Gewalt in Rios Favelas In der Schusslinie

In Rios Favelas herrschen kriegsähnliche Zustände - Polizei und Drogengangs liefern sich erbitterte Gefechte. Immer wieder treffen Kugeln Unbeteiligte. Ein Fotoprojekt zeigt das Leid der Opfer und Hinterbliebenen.

AFP

Sie werden verwundet oder getötet, während sie im Schulhof sitzen, im Wohnzimmer, in der Uni-Kantine: Unbeteiligte, die Opfer der Kämpfe zwischen Polizei und Drogengangs in den Favelas Rio de Janeiros werden.

Die Irrläufer unterscheiden nicht: Sie treffen Frauen, Männer, Kinder, Senioren. Einmal traf eine Kugel das ungeborene Kind im Bauch einer Frau. Der Fötus starb, die Frau überlebte. Vor der Geburt erschossen - in den Favelas von Rio ist das traurige Realität.

Reporter der Nachrichtenagentur AFP haben versucht, sich dieser Situation zu nähern. Sie haben mit den Unbeteiligten gesprochen, deren Leben sich durch einen Irrläufer aus der Waffe eines Polizisten oder Gangmitgliedes innerhalb eines Moments geändert hat, weil sie einmal zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Wie Luciana Novaes. Eine Kugel traf sie unterhalb des Nackens, als die Frau in der Kantine ihrer Universität saß. Novaes ist nun vom Hals abwärts gelähmt. Es dauerte ein Jahr, bis sie wieder sprechen konnte. Inzwischen sitzt sie im Stadtrat und bezeichnet es als ihren größten Erfolg, dass sie nicht verbittert geworden sei. Novaes ist eine der Protagonistinnen im Fotoprojekt "Stray Bullets" ("Irrläufer").

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Rios Favelas: Nirgendwo vor Kugeln sicher

Hintergrund ist die allgegenwärtige Gewalt in den Favelas. Dort leben rund zwei der mehr als sechs Millionen Einwohner Rios. In diesem Jahr waren die Schießereien so häufig geworden, dass Zeitungen vom "Krieg in Rio" sprachen. Die Armee wurde zu Hilfe gerufen, um die Gewalt einzudämmen. Schlecht bezahlte Polizisten sollen Waffen an Gangs vermietet haben. Es gibt eine App namens "Kreuzfeuer", die nahezu in Echtzeit Schießereien, Opferzahlen und Polizeieinsätze vermerkt. Dadurch können Bürger betroffene Gebiete meiden.

Pascale Trouillaud, Chef des AFP-Büros in Rio, schreibt, die Journalisten lebten in Rio, aber nicht in den von Gewalt am schlimmsten betroffenen Vierteln. "Bei uns ist die Gefahr gering, dass ein Irrläufer uns in unserer Wohnung trifft. Wir können morgens zum Markt gehen, ohne Angst zu haben, ob wir lebend und gesund nach Hause zurückkehren." Aber selbst aus den komfortablen Heimen könne man die Schusswechsel in den Favelas hören.

ulz/AFP

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