Mutmaßliche Terrorgruppe Wie die Behörden auf die Spur der Chemnitzer Zelle kamen

Die Mitglieder der mutmaßlichen rechtsextremistischen Terrorgruppe "Revolution Chemnitz" sind im Netz schon seit Jahren aktiv. Sie schwadronierten bei Facebook vom "Volkstod", beschimpften Flüchtlinge und Ausländer.

Mutmaßliches Mitglied von "Revolution Chemnitz"
FRANZISKA KRAUFMANN/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Mutmaßliches Mitglied von "Revolution Chemnitz"

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Es sollte ein "Trauermarsch" sein. Die AfD hatte dazu aufgerufen, am 1. September durch Chemnitz zu laufen - offiziell in Gedenken an den mutmaßlich von Asylbewerbern getöteten Daniel H. Tausende Menschen kamen, darunter NPD-Funktionäre, Hooligans - und mutmaßliche Rechtsterroristen.

"Revolution Chemnitz", so nennt sich eine Gruppierung, gegen die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft laufen. Den Beschuldigten wird vorgeworfen, eine rechtextreme terroristische Vereinigung gebildet zu haben. Ihr mutmaßlicher Plan: Angriffe und Anschläge auf Migranten, Politiker und politisch Andersdenkende. Sieben Männer wurden festgenommen, einer saß bereits in Untersuchungshaft. Am Abend ordnete ein Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe gegen alle acht mutmaßlichen Gründer der Organisation "Revolution Chemnitz" Untersuchungshaft an.

Spätestens am 11. September, so die Bundesanwaltschaft, habe sich die Gruppe gebildet. Doch Recherchen des SPIEGEL zeigen: Die Verdächtigen waren schon viel früher aktiv. Und nahmen auch an einer Demonstration in Chemnitz teil.

In den sozialen Netzwerken ist die Truppe schon seit Herbst 2013 präsent. Das Facebook-Profil "Revolution Chemnitz ANW" fiel wenige Monate später auch den sächsischen Behörden auf, die damals aber noch nicht wussten, wer dahintersteckt.

Die Parolen, mit denen "Revolution Chemnitz" im Netz auftrat, waren von Anfang an stramm rechtsextrem: "Im Kampf gegen Staat und Kapital - frei, sozial, national." Oder: "Die Zeit bleibt nicht stehen, der Volkstod naht: Zeit zur Revolution mit uns zur Tat." Lange vor dem massenhaften Zuzug von Flüchtlingen ab dem Herbst 2015 agitierten die Neonazis gegen Flüchtlinge und Ausländer und beschimpften sie als "Maden" und "Terroristen".

Nach den tödlichen Messerstichen gegen Daniel H. Ende August rief die Truppe im Netz dazu auf, auf die Straße zu gehen. Fotos zeigen mehrere der nun Beschuldigten bei einer von AfD, Pegida und "Pro Chemnitz" angeführten Demonstration am 1. September.

Die Männer tauschten sich nach SPIEGEL-Informationen auch in der Telegram-Chatgruppe "Planung zur Revolution" aus. Darin sprachen sie von einem gewaltsamen "Systemwechsel", den sie angeblich herbeiführen wollten. Die rechtsterroristische Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) bezeichnete "Revolution Chemnitz" im Vergleich zu den eigenen Plänen als "Kindergarten-Vorschulgruppe".

Die Gruppe sei hierarchisch organisiert gewesen, heißt es in einer vertraulichen Analyse der Sicherheitsbehörden. Es habe einen Initiator gegeben, es soll sich dabei um Christian K. handeln. Außerdem habe ein weiterer mutmaßlicher Extremist K. dabei geholfen, die Gruppe zu steuern. Die Rädelsführer warben via Telegram darum, "nur gewaltbereite Leute" zu rekrutieren.

Luftgewehr und Pfefferspray

Sie versuchten offenbar auch, an scharfe Waffen zu kommen. Ob ihnen das gelang, ist noch nicht vollständig klar. Bislang fanden die Ermittler nur Schlagstöcke, ein Luftgewehr und Pfefferspray.

Einer der Verhafteten ist für die Sicherheitsbehörden ein alter Bekannter: Tom W., Anführer der 2007 verbotenen Kameradschaft "Sturm 34", deren Ziel es war, die Region um die sächsische Stadt Mittweida von Ausländern und Linken zu "säubern" und in eine "national befreite Zone" zu verwandeln. Nach langem Hin und Her verurteilte ihn das Landgericht wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung 2012 nur zu einer Bewährungsstrafe.

Probelauf für weitere Taten

Fünf der acht Verdächtigen sollen auch an Übergriffen Rechtsextremer auf Ausländer auf der Chemnitzer Schlossteichinsel am 14. September beteiligt gewesen sein. Einer von ihnen, Christian K., wurde anschließend festgenommen, die Auswertung seines Handys brachte die Ermittler auf die Spur der Gruppierung.

Die Beamten befürchteten, dass die Aktion auf der Schlossteichinsel ein Probelauf für weitere Gewalttaten gewesen sein könnte. Ein Anschlag sei möglicherweise für den Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober geplant gewesen. Diese Tat hätte einen "Wendepunkt" in der deutschen Geschichte markieren sollen, schrieben die mutmaßlichen Terroristen nach SPIEGEL-Informationen in ihrem Chat.

Die Sicherheitsbehörden gehen derzeit nicht davon aus, dass die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Berlin noch gefährdet sein könnten. Ein Angriff mit Schusswaffen durch die Gruppe "Revolution Chemnitz" sei eher ausgeschlossen, heißt es in einer Lageeinschätzung.

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hartmut koch 02.10.2018
1. Wo bleibt Maaßens Amt
Welchen Beitrag hat eigentlich das Bundesamt für Verfassungsschutz geleistet, um diese Terroristen aufzuspüren. Anscheinend gar keinen. Kein Wunder bei dessen Präsidenten
evajuergen 02.10.2018
2. Maaßen / Seehofer abseits
Seehofer hat Maaßen gedeckt und beschirmt - daher die Frivolität Maaßens, sich in der BILD-Zeitung zu outen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz war somit in falschen Händen. Nach rechts wurde nicht geschaut.
tomquixote 02.10.2018
3. Na, toll
Also wenn ich in den ersten Zeilen dieser Schreckensmeldung gleich viermal das Wort "mutmaßlich" lese, läuft's mir wirklich kalt den Rücken runter - da musste man ja auf jeden Fall was tun.
Klaugschieter 02.10.2018
4. Welche Verantwortung tragen die Hetzer?
Und wie ist es mit der Verantwortung der Hetzer, die seit Jahren teilweise ungehindert Stimmung machen gegen Ausländer, gegen die Medien und gegen linke Politiker? Wie bestraft man die geistigen Brandstifter, die mit dumpfen Parolen aus purer Überzeugung einerseits und mit fragwürdigen Slogans und Begriffen aus wahltaktischem Kalkül andererseits rechtes Gedankengut hoffähig machen und damit in die Mitte der Gesellschaft lassen. Welchen Anteil an zunehmender Gewaltbereitschaft rechter Möchtegern-Revolutionäre kann man der AfD anlasten, die von Anfang an auch zum Sammelbecken von stramm Nationalen wurde? Aber nicht nur Leute wie Gauland, Höcke und Poppenburg gehören zu den geistigen Vergiftern unserer Gesellschaft, indem sie die Nazizeit verharmlosen oder gar hochleben lassen. Auch Vertreter so genannter etablierter Parteien haben bisweilen mit eingestimmt in den populistischen Anti-Flüchtlingschor, wenn von Asyltourismus (De Mezaire, Dobrindt) oder von der Migration als "Mutter aller Probleme" (Seehofer) die Rede war, in der naiven Hoffnung mit solchen dumpfen Phrasen ein paar verirrte Wähler von der AfD zurückzuholen. Anstatt sich argumentativ gegen die AfD durchzusetzen. Alle, die in den vergangenen drei Jahren - ohne konkrete Vorschläge für eine bessere Integration zu machen - die "Unser-Boot-ist-voll"-Keule geschwungen haben, sind mit verantwortlich dafür, dass nicht nur in Sachsen die Akzeptanz rechtsnationalen Gedankenguts und damit auch die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft zugenommen hat.
nimue15 02.10.2018
5. Ganz ruhig, bitte
Zitat von tomquixoteAlso wenn ich in den ersten Zeilen dieser Schreckensmeldung gleich viermal das Wort "mutmaßlich" lese, läuft's mir wirklich kalt den Rücken runter - da musste man ja auf jeden Fall was tun.
'Mutmaßlich' ist der übliche Begriff, den die Presse verwendet, wenn eine Straftat noch nicht restlos geklärt ist. Das hat juristische Gründe - keine inhaltlichen.
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