Rocker-Mord in Berlin Acht Schüsse in fünf Sekunden

Anfang Januar wird Tahir Ö. in einem Berliner Café kaltblütig ermordet, die Spur führt zu den Hells Angels. Nach Recherchen von SPIEGEL TV wusste das Landeskriminalamt lange im Voraus von Tatplänen - doch niemand warnte das Opfer.

Von Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer


Es ist kurz vor 23 Uhr an diesem 10. Januar im Berliner Wedding, als Tahir Ö. mit drei Freunden im Hinterzimmer eines Cafés Karten spielt. Der Laden ist eine Mischung aus Spätverkauf, Wettbüro und Teestube. Man kennt sich im Kiez zwischen Residenzstraße und Pankower Allee. Die Kunden sind Türken, Araber und auch ein paar Deutsche.

Gleich neben der Eingangstür steht der schnauzbärtige Besitzer hinter einem Holztresen. Durch eine weitere Tür geht es ins einfach ausgestattete Hinterzimmer. An den Tischen wird gespielt und gequatscht. Drei Männer zocken an den Spielautomaten. Die Stimmung unter den rund dreißig Gästen ist gelöst. Rechts am Tisch 1 die Freunde und der 26-jährige Tahir. Er sitzt mit dem Rücken zur Wand. Man spielt Karten, redet über den letzten Moscheebesuch und die Länge der Bärte. Ein paar Minuten später wird Tahir tot sein, möglicherweise verraten von einem der Kumpels am Tisch.

Tahirs Mörder stürmen um 23.55 Uhr das Lokal. In einem Sachstandsbericht des Landeskriminalamts (LKA) wird beschrieben, dass "die Angreifer das schlauchartige Lokal zügig" besetzen. Unmittelbar nach dem Betreten des hinteren Gastraumes eröffnet "die dem Rollkommando voranschreitende Person sofort und ohne Ankündigung zielgerichtet das Feuer auf das chancenlose Opfer".

V-Mann warnte LKA vor Mordplänen

Achtmal feuert der vermummte Schütze in gerade einmal fünf Sekunden auf Tahir. Während die Angreifer wieder durch den Hauptausgang türmen, flüchtet der Schütze durch eine Seitentür in eine Nebenstraße. Nach knapp fünfundzwanzig Sekunden, so werden es Bilder aus den Überwachungskameras belegen, ist alles vorbei. Die Täter schubsen die zahlreichen Zeugen aus dem Weg und rennen zu ihren mit laufenden Motoren wartenden Wagen der Spitzenklasse, darunter ein 500er Mercedes CLS.

Tahir hat keine Überlebenschance. Die Aorta und der linke Vorhof des Herzens sind durchschossen worden.

Die Fahnder des LKA Berlin befragen in den folgenden Tagen zahlreiche Zeugen und werten die Bilder aus insgesamt drei Überwachungskameras aus. Für die Ermittler ist schnell klar: Die Tat trägt die Handschrift der Hells Angels. Außerdem war im Kiez allgemein bekannt, dass Tahir Stress mit der Motorradgang und ihrem Anführer Kadir Padir hatte. Der war schon ein "harter Hund, der keinen Schritt zurückgeht", sagen Jugendliche auf einem der Plätze.

Also ein typisches Beispiel der brutalen Rachsucht unter Rockern? Nicht nur: Möglicherweise hätte Tahir Ö. nicht sterben müssen. Bei den Fahndern des LKA Berlin hatte sich nämlich nach Recherchen von SPIEGEL TV am 29.Oktober 2013 ein als verlässlich eingestufter V-Mann gemeldet, der Interessantes von den Hells Angels zu berichten wusste. Angeblich, so die polizeiliche Vertrauensperson zu den Ermittlern der LKA Abteilung 423, habe Rocker-Chef "Kadir Padir einen Tötungsauftrag" erteilt. Es gehe um Ö. und zwei seiner Kumpels, darunter ein türkischstämmiger Polizeibeamter. Das LKA und auch die zuständige Staatsanwaltschaft wussten also schon vor zweieinhalb Monaten von dem angekündigten Mord. Ein entsprechendes Verfahren wird bei der Staatsanwaltschaft Berlin unter dem Aktenzeichen StA Berlin 251 Js 758/13 geführt.

Opfer wurde nicht informiert

Die Berliner Ermittler glauben auch, den Hintergrund für den Mordauftrag zu kennen. Es geht, wie meistens in diesem Milieu, um verletzte Rocker-Ehre, schiere Machtdemonstrationen und Rache. Tahir Ö., das spätere Mordopfer, und ein paar seiner Kumpels hatten sich Mitte Oktober vor einer Discothek mit Türstehern und Hells Angels geprügelt. Messer und Teleskopschlagstöcke wurden gezogen, ein Hells Angel musste verletzt ins Krankenhaus. Der Rocker ist einer von Kadir Padirs Leuten. In einem Vermerk notieren LKA-Beamte: "Um seinen (Kadir Padirs) Ruf bzw. seinen Status zu wahren, erscheint aufgrund der szenetypischen Gepflogenheiten eine Racheaktion unvermeidbar."

Wie schon in anderen Fällen hätte die Polizei jetzt sogenannte "Gefährdungsansprachen" führen können. Diese Ansprachen sind ein gängiges polizeiliches Instrumentarium, um potentielle Gewalttäter, in diesem Fall Rocker-Chef Padir, von ihrem Plan abzubringen. Frei nach dem Motto: Wir sind der Staat. Wir wissen, was du vorhast. Doch seltsamerweise entschied man sich dagegen. Auch Tahir Ö. wurde nicht von den Anschlagsplänen informiert. LKA-Chef Christian Steiof zu SPIEGEL TV: "Das spätere Opfer war abgetaucht." Wahrscheinlicher ist dagegen, dass die Fahnder nicht richtig nach Ö. suchten: Der wohnte nämlich entweder bei seiner Schwester oder einem Freund - keine 550 Meter vom späteren Tatort entfernt.

In der vergangenen Woche wurden fünf Hells Angels vorläufig festgenommen. Rocker-Chef Kadir Padir stellte sich am Donnerstag mit seinen Anwälten. Es sind natürlich die besten und teuersten der Stadt.

Mehr zu Kadir Padir und den Hells Angels im SPIEGEL TV Magazin an diesem Sonntag um 23:15 Uhr auf RTL.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
badbeardxb 26.01.2014
1. Alles richtig gemacht!
Die Polizei kann doch nicht ihre Informanten im Rockermilieu gefährden, indem sie mithilfe ihrer Informationen andere Rocker erst auf deren Existenz aufmerksam macht. Natürlich ist es bedauerlich wenn Menschen erschossen warden. Manchmal mehr, manchmal weniger.
hostie64 26.01.2014
2. Jetzt kommen wieder die ganzen Vorurteile gegen Rocker und kriminelle Ausländer
Ich bin erschüttert, nicht nur über die Tat, sondern auch über die Reaktionen. Die Leute sind voller Vorurteile. Wieso sollen es denn die Hells Angels gewesen sein? Nur weil sie ihr Geld mit Prostitution, Drogen und Gewalt verdienen sind sie doch noch lange nicht kriminell. Oder wieso hat keiner wirkliches Mitleid mit dem türkischen Mitbürger. Nur weil er in einer Spielerbude rumhing und offenbar gewaltbereit und bandenmäßig organisiert war, war er doch kein schlechter Mensch. Die Leute sind voller Vorurteile. Oder sind es doch eher schlechte Erfahrungen?
schwarzes_lamm 26.01.2014
3.
Aufräumarbeiten im Milieu. Viel Mitleid kann ich da nicht entwickeln.
digitalerfreiberufler 26.01.2014
4.
Das einzige was mir einfallen würde was die Polizei hätte besser machen können: Sie hätte wie die Amis damals als die Somalis die Maersk Alabama gekapert hatte, SEK Scharfschützen rund um das Teehaus postieren können und dann als Gefahr im Verzug war schnell alle die was mit der Tat zu tun habenerschiessen müssen - in Notwehr, versteht sich. Sollten zufällig nicht alle bewaffnet gewesen sein - shit happens, man kann auch nicht alles sehen in so einer dunklen Teestube. Hätte unseren Gerichten Arbeit, dem Staat Geld, und der Gemeinschaft viele fiese Typen gespart. Warum nicht von unseren Verbündeten den USA lernen?
normal_sterblicher 26.01.2014
5. Muss man so sehen!
Zitat von badbeardxbDie Polizei kann doch nicht ihre Informanten im Rockermilieu gefährden, indem sie mithilfe ihrer Informationen andere Rocker erst auf deren Existenz aufmerksam macht. Natürlich ist es bedauerlich wenn Menschen erschossen warden. Manchmal mehr, manchmal weniger.
Jepp, sonst gäbe es jetzt zwei tote erst den V Man später das jetzige Opfer. Alles richtig gemacht.
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