Schwerkriminalität Warum Osmanen-Rocker Flüchtlingsheime bewachten

Mitglieder der Rockergang Osmanen Germania heuerten 2016 als Sicherheitskräfte für Flüchtlingsunterkünfte an. Dafür kassierten sie Geld vom Staat. Wie konnte das passieren?

Osmanen, Polizisten
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Die Reaktionen kamen prompt. Von einem "unerhörten Vorgang" sprach Hans-Ulrich Sckerl, Innenpolitiker der Grünen in Baden-Württemberg. "Geht gar nicht", sagte Christoph Hoffmann, FDP-Bundestagsabgeordneter aus Lörrach, einem 50.000-Einwohner-Ort im äußersten Südwesten.

Der SPIEGEL hatte am Wochenende enthüllt, dass Angehörige der deutsch-türkischen Rockergang Osmanen Germania am Geschäft mit Flüchtlingen kräftig verdient haben. Im ersten Quartal 2016 etwa sollen laut Erkenntnissen hessischer Ermittler mindestens 50 Rocker acht Flüchtlingsheime im Landkreis Lörrach bewacht haben. (Lesen Sie hier die Geschichte bei SPIEGEL Plus).

Aufträge vom Subunternehmer

Die Chefs, darunter der vormalige "Weltpräsident" Mehmet Bagci, kassierten demnach in der Regel pro Arbeitsstunde mit. Allein im Februar 2016 sollen mindestens 12.500 Euro als Provision an die Gang geflossen sein. Die Aufträge kamen von einem Subunternehmer.

Ein Sprecher des Landkreises räumte ein, Osmanen hätten von Ende 2015 bis Ende 2016 Flüchtlingsunterkünfte bewacht. Die Kommune aber habe erst im März 2017 davon erfahren, durch die hessischen Ermittler. Man hätte, so beteuerte der Sprecher, einer Zusammenarbeit nie zugestimmt oder sie gebilligt.

Was bleibt, ist die Frage, wie es dazu kommen konnte. Wie es den Osmanen gelang, ein Jahr lang Steuergeld zu kassieren, ohne in Lörrach Verdacht zu erregen. Immerhin ist die Gang mutmaßlich hochkriminell.

Seit Montag steht die Führungsriege in Stuttgart vor Gericht. Im Prozess gegen acht Angeklagte geht es in unterschiedlichen Konstellationen um schwerste Straftaten: versuchten Mord, Erpressung, Zwangsprostitution, Körperverletzung.

Einige hundert Mitglieder sollen die Osmanen zurzeit haben. Nach der Gründung Ende 2015 wuchsen sie den Sicherheitsbehörden zufolge zunächst stark, auf etwa 2000 Mitglieder. Und die Gewinne aus dem Geschäft mit Wachdiensten hätten "überragende Bedeutung für die Expansionsbestrebungen des Vereins", hielten die Ermittler bereits Mitte 2016 in einem Vermerk fest.

Akten der Sicherheitsbehörden legen nahe, dass sich die Rocker Ende 2015 eine Ausnahmesituation zunutze machten. Damals stieg die Zahl der Flüchtlinge rasant. Die Kommunen bekamen Probleme, Wachdienste für immer neue Unterkünfte zu finden.

In Lörrach beauftragte der Landkreis eine Sicherheitsfirma, die wiederum an den Unternehmer H. Aufträge weiterreichte. Ein ehemaliger Polizist, der 1999 aus dem Dienst entlassen wurde, so die Ermittler. Zu H. pflegte Osmanen-Chef Bagci demnach einen engen Draht - und konnte übernehmen.

Stundenlohn: acht bis zehn Euro

Bagci soll sich persönlich darum gekümmert haben, dass Gangmitglieder teilweise aus weit entfernten Regionen Deutschlands zu den Unterkünften reisten, zum Beispiel aus Osnabrück. Den Erkenntnissen zufolge nahm Bagci Löhne bar entgegen und zahlte sie persönlich aus. Mitarbeiter sollen pro Stunde acht bis zehn Euro kassiert haben.

Der Sprecher des Landkreises betonte, man habe Subunternehmer H. damals überprüft. Dass er eine Verbindung zu den Osmanen pflegte "oder andere Auffälligkeiten" seien nicht festgestellt worden.

Nachdem das Landratsamt von den Osmanen als Subsubunternehmer erfahren habe, habe der Hauptunternehmer die Zusammenarbeit mit H. beendet. Grundlage der Kündigung sei die vertragliche Verpflichtung von H., "keine Mitglieder von rockerähnlichen oder verbotenen Gruppierungen zu beschäftigen".

Die Sicherheitsleute der Osmanen fielen in Lörrach offenbar nicht negativ auf. "Es gab definitiv keine Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen und den Sicherheitsleuten", sagte der Sprecher des Landkreises. "Davon wären wir von unserer Heimleitung oder den Mitarbeitern vor Ort in Kenntnis gesetzt worden und hätten entsprechend reagiert."

In Hessen legten die Ermittler den Komplex Flüchtlingsheime offenbar irgendwann beiseite. Einen Verdacht auf eine Straftat sahen sie nicht.



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