Drohendes Bandenverbot: Berliner Rockergangs tricksen Polizei aus

Von Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer

Mit Hunderten Beamten will die Berliner Polizei am Mittwoch gegen Rocker vorgehen - doch die Behörden haben sich offenbar zu viel Zeit gelassen: Die Banden sind gewarnt, sie lösen ihre Gruppen auf und treten zu rivalisierenden Gangs über. Die Ermittlungen laufen ins Leere.

Rocker in Berlin (Archivfoto): Fakten geschaffen auf geheimer Sitzung Zur Großansicht
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Rocker in Berlin (Archivfoto): Fakten geschaffen auf geheimer Sitzung

Hamburg - Seit mehreren Monaten sitzt beim Berliner Innensenator ein Beamter und werkelt an einer sogenannten Verbotsverfügung gegen diverse Rockerclubs. Akribisch hält er fest, welche Charter der Hells Angels und welche Chapter der Bandidos besonders kriminell sind. Polizeidaten werden abgefragt, Ermittler werden um Stellungnahmen gebeten. Da kommt in der Hauptstadt einiges zusammen.

Am Mittwoch soll es nach Informationen von SPIEGEL TV soweit sein. Dutzende Orte wie Vereinsheime, Kneipen und Privatwohnungen sollen am frühen Morgen Besuch von den zuständigen Polizeieinheiten bekommen. Auch das SEK ist angefordert. An diesem Dienstag ist die letzte Einsatzbesprechung geplant. Damit die Verbotsverfügung durchgesetzt werden kann, sind Hunderte Polizisten aus dem Bundesgebiet für den Schlag gegen die Rocker in die Hauptstadt gereist.

Dumm nur, dass auch die Berliner Rockerszene längst Bescheid weiß. Am Pfingstmontag haben Hells Angels und Bandidos auf einer geheimen Sitzung vorgesorgt und Fakten geschaffen, die dem Innensenator und der Polizeispitze in der Hauptstadt nicht gefallen werden.

Bandidos wechseln zu Hells Angels

Um 16 Uhr am Montag kam es im Vereinsheim der Bandidos in der Streustraße zum größten Wechsel von Rockern in der Geschichte der beiden Clubs, "Patch over" genannt. Das verbotsgefährdete Chapter der Bandidos "South Side" um Grischa Vowe löste sich auf und wechselte kurzerhand zu den Hells Angels ins benachbarte Brandenburg. Mit Vowe verlieren die Bandidos einen ihrer wichtigsten Männer im Osten Deutschlands. "Bei uns sind gestern weniger als 20, aber mehr als 15 Member ausgetreten. Wo die hingegangen sind, weiß ich nicht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen", heißt es von einem Vertreter der Bandidos.

Rund 200 Bandidos und Unterstützer, alle in Zivil angetreten, bekamen auf der Veranstaltung ihre Rockerkutten als "Prospect" (engl.: "aussichtsreicher Kandidat") der Hells Angels Potsdam überreicht. Knapp 100 Hells Angels begleiteten die Zeremonie. Ein Wechsel, der durchaus überrascht, bekämpften sich doch beide Clubs noch vor ein paar Wochen bis aufs Blut. Mit Hieb- und Stichwaffen gingen sie mitten in Berlin aufeinander los. Auf das Bandidos-Clubhaus in der Streustrasse wurde sogar ein Anschlag verübt. In einem Papier des Landeskriminalamts (LKA) ist von "mehreren Durchschüssen in der Stahltür und Einschüssen im Mauerwerk" die Rede. Im März wurden bei einem Hells Angel zwei Maschinenpistolen beschlagnahmt.

Auch ein Charter der wohl von einem Verbot betroffenen Hells Angels "Nomads" hat sich in Berlin verabschiedet und ist vor die Tore der Stadt nach Oranienburg gezogen. Die "Brigade 81" dagegen, eine besonders schlagkräftige Unterstützertruppe, hat sich komplett aufgelöst.

Vorwürfe wegen Unfähigkeit und Missmanagement

Allzu einfach dürfte es also für die Berliner Polizei nicht mehr werden, medienwirksame Bilder von beschlagnahmten Waffen, Computern und Motorrädern zu liefern. Wenn es keine Vereine mehr gibt, wo soll dann durchsucht werden? Angeblich haben die Rocker auch schon ihre Motorräder, die ja in der Regel zu beschlagnahmendes Vereinseigentum sind, umgemeldet und versteckt. Auch die Insignien ihrer Rockerherrlichkeit, ihre Westen, sollen sie längst weggeschafft haben. Einzig das Hells Angels Charter "Berlin City" um Kadir Padir erwartet entspannt die Verbotsmaßnahmen der Polizei am Mittwoch, so heißt es aus der Rockergang.

Von der Berliner Polizei heißt es zu dem bevorstehenden Einsatz, man habe aus "ermittlungstaktischen Gründen" nichts mitzuteilen.

Dabei käme ein gut geplanter Schlag gegen die Berliner Rockerszene zur rechten Zeit. Zu viel ist passiert in den vergangenen Monaten, oft wurde geschossen. Die unterschriftsreife Verbotsverfügung soll schon vor Wochen beim Landeskriminalamt vorgelegen haben. Doch statt das Verfahren konsequent voranzutreiben, ging die zuständige Dezernatsleiterin in den Urlaub.

Aus diversen LKA-Abteilungen werden der Frau Unfähigkeit und Missmanagement vorgeworfen. Es soll heftige Wortgefechte auf den Fluren der Behörde gegeben haben. Als ein Kollege sich beschwerte, soll die Dezernatsleiterin ihm beschieden haben, sie wolle persönlich das Schild von den Hells Angels abschrauben. Und so lange musste eben gewartet werden. Zu lange, wie sich jetzt zeigt.


Mehr zu den Hells Angels bei SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 22.15 Uhr, RTL

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insgesamt 57 Beiträge
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1.
TomRohwer 29.05.2012
Organisierte Kriminelle schließen sich zusammen - das ist ja nun nichts wirklich neues. Wenn allerdings die bisherigen Mitglieder einer Organisation, die verboten wird, mehr oder weniger geschlossen in eine andere übertreten, dann liegt die Annahme auf der Hand, daß sie dort ihr Tun fortsetzen wollen und das sollte wiederum ein hervorragendes Argument für ein Verbot der aufnehmenden Organisation sein. Letztlich wird also nur die Zahl der zu verbietenden Vereine kleiner, darüber sollte sich die Justiz eigentlich freuen.
2. ...
cato. 29.05.2012
Zitat von sysopDPAMit Hunderten Beamten will die Berliner Polizei am Mittwoch gegen Rocker vorgehen - doch die Behörden haben sich offenbar zu viel Zeit gelassen: Die Banden sind gewarnt, sie lösen ihre Gruppen auf und treten zu rivalisierenden Gangs über. Die Ermittlungen laufen ins Leere. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,835648,00.html
Ich frag mich warum die Ermittlungen ins Leere laufen, Hells Angels und Bandidos gibt es doch noch, warum läuft das auf Berliner Ebene und nicht ein Bundesweites Verbotsverfahren ? Entweder sind Hells Angels und Bandidos als Organisation Kriminell oder eben nicht - sprich entwder kann man den ganzen Verein anstatt einzelner Chapter verbieten oder aber die Organisation ist an den Verbrechen ihrer Mitglieder nicht beteiligt, in dem Fall kann man auch keine Chapter verbieten, in denen sich Kriminelle häufen ...
3. Nichts wert
anon11 29.05.2012
Zitat von sysopDPAMit Hunderten Beamten will die Berliner Polizei am Mittwoch gegen Rocker vorgehen - doch die Behörden haben sich offenbar zu viel Zeit gelassen: Die Banden sind gewarnt, sie lösen ihre Gruppen auf und treten zu rivalisierenden Gangs über. Die Ermittlungen laufen ins Leere. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,835648,00.html
War da nicht was mit Stolz und Ehre die Kutte des jeweiligen Vereins tragen zu dürfen? Schwupps wird einfach so gewechselt und der alte Verein, sowie das hohle Gelaber sind vergessen. So sind sie halt diese Clowns. Stolz, Ehre ,Charakter? Fehlanzeige.
4. Neee.....
Ben Major 29.05.2012
Zitat von TomRohwerOrganisierte Kriminelle schließen sich zusammen - das ist ja nun nichts wirklich neues. Wenn allerdings die bisherigen Mitglieder einer Organisation, die verboten wird, mehr oder weniger geschlossen in eine andere übertreten, dann liegt die Annahme auf der Hand, daß sie dort ihr Tun fortsetzen wollen und das sollte wiederum ein hervorragendes Argument für ein Verbot der aufnehmenden Organisation sein. Letztlich wird also nur die Zahl der zu verbietenden Vereine kleiner, darüber sollte sich die Justiz eigentlich freuen.
Nich in Deutschland, da wird nicht der Geheimdienst und spezielle Einsatzkräfte auf organisierte Kriminelle angesetzt, sondern brave Beamte, die sich zu Recht vor Vergeltung fürchten, von der Razzia letzte Woche mal abgesehen. Was meinen Sie wohl, wenn Sie als Richter in einem Verfahren gegen Hells Angels, oder Mitglieder der Miri Familie sitzen, da wird Ihnen wahrscheinlich Angst und Bange und wenn nicht dann wird nachgeholfen.
5.
trick66 29.05.2012
Zitat von TomRohwerOrganisierte Kriminelle schließen sich zusammen - das ist ja nun nichts wirklich neues. Wenn allerdings die bisherigen Mitglieder einer Organisation, die verboten wird, mehr oder weniger geschlossen in eine andere übertreten, dann liegt die Annahme auf der Hand, daß sie dort ihr Tun fortsetzen wollen und das sollte wiederum ein hervorragendes Argument für ein Verbot der aufnehmenden Organisation sein. Letztlich wird also nur die Zahl der zu verbietenden Vereine kleiner, darüber sollte sich die Justiz eigentlich freuen.
Ja aber erst waren sie in Berlin, jetzt in Brandenburg. Da sind zwei völlig verschiedene Polizeibehörden zuständig. Da kann man nicht einfach so das Berliner Verfahren weiterführen, das erfordert schon einen umfänglichen Verwaltungsakt. Und das zwischen zwei Bundesländern, die für ihre effiziente Verwaltung besonders bekannt sind, siehe das aktuelle Flughafen-Debakel.
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Die großen Rockerclubs
Hells Angels
Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur Organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
Outlaws MC
Einer der größten und ältesten Motorradclubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
Gremium MC
Der letzte große Motorradclub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.

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