Verstorbener früherer Auschwitz-Wachmann Was nach Hannings Tod offenbleibt

Reinhold Hanning ist tot - das Urteil des Landgerichts Detmold gegen den früheren Auschwitz-Wachmann wird nach dessen Revision nicht rechtskräftig. Die Entscheidung des BGH zu dem Fall wäre wegweisend gewesen.

Reinhold Hanning
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Es kommt selten vor, dass Detmold im Fokus der Weltöffentlichkeit steht. Doch am 17. Juni 2016 war es der Fall. Damals verurteilte das örtliche Landgericht Reinhold Hanning wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen. So viele Menschen wurden im KZ Auschwitz ermordet, während Hanning von Januar 1943 bis Juni 1944 dort als SS-Wachmann Dienst tat. Die Anklage bezog sich auf diese anderthalb Jahre, insgesamt war Hanning aber vom 23. Januar 1942 bis zum 13. Juni 1944 in dem Lager stationiert.

Hanning focht das Urteil an. Ehe der Bundesgerichtshof (BGH) eine Entscheidung verkündete, ist Hanning nun im Alter von 95 Jahren gestorben. Damit ist das Verfahren beendet, das Detmolder Urteil nicht rechtskräftig.

Der Fall Hanning erfuhr so große Aufmerksamkeit, weil er einer von wenigen SS-Leuten war, die wegen ihres Dienstes in Auschwitz vor Gericht kamen und verurteilt wurden. Viele Holocaust-Überlebende, manche von ihnen Nebenkläger in dem Verfahren, empfanden den Schuldspruch wegen seiner Klarheit als Meilenstein.

"Wir hatten uns erhofft, dass der BGH Stellung zur Vernichtung durch Arbeit nimmt"

Auch juristisch war das Urteil bedeutsam. Es stellte heraus, dass Menschen in den Lagern nicht nur durch Exekutionen und Vergasung starben, sondern auch durch die katastrophalen Umstände.

Darauf hob die Vorsitzende Richterin Anke Grudda ab, als sie sich in ihrer Urteilsbegründung an Hanning richtete: "Sie haben zweieinhalb Jahre zugesehen, wie Menschen in Gaskammern ermordet wurden. Sie haben zweieinhalb Jahre zugesehen, wie Menschen erschossen wurden. Sie haben zweieinhalb Jahre zugesehen, wie Menschen verhungerten."

Lag das Detmolder Landgericht mit seiner Argumentation über die Vernichtung durch die Lebensverhältnisse richtig? Die Position des BGH dazu bleibt nun unbekannt. Für Ermittler ist das schade.

"Wir hatten uns erhofft, dass der BGH Stellung zur Vernichtung durch Arbeit nimmt", sagt Jens Rommel, Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. "Es wäre spannend gewesen zu sehen, ob der BGH sagt, das ist zu weit gefasst oder plausibel festgestellt und begründet."

"Davon sprechen unsere Kinder und Enkel, das bleibt uns bis in alle Ewigkeit."

Einschränkungen für seine Ermittler befürchtet Rommel nicht. "Das Detmolder Urteil bleibt Grundlage unserer Arbeit", sagt er. "Die Argumentation des Gerichts überzeugt uns." Auf dieser Basis könne man den Kreis potenzieller Verdächtiger erweitern, weil neue Zeiträume in den Blick kommen. Rommel verweist auf Wachmänner, die in Lagern Dienst taten, als dort noch keine Gaskammern errichtet waren, aber Menschen schon aufgrund der Lebensumstände starben.

Thomas Walther vertrat im Detmolder Prozess 26 Nebenkläger. Dass es keine BGH-Entscheidung geben werde, sei für seine Mandanten nicht so wichtig, sagt der Anwalt. "Die sagen: 'Hanning wurde verurteilt, und wir durften aktiv am Verfahren mitwirken. Davon sprechen unsere Kinder und Enkel, das bleibt uns bis in alle Ewigkeit.'"

Als Jurist hatte sich Walther dennoch einen BGH-Beschluss in den kommenden zwei oder drei Monaten erhofft. "Diese Monate waren uns nicht vergönnt, darüber bin ich enttäuscht." Für Ermittler sei die Rechtsgrundlage dennoch ausreichend, Verfahren anzustoßen. "Der BGH muss nicht erst das Detmolder Urteil absegnen, damit ein Staatsanwalt aktiv werden kann."

Staatsanwaltschaften könnten sich etwa an der Stellungnahme des Generalbundesanwaltes zum Fall Hanning orientieren. Sie liegt dem SPIEGEL vor und findet am Detmolder Schuldspruch nichts zu beanstanden.

Wegweisende BGH-Entscheidung im Fall Oskar Gröning

Ganz ohne rechtskräftige Urteile müssen Walther, die Ludwigsburger Nazi-Fahnder und Staatsanwälte in der Republik ohnehin nicht auskommen. "Wir hatten das Glück, dass ein Urteil rechtskräftig geworden ist. Vielleicht kommt kein zweites mehr", sagte Walther. Er spielt auf den Fall Oskar Gröning an.

Ende November 2016 bestätigte der BGH im Falle des früheren SS-Mannes ein Urteil des Landgerichts Lüneburg aus dem Jahr 2015. Es hatte Gröning für seine Zeit im KZ wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt.

Damit wurde höchstrichterlich ein Paradigmenwechsel bestätigt, den Opfervertreter lang ersehnt hatten. Der BGH habe eine zentrale Frage beantwortet, sagt Rommel: "Ab wann ist der Einzelne, der in einem KZ Dienst tat, verantwortlich? Die Antwort lautet: Es reichte aus, Wachmann zu sein."

Für eine Verurteilung musste nun nicht mehr die Beteiligung etwa an einem konkreten Mord nachgewiesen werden. Stattdessen reichte der Nachweis aus, dass jemand half, die Mordmaschinerie am Laufen zu halten. "Die Entscheidung des BGH zu Gröning war eine Weichenstellung, weil sie die Verantwortung des Einzelnen in diesem mörderischen System herausstellte", sagt Rommel.

Im Fall Hanning hätte der BGH die Chance gehabt, den Paradigmenwechsel um einen Aspekt zu ergänzen. Dazu kommt es nun nicht. "Der Tod des Angeklagten wirft ein Licht auf die Schwierigkeiten, mit denen wir mehr als 70 Jahre nach Kriegsende zu tun haben", sagt Rommel. Verdächtige sterben oder sind verhandlungsunfähig.

Der Fall Hanning illustriert ersteren Fall, das Verfahren gegen Hubert Z. am Landgericht Neubrandenburg den zweiten. Der Prozess gegen Z. kam nie über die Frage hinaus, ob der hochbetagte Angeklagte verhandlungsfähig ist. Aller Voraussicht nach wird das Gericht diese Frage verneinen - und das Verfahren einstellen.

Auschwitz: Opfer, Täter, Aufarbeitung - ein Überblick

BBC-Dokumentation

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