt. Zu diesem Zeitpunkt soll die Zelle bereits vier Morde und einen Sprengstoffanschlag begangen haben.

Unter anderem heißt es in der Datei: "Der Nationalsozialistische Untergrund verkörpert die neue politische Kraft im Ringen um die Freiheit der Deutschen Nation. (...) Getreu dem Motto 'Sieg oder Tod' wird es kein Zurück geben." Das Schreiben endet mit einem Verweis auf Untergrund-Postillen, in der Szene "Zines" genannt, als möglichen Kommunikationsweg: "Der NSU wird niemals durch eine Kontaktadresse oder Nummer erreichbar sein, was aber nicht bedeutet, dass er unerreichbar ist. Internet, Zeitungen und Zines sind gute Informationsquellen - auch für den NSU."

Die Szene-Zeitschrift "Der Weiße Wolf" wurde unter anderem im Jahr 2003 im Jahresbericht des mecklenburg-vorpommerschen Verfassungsschutzes als "neonazistische Publikation" bewertet. In einer späteren Ausgabe des "Weißen Wolfs" wird als Verfasser David Petereit genannt, der heute als NPD-Abgeordneter im Schweriner Landtag sitzt.

In einer schriftlichen Stellungnahme teilte Petereit mit, der Textabschnitt aus Ausgabe Nr. 18 sei ihm "weder bekannt noch erinnerlich". Er habe "das Fanzine erst ab der Ausgabe 20 als presserechtlich Verantwortlicher betreut".

Eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft erklärte auf SPIEGEL-Anfrage: "Wir gehen dem Hinweis auf diese Publikation nach."

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