Polizeiaktion gegen "Reichsbürger" Die krude Welt des Wolfgang P.

Wolfgang P. wollte keine Steuern zahlen, der "Reichsbürger" wollte überhaupt nichts mit dem deutschen Staat zu tun haben, den er für illegal hält. Nun eröffnete er das Feuer, als die Polizei kam. Was ist das für ein Mann?

Einsatz in Georgensgmünd
DPA

Einsatz in Georgensgmünd

Von , und , München, Georgensgmünd und Hamburg


Es ist früh am Morgen, als die Spezialeinheit der Polizei mit dem Einsatz beginnt, der in einem Fiasko enden wird. Das Ziel: ein Zweifamilienhaus in Georgensgmünd, Mittelfranken. Hier, in einer Sackgasse, lebt Wolfgang P., hier hat er einen eigenen Staat gegründet, so sieht er es, so erklärte er es stolz für ein Video, das auf YouTube zu finden ist. Vor seinem Haus hängt eine Fahne an einem Mast, darauf ein schwarzes Wappen auf weißen Grund, die Staatsflagge, seine Staatsflagge.

P., 49, ist Jäger und Sportschütze, er besitzt nach Angaben der Polizei mehr als 30 Waffen. Im Mai wollten Mitarbeiter des Landratsamts die Waffen kontrollieren, doch P. verweigerte ihnen den Zutritt. Ein zweiter Besuch im Juli blieb erfolglos. Anfang August erhielt P. ein Anhörungsschreiben. "Ich bin Reichsbürger", schrieb P. zurück.

Und als "Reichsbürger" sah er es auch nicht ein, Steuern für einen Staat zu bezahlen, der in seinen Augen illegal ist (lesen Sie hier mehr zu "Reichsbürgern"). Er meldete sich in seiner Gemeinde ab, blieb aber dort wohnen. Und er weigerte sich, die Kfz-Steuer zu bezahlen. Das Landratsamt stufte ihn als unzuverlässig ein, es entzog ihm den Waffenbesitzschein. Und entschloss, mit Hilfe eines Spezialeinsatzkommandos die Waffen sicherzustellen.

Als die Polizisten am Mittwochmorgen in P.s Haus eindringen, beginnt P. durch eine Tür zu schießen. Ein Polizist wird von drei Kugeln getroffen, eine bohrt sich durch seine Schutzweste. Der schwerverletzte SEK-Beamte wird am Donnerstagmorgen im Krankenhaus sterben. Drei weitere Polizisten werden verletzt, einer erleidet einen Durchschuss des Oberarms, zwei werden von Glassplittern getroffen.

Wolfgang P., der eine Kampfsportschule betreibt und Fachtrainer für Gewaltprävention ist, bleibt selbst unverletzt. Er trug eine Schutzweste, Polizeipräsident Johann Rast vermutet, dass er Weste und Waffe griffbereit neben seinem Bett liegen hatte. Wie viele Schüsse er insgesamt abgab, ist bisher unklar.

Bei der Pressekonferenz wenige Stunden später zeigt sich Bayerns Innenminister Joachim Herrmann ausgesprochen alarmiert. "Alles Spinner", sei die laienhafte Reaktion auf das, was die Gruppe der "Reichsbürger" propagiere. Wenn es so wie am Mittwoch verlaufe, sei es aber "eben keine Spinnerei mehr".

In Verschwörungstheorien verrannt

Wer sich die Facebook-Seite von Wolfgang P. ansieht, bekommt den Eindruck eines Mannes, der sich in Verschwörungstheorien verrannt hat. Er teilt Beiträge, in der Haus- und Grundstückseigentümer davor gewarnt werden, dass am 1. Januar 2017 "die Bodenrechte für Deutschland" auslaufen würden ("die EU wird Euch Eure Häuser wegnehmen"). Er teilt ein Foto der Nürnberger Prozesse, in das die Gesichter von Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Joachim Gauck hineinmontiert wurden, Überschrift: "Schuldig - hängen!"

Scrollt man durch die Seite, tritt man ein in eine Blase, in der Muslime das Abendland bedrohen, das Finanzsystem kurz davor ist, die Welt in den Abgrund zu kollabieren, Behörden nur daran arbeiten, die Bürger zu schröpfen, Medien lügen, westliche Regierungen auf den dritten Weltkrieg gegen Russland drängen. Der einzige Mächtige, der hier des Bösen unverdächtig ist: Wladimir Putin.

Nachbarn in Georgensgmünd berichten, es habe Gerüchte über P. gegeben. "Viele haben gesagt, er sei rechtsradikal", sagt eine Frau. Der Landrat vom benachbarten Roth, Herbert Eckstein, sagt, P. werde in dessen Umgebung als "skurril" beschrieben.

Dazu passt ein Pamphlet ("Erklärung unter Eid"), das P. auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat und das offenbar von ihm selbst stammt. Handgeschrieben erklärt er dort, dass er "immer noch am Leben und weder auf hoher See, noch sonst irgendwo im Universum verschollen" sei. Unter dem Schriftstück finden sich Unterschriften von zwölf Zeugen samt Fingerabdrücken in roter Farbe. Offenbar eine sogenannte Lebenderklärung, mit der sich die Verfasser vom Staat lossagen und ihre Unabhängigkeit von der Verfassung bekunden wollen.

"In Liebe und Licht"

Wie wenig P. vom deutschen Staat und dessen Vertretern hält, ist auch auf Videos dokumentiert. Eines zeigt, wie jemand in Begleitung von zwei Polizisten vor dem Grundstück von P. steht, es geht um nicht gezahlte Steuern. P. schwadroniert etwas von "allgemeiner Rechtskunde", die Szene endet damit, dass die drei sichtlich genervt abziehen, P. brüllt hinterher: "Sie stehen nicht auf dem Boden des Grundgesetzes in der Fassung von 1949."

In anderen Aufnahmen erzählt P., er wolle mithelfen, "dass die Menschen untereinander sich wieder vertrauen, dass sie sich gegenseitig helfen", dass man "in Liebe und in Licht" miteinander eine Zukunft aufbaue.

Es sind solche Äußerungen, die man schnell als harmlose Spinnereien abtun möchte. Doch schon im August zeigte ein Fall, dass "Reichsbürger" auch anders können. Damals feuerte der ehemalige Mister Germany Adrian Ursache auf Polizisten, als sie sein Haus zwangsräumen wollten. Es entwickelte sich ein Schusswechsel, bei dem Ursache und mehrere Beamte verletzt wurden.

Der Verfassungsschutz hat die Bewegung durchaus auf dem Radar, ein Sprecher sagt am Mittwoch, unter den "Reichsbürgern" tummelten sich "Querulanten, Spinner, Verschwörungstheoretiker und Geschäftemacher, aber auch Rechtsextremisten". Womöglich wurde die Gewaltbereitschaft aber bisher unterschätzt. Herrmann kündigt an, man werde die Gruppierung künftig noch intensiver überwachen.

Der Ex-Mister Germany Ursache befindet sich in Untersuchungshaft. Dort wird nun wohl auch Wolfgang P. landen.

Video: Razzia im "Königreich Deutschland" - Der Kampf des Monarchen gegen den Rechtsstaat

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Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Wolfgang P. sei der Waffenschein entzogen worden. Tatsächlich handelt es sich laut der ermittelnden Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth um eine Waffenbesitzkarte. Wir haben die Stelle im Text korrigiert.

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