Resozialisierung nach der Haft Draußen bist du allein

Wie geht es weiter nach Jahren im Gefängnis? Oft bedrohen alte Abhängigkeiten, fehlende Perspektiven und Einsamkeit den Start in ein neues Leben. Besuch bei einem, der sich helfen lassen will.

Florian vor dem Wohnheim in Hamburg-Altona
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Florian vor dem Wohnheim in Hamburg-Altona

Von Tanja Karrasch


Im Knast ist um sieben Uhr Frühstückszeit. In der Freiheit um zehn. Fünf Männer sitzen in einer Gemeinschaftsküche in Hamburg-Altona, sie essen Brötchen mit Putenbrust oder Nutella. "Das ist mein Highlight der Woche", sagt Florian, "ich mache mir sonst kein Frühstück."

Der 28-Jährige und die vier anderen Männer am Tisch haben eines gemeinsam: Alle waren im Gefängnis, alle haben ihre Strafen abgesessen. Und alle versuchen nun, sich im Wohnheim des Hamburger Fürsorgevereins (HFV) unter Betreuung von Sozialpädagogen ein neues Leben aufzubauen.

Florian ist schon zweimal daran gescheitert. "Immer Knast rein, Knast raus", sagt er. Seit Dezember lebt er im Wohnheim. Jetzt soll es endlich gelingen, jetzt muss Struktur in sein Leben.

Das gemeinsame Frühstück, eine Banalität eigentlich, ist deshalb alles andere als banal. Die Teilnahme ist freiwillig, doch wer sich in die Liste einträgt, sollte auch pünktlich am Tisch sitzen. "Verbindlichkeitstraining" nennt das Bernhard Rigelsky, der pädagogische Leiter des Hauses. Termine und Verabredungen einzuhalten, fällt vielen Bewohnern nach der Haft schwer, manche haben es nie gelernt.

"Freiheit" - das klingt verlockend, doch für viele Ex-Häftlinge ist sie eine Herausforderung, die sich ohne Hilfe nur schwer bewältigen lässt.

Bundesweit wird fast jeder zweite Ex-Häftling wieder straffällig, wie eine Langzeitstudie des Justizministeriums zeigt. Ob der Übergang in ein Leben ohne Kriminalität gelingt, hänge von fünf Faktoren ab, sagt HFV-Geschäftsführer Andreas Mengler. Entlassene Straftäter brauchen demnach

  • Hilfe bei der Suchtbewältigung,
  • Hilfe bei der Schuldenbewältigung,
  • Unterkunft,
  • Arbeit,
  • soziales Umfeld.

"Fehlt einem Betroffenen nur einer dieser Faktoren, ist die Perspektive düster", sagt Mengler.

Nur etwa 25 bis 30 Prozent der Häftlinge werden vorzeitig entlassen und bekommen gegebenenfalls Unterstützung von der Bewährungshilfe. "Das sind die, die eine gute Prognose haben", sagt der Resozialisierungsexperte Bernd Maelicke. Mehr als 70 Prozent hingegen sitzen ihre Strafe komplett ab. Danach seien sie auf sich allein gestellt, sagt Maelicke.

Im schlechtesten Fall sieht eine Haftentlassung dann aus wie eine Spielfilmszene: Das Gefängnistor liegt hinter dem Häftling, die große Freiheit vor ihm. In der Hand: ein Karton mit Dingen, die er bei Haftantritt mitgebracht hat. Niemand holt ihn ab. "Da ist der Rückfall programmiert", sagt Maelicke.

Seit mehr als 50 Jahren arbeitet der 76-Jährige mit Häftlingen und Entlassenen zusammen, 15 Jahre lang war er als Ministerialdirigent für die Haftanstalten in Schleswig-Holstein verantwortlich. "Menschen, die aus dem Gefängnis kommen, haben kein Selbstbewusstsein, das sind gebrochene Männer", sagt Maelicke. "Einsamkeit ist ein großes Problem."

"In der Kirche hat niemanden meine Geschichte abgeschreckt"

Im Wohnheim des Hamburger Fürsorgevereins leben 21 Ex-Häftlinge in sieben WGs zusammen. Florians Zimmer im ersten Stock ist klein: ein Schrank, ein Fernseher, ein schmales Bett. Es ist schon gemacht. Aus einem Regal hinter der Zimmertür nimmt Florian Bilder, die ihn bei seiner Taufe zeigen: Im Hamburger Stadtparksee bei sieben Grad hat er sich zum Glauben bekannt. Das war im November.

Die Gemeinde der Hamburger City Church, einer evangelischen Freikirche, bedeute ihm viel, regelmäßig gehe er zu Gruppentreffen. "Hier habe ich Menschen gefunden, die nach mir fragen, wenn ich mal nicht zum Gottesdienst komme." Mit seiner Lebensgeschichte gehe er dabei offen um. "Ich kann die Leute nicht anlügen, aber in der Kirche hat meine Geschichte niemanden abgeschreckt. Eher im Gegenteil."

Die Geschichte, die Florian erzählt, beginnt im Münsterland, wo er in schwierigen Verhältnissen aufwuchs: Der Vater Alkoholiker, die Mutter überfordert. Mit 14 nahm Florian zum ersten Mal Drogen, mit 17 kam er in Haft. Diebstahl, Körperverletzung, Beschaffungskriminalität, Dealen. Aus Stolz ließ er sich fünf Punkte auf die Hand tätowieren: "Vier Wände und in der Mitte bin ich." Auf der Straße verschaffte ihm das Anerkennung.

"Das war eine Illusion"

Florian
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Florian

Bei der zweiten Haftstrafe verschwand der Stolz. Seine Freunde von der Straße ebenfalls. "Niemand hat sich mehr nach mir erkundigt, das waren keine echten Freunde, das war eine Illusion", sagt Florian heute. Die fünf Punkte auf seiner Hand wollte er nicht mehr sehen, er ließ ein neues Tattoo drüberstechen, ein Kreuz.

2010 folgte der Tiefpunkt im Drogenrausch: Mit Pfefferspray ausgerüstet überfiel er eine Spielothek. Das Gesicht hatte Florian verdeckt, doch im Video der Überwachungskamera erkannten Ermittler sein Kreuz-Tattoo. Er wurde zu fünf Jahren und vier Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Heute glaubt er, dass er damals erwischt wurde, war Gottes Wille.

Das Gefängnis tat Florian nicht gut. Er nahm Drogen, dachte an Suizid. Nach vier Jahren Freiheitsstrafe bewarb er sich bei Therapie-Einrichtungen, um die Anstalt frühzeitig verlassen zu dürfen, eine christliche nahm ihn auf. Ein Jahr lang machte er eine Zwangstherapie, dann war er frei - und fiel in ein Loch.

Dabei schien zunächst alles gut zu laufen: Florian wollte nach den Jahren als Gefangener endlich wieder "die Freiheit schmecken", fand sogar einen Job bei einer Fast-Food-Kette. Doch dann wurde ihm "alles zu viel", wie er sagt, er landete auf der Straße, schlief mal hier, mal dort. Zwei Monate ging das so, dann bekam er nach seiner Bewerbung einen Platz im HFV-Wohnheim.

Dieses schwierige Phase des Übergangs von Gefangenschaft zu Freiheit halten Experten wie Bernd Maelicke für entscheidend. Denn 50 Prozent der Rückfälle geschehen laut Justizministerium im ersten Jahr nach Entlassung oder Urteil. "Drehtür-Effekt" wird diese Abfolge von Haft-Entlassung-Haft auch genannt.

Hamburgs Justizsenator Till Steffen
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Hamburgs Justizsenator Till Steffen

Hamburgs Justizsenator Till Steffen (Grüne) will dem Phänomen ein eigenes Resozialisierungsgesetz entgegenstellen, wie es Maelicke seit Jahren fordert und bisher nur das Saarland installiert hat. In Hamburg soll demnach jeder Strafgefangene Anspruch auf ein Übergangsmanagement erhalten. Die Hilfsangebote staatlicher und freier Träger sollen miteinander verzahnt werden.

"Herzstück des Gesetzes ist eine durchgehende individuelle Hilfeplanung", sagt Steffen. "Rechtzeitig vor der Entlassung eines Gefangenen sollen alle Akteure zusammengebracht und koordiniert zu einem Hilfeplan verpflichtet werden." Sechs Monate vor und sechs Monate nach der Entlassung soll so eine kontinuierliche Betreuung gewährleistet sein.

Mit Fördermitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) wird diese Verzahnung der Hilfsangebote seit Anfang des Jahres in zwei Hamburger Gefängnissen erprobt. Mehr als zwei Millionen Euro investieren der ESF und die Stadt insgesamt, zu gleichen Teilen. Ende 2020 läuft das Projekt aus, die Teilnahme ist freiwillig. Der neue Gesetzentwurf soll noch in diesem Frühjahr vorgestellt werden.

"Vorsätze lösen sich in Luft auf"

Bis das neue Gesetz kommt, gilt: Wer Hilfe braucht, muss sie einfordern. Angebote gibt es etwa beim Arbeitsamt, bei Vereinen, bei der Suchtberatung. Doch die Teilnahme erfordert Eigeninitiative. "Die hat nicht jeder", sagt Andreas Mengler vom HFV. "Gerade, wenn jemand süchtig ist und sich wieder in die alten Kreise begibt, lösen sich die besten Vorsätze für die Zukunft schnell in Luft auf."

Auch im Wohnheim ist Sucht ein wichtiges Thema. Wer ein Zimmer bekommen möchte, sollte "weitgehend clean" sein, sagt Bernhard Rigelsky. Viele lassen sich morgens in einer Ausgabestelle ein Substitut spritzen. Methadon statt Heroin. "Gut eingestellt kann man damit ein ziemlich normales Leben führen", sagt Rigelsky.

Etwa ein Jahr sollen die Männer im Wohnheim leben, dann werden sie bei der Suche nach einer eigenen Wohnung unterstützt und bei Bedarf weiterhin ambulant betreut. Der Verein finanziert sich zu großen Teilen durch Spenden. Die Mittel seien knapp, sagt Mengler. Resozialisierung ist kein populäres Thema, dabei bedeutet sie immer auch Opferschutz. "96 Prozent der Gefangenen werden irgendwann entlassen, sind dann wieder unter uns. Der beste Weg, die Gesellschaft zu schützen, ist es, ihnen ein Leben ohne Kriminalität zu zeigen", sagt Maelicke.

Florian kann noch fast ein ganzes Jahr im Wohnheim bleiben, wenn er das möchte. Vor allem profitiert er im Haus von den regelmäßigen Gesprächen mit seiner Betreuerin. Wenn er an sich zweifelt, suchen sie gemeinsam nach Lösungen und neuen Wegen. "Ich muss jetzt etwas dafür tun, dass es wieder bergauf geht", sagt Florian.

Früher wollte er Koch werden, heute wünscht er sich einen Ausbildungsplatz im Hafen: "Schiffsreparatur oder so". Und dann irgendwann eine Frau, eine Familie. "Mal sehen, wo der Weg hinführt." Nur an einen Ort will Florian nicht zurück: ins Gefängnis.



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