Rockerchef in U-Haft Voll auf Empfang

Berlins Rockerchef Kadir Padir sitzt in Berlin-Moabit in U-Haft, es gibt viele Gründe, ihn von der Außenwelt abzuschirmen: Er soll einen Mord in Auftrag gegeben haben, vier Tatverdächtige sind noch auf der Flucht. Doch der Kontakt hält.

Kadir Padir: "Der Dicke soll sich keinen Kopf machen"
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Kadir Padir: "Der Dicke soll sich keinen Kopf machen"

Von Thomas Heise


Wer in der JVA Berlin-Moabit einsitzt, für den sind ein paar Dinge im Leben falsch gelaufen. So wie bei Kadir Padir, einem der schwersten Jungs der deutschen Hauptstadt. "Der Dicke", wie er von den Seinen nicht ganz zu Unrecht genannt wird, sitzt derzeit wegen eines Mordauftrages in Untersuchungshaft, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.

"Seine Zelle ist richtig mies. Da ist alles angeschraubt, da ist man unter ständiger Kontrolle", sagt ein Mithäftling. An Padirs Zellentür kleben zwei rote Buchstaben. "SV" - Sicherheitsverlegung. Er soll unter Kontrolle stehen, ist von den anderen Beschuldigten strikt zu trennen. Arbeit und Gemeinschaftszeiten sind nicht gestattet. Eine Kommunikation nach "draußen" ist streng zu kontrollieren. Eigentlich.

"Ibo" auf der Flucht

Für die Kontaktsperre gibt es gute Gründe. Padir wird beschuldigt, er habe vorsätzlich andere zu "einem gemeinschaftlichen, heimtückischen und aus niedrigen Beweggründen begangenen Mord" bestimmt, so steht es in der 69-seitigen Anklageschrift unter dem Aktenzeichen "251 Js 26/14". Als Chef der Hells Angels und gar nicht so heimliches Oberhaupt der Berliner Halbwelt soll er seinen Rockerbrüdern befohlen haben, den 26-jährigen Tahir Özbek umzubringen. Über die Hintergründe, den Tatablauf und diverse Ermittlungspannen berichteten SPIEGEL TV und SPIEGEL ONLINE mehrfach.

Ob die Vorwürfe der Ermittler stimmen, wird in einem im Herbst stattfindenden Prozess geklärt. Elf Rocker und Unterstützer sollen dann auf der Anklagebank sitzen, verteidigt von über zwei Dutzend Anwälten. Die meisten Tatverdächtigen sitzen in U-Haft, ein paar sind noch auf der Flucht, darunter Padirs rechte Hand Ibrahim K., Spitzname "Ibo". Er wird mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Es wäre also gut, wenn Padir und die weiteren Verdächtigen aus ihren Zellen heraus keinen Einfluss auf Zeugen oder gar Verdächtige haben können.

"Alles stabil"

Doch Ermittlungsakten, die SPIEGEL ONLINE komplett einsehen konnte, ist zu entnehmen, dass die Kontrolle Lücken hat. So hören die Fahnder Anfang März einen gewissen Husny El S. ab. Er hat telefonischen Kontakt zu einem Insassen, der in Sicht- und Rufweite von Padir untergebracht ist. Offenbar läuft die Kommunikation nach draußen tadellos. Der Insasse erhält über den Kontakt Informationen nicht nur zu Padirs Frau und Kindern, denen es gut gehe, sondern auch zu seiner Geliebten. Ansonsten solle "der Dicke sich keinen Kopf machen", im Club laufe es wie gehabt. "Alles stabil, die Struktur funktioniert, alles ist ok", lautete eine Botschaft von Husny El S., die Padir weitergereicht wurde. Nicht auszuschließen, dass noch andere Informationen durchgesteckt wurden oder werden.

Auch Selim B. gehört zu Padirs Gang, auch er ist wegen des Mordes an Özbek in U-Haft und auch er verfügte in Moabit zeitweise über ein Handy. Er wurde erwischt und rechtfertigte sich: Er habe mit seiner Ehefrau und seiner Mutter telefonieren wollen. Damit nicht genug. Mit Kassra Z., der sich ebenfalls in Untersuchungshaft befindet, soll laut Vermerk des LKA noch ein weiter Beschuldigter aus der Hells-Angels-Gang ein Mobiltelefon besessen haben. "Es muss aktuell davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte Z. in der U-Haft ein Mobiltelefon besitzt", so die Ermittler. Kassras Anwalt dementiert, dass sein Mandant ein Telefon besaß. Wie auch immer: lückenlose Kontrolle von mutmaßlichen Schwerverbrechern sieht anders aus.

Dealen, Filmen, Kiffen

Und in anderen Berliner Haftanstalten ist es offenbar ebenfalls kein Ding der Unmöglichkeit, zu telefonieren oder gar zu dealen, filmen oder kiffen. Berlins Justizsenator Heilmann erklärte dazu in einem Interview mit SPIEGEL TV vor kurzem: "Wir können nicht in jede menschliche Öffnung hineingucken bei jedem Besucher."

Padirs Zelle ist mit zwei extra Riegeln gesichert. Das Besondere an der Haftanstalt Moabit: Sie funktioniert nach dem panoptischen System, mit einer Art Überwachungsturm im Zentrum, von dem Zellenflügel sternförmig abgehen. Das Aufsichtspersonal kann von hier aus alle Flügel und Zellentüren überwachen. Kadir sitzt im B-Flur, nur ein paar Meter von den wachsamen Blicken der Vollzugsbeamten entfernt.

Außer Sichtweite sind im Moment vier flüchtige Tatverdächtige im Mordfall Özbek. Zumindest die meisten: Bei dreien sind sich die Fahnder sicher, dass sie in der Türkei stecken. Einer, Padirs rechte Hand Ibrahim "Ibo" K., ist neulich von einem Polizisten in Berlin gesehen worden. Am Ku'damm. Beim Kaffee trinken. Der Ermittler rief Kollegen zur Unterstützung. Bevor die da waren, war "Ibo" jedoch schon wieder weg.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
hairforce 06.07.2014
1. Der arme
Berlins Rockerchef Kadir Padir sitzt in Berlin-Moabit in U-Haft. Druckfehler? So was nennt man woanders freie Logis incl. Verpflegung.
flyhi172 06.07.2014
2.
entweder der Justizapparat in Berlin ist auf dem technischen Stand von 1950 oder der Herr Justizsenator will uns fuer dumm verkaufen.
JKStiller 06.07.2014
3. Rocker Kadir Padir?
Würde gerne wissen, wie viele Kilometer der so auf seiner Harley pro Jahr runtergerissen hat. Krimineller, ok. Rocker eher nicht.
hemimod 06.07.2014
4. Mit Rockern
Haben diese Vögel ja nun wohl gar nichts mehr gemein.
chrislane 06.07.2014
5. revierkämpfe wie im tierreich
interessant ist, das der oberrocker f. hanebuth auf mallorca nichts anderes gemacht hat, was er zuvor jahrzehnte in deutschland getrieben hat. organisierte kriminalität. blöd nur, dass die spanischen sicherheitsbehörden nach wenigen monaten die faxen dicke hatten und ihn weg gehauen haben. das ist mal konsequent.
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