Duisburger Satudarah-Bande Er war der Spitzel in der Rockergang

Für Raubüberfälle saß Christian J. viele Jahre im Gefängnis, später nutzte die Polizei ihn als Informanten. Der Rocker berichtete aus dem Innenleben der Duisburger Satudarah-Gang. Welche Rolle spielte der Maulwurf bei Anschlägen auf Hells Angels?

Satudarah-Rocker Christian J., Yildiray Kaymaz (v. li.): "Als V-Mann gearbeitet"
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Satudarah-Rocker Christian J., Yildiray Kaymaz (v. li.): "Als V-Mann gearbeitet"

Von , Duisburg


"Wir sind alle lieb", sagte der Duisburger Satudarah-Rocker Christian J. vor einem Jahr in einem Interview mit SPIEGEL TV. Die Wahrheit war das nicht.

Denn damals lieferte sich die Bande, zu deren Führungscrew der gelernte Schweißer aus Dinslaken gehörte, gerade äußerst brutale Auseinandersetzungen mit den Hells Angels. Es wurde zugeschlagen, mit Revolvern und Maschinenpistolen geschossen, es flogen Handgranaten - und mittendrin tummelte sich J., der später sagte, er sei ein Spitzel der Ermittler gewesen.

In der Szene ist längst bekannt, dass der ehemalige Fremdenlegionär der Staatsmacht Informationen geliefert hat. Daher durfte J., mittlerweile befindet er sich in einem Zeugenschutzprogramm, seine Vernehmung im August 2013 auch mit den selbstbewussten Worten einleiten: "Gleich zu Beginn erkläre ich, dass ich als V-Mann für die Polizei gearbeitet habe." Für die Behörden könnte sich das Bekenntnis der Halbweltgröße, die nach eigenem Bekunden schon einmal 330 Gramm Kokain in anderthalb Monaten konsumierte, noch als Problem erweisen.

Wie intensiv arbeitete die Polizei mit Christian J. zusammen?

Es stellt sich nämlich mittlerweile die Frage, wie intensiv Polizei und Staatsanwaltschaft mit dem heute 44-Jährigen, gegen den noch immer wegen Drogenschmuggels und der Einfuhr zweier Maschinenpistolen vom Typ Scorpion ermittelt wird, zusammengearbeitet haben. Führten sie ihn tatsächlich als bezahlten V-Mann, wie er selbst ausgesagt hat, oder schöpften sie ihn lediglich als Informanten ab, wie hochrangige Beamte verlauten lassen? Und was wussten die Ermittler von den Straftaten des Christian J.?

In seiner Vernehmung bei der Ermittlungskommission "Sia" hat J. beschrieben, dass er beim Ankauf von Drogen und Waffen mitmachte, dass er mit Handgranaten hantierte und in seinem Garten ein Kilogramm Sprengstoff vergraben lag. Laut Polizei hätte der bei Zündung eine Reichweite von bis zu einem Kilometer haben können.

Christian J. hatte sich nach eigenen Angaben im Winter 2011 der Rockerbande von Yildiray Kaymaz angeschlossen, nachdem er bei den Duisburger Bandidos in Ungnade gefallen war. Der verurteilte Bankräuber, der einige Jahre im Gefängnis gesessen hatte, stieg schnell zur Nummer drei der Gang auf.

Doch so drängend die Fragen zur Rolle von Christian J. im Duisburger Rockerkrieg auch sein mögen, Innenminister Ralf Jäger (SPD) wird sie im Innenausschuss des Landtages an diesem Donnerstag nicht beantworten. In seinem Bericht, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es, er könne aus Gründen des Vertrauensschutzes keine Angaben dazu machen.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg hingegen teilte auf Anfrage mit, sie habe in dem betreffenden Verfahren gegen die inzwischen verurteilten Satudarah-Bosse Yildiray Kaymaz und Baris T. eine geheime Quelle gehabt, die zu Beginn der Ermittlungen dreimal befragt worden sei, anschließend nicht mehr.

Womöglich wurde der Informant dazu auch noch ausgelagert.

In den Akten findet sich ein vertraulicher Vermerk des Landeskriminalamts (LKA) Hannover, der die Nachforschungen gegen Kaymaz und T. in Gang gesetzt hatte. So berichtete am Abend des 9. Februar 2012 ein V-Mann mit der Nummer I/230 - es war wohl Christian J. - kriminalistisch Interessantes aus Duisburg: Er kenne dort einen Türken, der ein Call-Center betreibe und zugleich mit Drogen handele. In den vergangenen vier Wochen habe dieser Baris T. mehrere Kilogramm Speed und Marihuana aus den Niederlanden bezogen und in Duisburg verkauft.

Möbel kaufen - statt Kalaschnikows

Auf dem Dienstweg informierten die Ermittler aus Hannover darüber die Duisburger Polizei. Schon zwei Tage später sagte ein hochrangiger Kriminalbeamter aus der Ruhrgebietsstadt dem Spitzel "Geheimhaltung" zu, wie es in einem Dokument heißt.

Merkwürdig ist aber, dass das niedersächsische LKA inzwischen auf Anfrage mitteilt, man habe mit der Sache eigentlich nichts zu tun. "Das LKA hat keine eigenständigen Ermittlungen unternommen, sondern ist lediglich in einem Verfahren der Staatsanwaltschaft Duisburg unterstützend tätig geworden", teilt ein Sprecher mit. Christian J. sei vom LKA Hannover nicht als V-Mann eingesetzt worden. Welcher Behörde also diente der Spitzel wirklich?

Als denkbar erscheint folgendes Szenario: Zur Verschleierung ihrer eigentlichen Zuständigkeit für den Zuträger J. bat die Duisburger Polizei das LKA in Hannover auf dem kleinen Dienstweg um Amtshilfe. So wurde der Informant, vielleicht zu seinem eigenen Schutz, bei einer Dienststelle vernommen, mit der er nichts zu tun hatte. Die Polizei Duisburg wiederum konnte mit der Aussage des vermeintlichen niedersächsischen V-Mannes, der womöglich ihr eigener Spitzel war, ein offizielles Ermittlungsverfahren beginnen: Telefone überwachen, Verdächtige beschatten, Razzien machen.

Die Polizei Duisburg wollte sich auf Anfrage nicht äußern, auch der Anwalt von Christian J. verweigerte einen Kommentar.

Dass der Behörden-Zuträger und Top-Rocker sich durchaus aus der Affäre ziehen konnte, wenn es strafrechtlich ganz heikel wurde, hat er in seinen späteren Aussagen beim Duisburger Kriminalkommissariat 21 selbst aktenkundig gemacht. Als die Satudarah-Bosse nämlich in Holland für den Kampf gegen die Hells Angels Kalaschnikows besorgen wollten, entschuldigte sich der nominelle Waffenmeister des Clubs. Es tue ihm leid, sagte Christian J. seinen Vorgesetzten, aber er müsse ausgerechnet an dem Tag mit seiner Mutter Möbel kaufen gehen.

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