Musikfestival Die Hintergründe zum Terroralarm bei "Rock am Ring"

Eine Polizeistreife kontrolliert zwei Salafisten bei McDonald's - und am nächsten Tag wird "Rock am Ring" unterbrochen. Was löste den Terroralarm in Rheinland-Pfalz aus? Die Rekonstruktion.

Polizeibeamte auf dem Festivalgelände am 2.6.2017
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Polizeibeamte auf dem Festivalgelände am 2.6.2017

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Die Ereignisse, die schließlich eine Unterbrechung des Musikfestivals "Rock am Ring" wegen Terroralarms auslösen würden, begannen vor einer McDonald's-Filiale in Koblenz. Dort kontrollierte in der Nacht zu Freitag eine Polizeistreife nach SPIEGEL-Informationen den aus Syrien stammenden Deutschen Abdul Ghani A., 24, und den Syrer Mohammad Z., 21.

Gegen die beiden jungen Männer lag nichts Konkretes vor, doch A. war den Beamten bekannt. In seinem Fall hatte die Staatsanwaltschaft Frankfurt im Frühjahr 2016 wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat ermittelt, weil er angeblich in das Kriegsgebiet nach Syrien hatte ausreisen wollen, um dort zu kämpfen. Da verwunderte es eine aufmerksame Polizistin dann doch, dass das Duo Zutrittsausweise des Festivals "Rock am Ring" trug, Backstage-Pässe inklusive.

Die Beobachtung der Beamtin, festgehalten in einem Vermerk, sorgte für hektische Betriebsamkeit. Am Ende konnte die Polizei Entwarnung geben und das Festival fortsetzen lassen, aber die Abläufe zeigen deutlich, wie schwierig solche Entscheidungen in Zeiten globaler Terrorgefahr sind.

In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Hinweise auf mögliche Attentatsplänen deutlich erhöht. So erhielt etwa der Verfassungsschutz 2016 dreimal so viele "unspezifische Gefährdungshinweise" wie 2013 - also Informationen, dass irgendjemand irgendwo etwas zu planen scheine.

In diesem Grundrauschen müssen die Sicherheitsbehörden ständig abwägen, wie gefährlich die Situation wirklich ist, wie konkret die Terrorpläne, wie nah ihre Umsetzung. Fehleinschätzungen können tödliche Folgen haben, wie der Anschlag von Anis Amri auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz zeigte.

Die Abläufe rund um "Rock am Ring" machen daher auch deutlich, wie unfair die Kommentare des Veranstalters Marek Lieberberg waren, der den Sicherheitsbehörden übertriebene Vorsicht vorgeworfen und vor Journalisten behauptet hatte: "Wir zahlen den Preis für den Skandal um Amri."

"Wir mussten handeln"

Erste Nachforschungen der Behörden hatten am Freitag ergeben, dass die Salafisten A. und Z. zwar Zugangskarten hatten, aber keine legitimen Akkreditierungen besaßen. Das bedeutete: Die beiden Männer, die für ein hessisches Security-Unternehmen tätig sind, tauchten nicht auf der Mitarbeiterliste auf, die der Veranstalter den Behörden zuvor übergeben hatte. Sie waren also nicht überprüft worden.

"Wir müssen erwarten können, dass wir 100 Prozent des eingesetzten Personals kontrollieren können", bemängelt nun der Mainzer Innenminister Roger Lewentz (SPD).

Da die Kontrolle bei A. und Z. nicht stattgefunden hatte, mussten sich die Sicherheitsbehörden am Freitag fragen: Hatten sich zwei Islamisten bewusst auf konspirative Weise Zugang zum Festival verschafft? Führten sie etwas im Schilde? Hatten sie dort etwas deponiert? Der Anschlag auf das Konzert in Manchester lag zu diesem Zeitpunkt erst eine Woche zurück. "Wir mussten handeln, alles andere wäre unverantwortlich gewesen", so ein hochrangiger Beamter.

Hinzu kam, dass die Bundesanwaltschaft seit September gegen den Zwillingsbruder von A. ermittelt. Er soll in der Vergangenheit den Terrormilizen "Islamischer Staat" und Ahrar al-Scham angehört und auch für sie gekämpft haben. Mohamed A. sitzt seit April in Freiburg in Untersuchungshaft - es geht um Drogenhandel in größerem Stil, die Rede ist von Kokain. Im vergangenen Jahr fiel Mohamed A. auch wegen räuberischer Erpressung in Frankfurt auf.

Mohammad Z. wiederum, als Flüchtling im Juni 2015 nach Deutschland gekommen, ist bislang polizeilich nicht bekannt, gehört aber wohl der salafistischen Szene in Hessen an. Und auch der aus Fulda stammende Namik T., der Abdul Ghani A. und Mohammad Z. des Nachts bei McDonald's in Koblenz abholte, soll nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden Kontakte ins islamistische Milieu unterhalten. T. bestreitet das.

Zugangsberechtigung über Subunternehmer

Der Chef des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamts Johannes Kunz sprach am Dienstag bei einer Tagung in Mainz von einer "kritischen Situation" und einer "schwierigen Entscheidung", die der verantwortliche Polizeiführer zu treffen gehabt habe. Innenminister Lewentz sagte, es seien "alle denkbaren Szenarien durchgespielt" worden. Letztlich habe die Sicherheit der Besucher aber immer Vorrang.

Spezialkräfte der Polizei durchsuchten am Freitag die Wohnungen der Verdächtigen in Fulda und Frankfurt. Sie konnten jedoch nichts Belastendes finden. Weil das Festivalgelände wegen der einsetzenden Dunkelheit nicht mehr abgesucht werden konnte, entschied sich die Polizei für eine Unterbrechung von "Rock am Ring". Am nächsten Morgen drehten dann mehrere Hundertschaften der Bereitschaftspolizei jeden Stein am Nürburgring um, entdeckten aber ebenfalls nichts Gefährliches.

In der Zwischenzeit hatten Kriminalbeamte rekonstruieren können, dass die bei den Salafisten entdeckten Zugangsberechtigungen anscheinend von Subunternehmern ausgegeben worden waren. Die Männer waren kurzfristig von einer Sicherheitsfirma als Ordner angefordert worden, offenbar fehlte am Ring Personal. Der Impuls, bei dem Festival dabei zu sein, ging demnach nicht von A. und Z. aus, wie der Staatsschutz rekonstruieren konnte.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) schwärmte hinterher von einem "guten Team", das "mit Sorgsamkeit und Achtsamkeit" reagiert habe. Und selbst die Besucher von "Rock am Ring", die vielleicht am ehesten Grund zur Verärgerung gehabt hätten, reagierten gelassen. Sie hätten das Gelände so geordnet und gefasst verlassen, scherzte Lewentz hinterher, als hätten sie an einer Prozession teilgenommen.



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