Reemtsma-Lösegeld Wie ein Rentner die Hells Angels erpresst haben soll

Reemtsma, Rocker und ein Rentner: Ein ehemaliger Zuhälter soll jahrelang Frankfurter Hells Angels unter Druck gesetzt und Geld von ihnen kassiert haben. Angeblich drohte er mit Enthüllungen zur Entführung des Hamburger Multimillionärs.

Von , Düsseldorf

Festnahme von Horst R.: "Regelmäßige Zahlungen" aus Frankfurt
Guardia Civil

Festnahme von Horst R.: "Regelmäßige Zahlungen" aus Frankfurt


Als er abgeführt wird, trägt Horst R. eine hellblaue Trainingsjacke, eine graue Jogginghose und ein blaues T-Shirt von Nike. Seine grauen Haare sind ungekämmt, der mächtige Bauch zeichnet sich deutlich unter der Kleidung ab. Der 62-Jährige, früher ein gefürchteter Zuhälterkönig auf St. Pauli, trottet behäbig neben den spanischen Polizisten her. Besonders einschüchternd wirkt er nicht.

Doch wenn sich bewahrheiten sollte, was die Staatsanwaltschaft Aachen und die Polizei in ihrer Operation "Black Mail" gegen R. zusammengetragen haben, konnte der Rentner erheblichen Schrecken verbreiten. Dem Ex-Luden aus Hamburg, Szenename "Bongo", und seiner Schwester, 59, wird vorgeworfen, einige Hells Angels erpresst zu haben. Demnach drohte R. den Frankfurter Rockern mit Enthüllungen: Sie hätten Summen "in Millionenhöhe" aus Teilen des Reemtsma-Lösegelds "gewaschen". Das war das Druckmittel.

Der Hamburger Unternehmer Jan Philipp Reemtsma wurde im März 1996 von Thomas Drach und zwei Komplizen entführt. Nach gut vier Wochen kam er gegen die Zahlung eines Lösegelds von 15 Millionen Mark und 12,5 Millionen Schweizer Franken frei. Davon ist bislang nur ein kleiner Teil aufgetaucht. Drach befindet sich nach Verbüßung einer langjährigen Freiheitsstrafe inzwischen wieder auf freiem Fuß.

"Ich denke, das ist irgendwo versickert"

Im Fall Horst R. stellten die deutschen Ermittler fest, dass der auf Mallorca lebende Rentner über Jahre hinweg "regelmäßige Zahlungen" aus Frankfurt erhalten hatte, wie es heißt. Insgesamt gehe es um "mehrere zehntausend Euro", so der Sprecher der Aachener Staatsanwaltschaft, Jost Schützeberg, auf Anfrage. Mutmaßlich handelt es sich dabei um das von den Rockern erpresste Geld, aus dem R. und seine Schwester ihren Lebensunterhalt bestritten haben sollen. Die Transaktionen waren aufgefallen, als hessische Ermittler das Finanzgebaren der dortigen Hells Angels unter die Lupe genommen hatten.

Gerüchte, dass die Hells Angels etwas mit den verschwundenen Reemtsma-Millionen zu tun haben können, gibt es seit geraumer Zeit. Die deutschen Höllenengel unterhalten schließlich seit Jahrzehnten beste Drähte in die Schweiz, einige von ihnen leben inzwischen auch dort. Zuletzt hatte die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt, ob die Beute aus der Entführung in einen Darmstädter FKK-Club investiert worden sein könnte. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt.

In Aachen wiederum war im November 2008 ein Freund Drachs zu sechs Jahren Gefängnis wegen Geldwäsche verurteilt worden. Bernd Dieter K., damals 59, hatte eingeräumt, hohe Summen ins Ausland transferiert zu haben. Der Kammer zufolge ging es um sechs Millionen Schweizer Franken und mindestens 250.000 US-Dollar. Der Vorsitzende Richter sagte jedoch, dass K. sehr wahrscheinlich auch weitere 750.000 US-Dollar gewaschen habe, was aber nicht zweifelsfrei nachzuweisen gewesen sei. Im Prozess hatte K. erklärt, er gehe nicht davon aus, dass von dem Lösegeld noch etwas übrig sei: "Ich denke, das ist alles verbraucht, irgendwo versickert, durch Fehlplanung und Fehlinvestition."

Hartgesottene Höllenengel unter Druck?

Ob Hells Angels damit zu tun hatten? Ihr im September 2011 verbotener Ableger "Westend" in Frankfurt gilt als einer der mächtigsten und finanziell potentesten im gesamten Bundesgebiet. Die Truppe um den Anführer Walter Burkard kontrolliert weite Teile des umsatzstarken hessischen Rotlichtmilieus und pflegt gute Kontakte zu Prominenten sowie einflussreichen Geschäftsleuten.

Aus Unterlagen der Ermittler wird ersichtlich, wie gewaltbereit die Angels sind, dass sie vor Bedrohung, Einschüchterung von Zeugen und brutalem Waffeneinsatz nicht zurückschrecken. So wurde der Rocker Nils H. etwa 2007 wegen Totschlags zu neuneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weil er 2006 den Türsteher einer Frankfurter Discothek mit einem Messer getötet hatte. Das Opfer, Dominique T., hatte den Höllenengel erst nicht in den Club lassen wollen, weil der einen Gang-Pullover trug.

Zuletzt waren die Frankfurter Hells Angels vor allem dadurch aufgefallen, dass sie sich in einem clubinternen Machtkampf eindeutig positioniert hatten. Sie verstehen sich offenbar selbst als Gralshüter der vermeintlich in Gefahr geraten Rocker-Traditionen. Auf der anderen Seite haben der ehemalige "Pate von Köln", Necati Arabaci, und seine jungen Wilden Stellung bezogen. Beide Parteien wenden in dem Streit immer wieder auch Gewalt gegen die vermeintlichen "Brüder" an - zurückzustecken gilt in ihren Kreisen als Zeichen von Schwäche.

Die Frage ist daher, mit welchen Informationen ein Hamburger Ex-Zuhälter die hartgesottenen Höllenengel unter Druck gesetzt und Zahlungen veranlasst haben könnte. Ein hochrangiger Ermittler bekennt: "Das wüsste ich wirklich zu gerne."

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