Rockerkrieg im Ruhrgebiet "Haltet euch da raus!"

Schläge, Schüsse und eine Granate: In NRW eskaliert die Gewalt zwischen den verfeindeten Hells Angels und Bandidos. Die jüngste Attacke zeigt, wie organisiert die Rocker vorgehen und wie hilflos die Polizei bisweilen zusehen muss.

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DDP

Hamburg - Am Anfang war ein Einsatz, von dem es viele gibt in einer Samstagnacht und einer Stadt wie Duisburg. Um 21.10 Uhr erreicht die Polizei ein Notruf aus der Vulkanstraße 26, einem Laufhaus im Rotlichtviertel, das von den Hells Angels kontrolliert wird. Von "Randalierern" ist in den ersten Funksprüchen die Rede, ein Streifenwagen jagt los.

Dann wird es hektisch. Die Beamten melden der Zentrale, dass etwa 40 Bandidos versuchten, das Bordell zu stürmen. Weitere Rocker strömten aus dem nahe gelegenen Hauptquartier nach. Die Beamten fordern Verstärkung an. Doch das ist so eine Sache: In einer Samstagnacht sind in einer Stadt wie Duisburg vielleicht 20 Streifenwagen auf der Straße, höchstens.

Und es kommt noch schlimmer. Kurz nach 22 Uhr sammeln sich die Hells Angels, sie haben die Attacke ihrer Rivalen zurückschlagen können, vor dem "Bandidos Place". Offenbar sind sie im Gegensatz zu der überrascht wirkenden Polizei bestens vorbereitet. Beamte werden später berichten, dass die Rocker auf der L 60 kurzzeitig sogar Straßensperren errichtet und nur eigene Autos durchgelassen hätten.

"Wir haben das auch so gemacht"

Dann stehen sich in der Charlottenstraße etwa 60 Angels, 60 Bandidos und 30 Uniformierte gegenüber - mehr kann die örtliche Polizei in diesem Moment wohl nicht aufbieten. Die Streifenbeamten bleiben im Hintergrund. "Mir hat ein Rocker direkt ins Gesicht gesagt: 'Haltet euch da raus'", erinnert sich ein junger Kommissar im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Und das haben wir auch so gemacht."

Unter den Augen der staunenden Polizisten gehen die hochgerüsteten Rocker zum Angriff über: Die Beamten sehen Baseballschläger, Dachlatten, Totschläger, Tränengaskartuschen vom Typ TW 1000, Wurfgeschosse, Gummiknüppel, Molotow-Cocktails - und in der Leitstelle wird aufgeregt nach Unterstützung aus den umliegenden Städten verlangt. "Alles, was abkömmlich ist, mit Sonder- und Wegerechten nach Duisburg", heißt es im Funk.

Um 22.50 Uhr löst der Einsatzführer die "landesweite Vollalarmierung" der nordrhein-westfälischen Spezialeinsatzkräfte (SEK) aus - da ist das "Bandidos Place" schon "komplett zerlegt", wie sich der Kommissar erinnert. Scheiben sind zu Bruch gegangen, es qualmt.

Beamte aus der Umgebung

Jetzt trudeln auch Beamte aus der Umgebung ein: Bereitschaftspolizei aus Recklinghausen und Düsseldorf, Streifenwagen aus Wesel, Düsseldorf, Essen und Mettmann, dazu SEK-Kommandos - mehr als hundert Polizisten sind es nun. Hunde werden losgelassen, um die Gruppen zu trennen.

Doch auch die Rocker machen mobil. Um kurz vor Mitternacht verzeichnet die Polizei eine "landesweite Reisebewegung" der Bandidos. Dutzende seien im Anmarsch, aus Unna, aus Greven, heißt es.

Dennoch wird kein Hells Angel, kein Bandido festgenommen. "Vielleicht ging das alles einfach zu schnell", mutmaßt ein Sprecher der Polizei Duisburg am Montag. Ob seine Kollegen Personalien feststellen konnten oder die Keilerei gar filmten, könne er nicht sagen. An dem Einsatz beteiligte Beamte sagten SPIEGEL ONLINE, sie hätten nichts dergleichen getan. "Wir haben nichts in der Hand", so einer, der nicht namentlich zitiert werden möchte.

Ermittlungen gegen unbekannt

Muss sich der Rechtsstaat der Rockergewalt beugen?

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE verwehrten die Bandidos den Ermittlern sogar den Zutritt zu ihrem zerstörten Vereinsheim, die Beamten hatten sich den Tatort durch die beschädigten Fenster anzusehen. Jetzt wird wegen schweren Landfriedensbruchs ermittelt - "gegen unbekannt" wohlgemerkt. Man habe einige Kennzeichen notieren können, heißt es bei der Polizei.

Unbehelligt ziehen die Rocker in der Samstagnacht weiter. Gegen 2 Uhr morgens fliegt in Solingen eine Handgranate ins Clubhaus des Hells Angels Charters "Midland". In dem Gebäude halten sich nach Polizeiangaben 20 Personen auf. Auch die Familie des Solinger "Höllenengel"-Präsidenten "Mülle" soll dort wohnen. Die unbekannten Angreifer schießen mehrfach auf das Gebäude, es wird jedoch niemand verletzt. Die Granate detoniert nicht.

Dem Solinger Ableger der Hells Angels wird auch der Kampfsportler Timur A., 33, zugerechnet, der Anfang Oktober in Duisburg den Bandido Eschli E., 32, erschossen haben soll. Der Mord könnte der Auslöser der aktuellen Gewaltorgie gewesen sein.

Es knallt in Essen

Die Rocker-Randale geht nämlich noch weiter. Um 4.30 Uhr knallt es in Essen, Wüstenhöferstraße 120. Fünfmal feuern unbekannte Angreifer auf das örtliche Bandidos-Heim, zwei Kugeln schlagen in die schusssichere Glastür des leeren Lokals ein. Die Ermittler stellen fest: "Niemand redet mit der Polizei." Und rücken wieder ab.

Eine Massenschlägerei von mehr als hundert Rockern, Angriffe mit Schusswaffen und sogar einer Handgranate - das alles wegen einer "Beziehungstat", als den die zuständige Staatsanwaltschaft den Mord an dem Bandido Rudi Heinz Eschli E. noch immer öffentlich bezeichnet? Inzwischen werden jedoch zunehmend Zweifel an dieser Darstellung laut. "Da hat ein Zuhälter dem anderen Zuhälter die Frau weggenommen", sagt ein Beamter der "Westfalenpost".

Der frühere Hooligan der "Gelsen-Szene", inzwischen zum angesehenen Rocker avanciert, war am 8. Oktober vor dem "Bandidos Place" in der Duisburger Charlottenstraße erschossen worden. Wenig später stellte sich der Free-Fighter und Hells-Angels-Anwärter Timur A., dessen weißer Mercedes CLK am Tatort gesehen worden war, der Polizei. Er verweigert jedoch die Aussage.

Die Spuren führen ins Rotlicht

Nach Darstellung der Ermittler war A. mit der Freundin des Bandidos E. liiert, bis die junge Frau ihn für den Rockerrivalen verließ. Die 24-Jährige, die sich inzwischen in einem Zeugenschutzprogramm befindet, hatte sich demnach vor den tödlichen Schüssen in der Nähe des Tatorts mit ihrem Ex Timur A. verabredet, um ihm seinen Wohnungsschlüssel zurückzugeben.

Ein Mord aus gekränkter Eitelkeit also?

Wohl kaum.

Die Spuren führen ins Rotlichtmilieu. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE arbeitete der mutmaßliche Todesschütze A. als Aufpasser in einem Bordell in der Duisburger Vulkanstraße. Gegen sein Opfer Eschli E. ermittelte die Polizei vor einigen Jahren wegen des Verdachts der Zuhälterei, gefährlicher Körperverletzung und Nötigung. "Da steckt mehr dahinter als bloß eine gescheiterte Liebschaft", sagt ein Ermittler SPIEGEL ONLINE.

"Gebietansprüche und Marktanteile"

"Wir vermuten schon, dass es um Gebietsansprüche und um Marktanteile geht", so Thomas Jungbluth, Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt (LKA) Düsseldorf, in einem Radio-Interview.

Das nordrhein-westfälische LKA zählt nach Angaben eines Sprechers sieben Charter der Hells Angels mit rund 150 Personen sowie 16 Chapter der Bandidos mit etwa 200 Mitgliedern im Land. Die Banden würden mit Betäubungsmittel- und Waffenhandel, mit der Rotlicht- und der Türsteherszene sowie mit Körperverletzungsdelikten in Verbindung gebracht, heißt es.

Ein Sprecher des Düsseldorfer Innenministerium sagte am Mittag SPIEGEL ONLINE, man werde "auch weiterhin keine rechtsfreien Räume" dulden und "alles tun, um Straftaten aus diesem Milieu zu unterbinden". Ermittlungen und Einsätze in der Rockerszene würden künftig zentral aus Münster gesteuert. "Wir werden massiv gegen diese Leute vorgehen."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 189 Beiträge
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Seite 1
tobi_g 02.11.2009
1. Wen wundert´s?
Dass Polizei und die organisierte Kriminalität enger zusammenarbeiten, als mancher gern wahrhaben möchte, ist die Realität. Es ist zB ein offenes Geheimnis, dass die Dortmunder Brückstraße im Einvernehmen mit der Polizei von den Banditos kontrolliert wird. Mich wundert es da nicht weiter, dass Personal abgezogen und zufällig niemand verhaftet wird. Aber wir sollten möglicherweise dankbar sein: Lieber Banditos oder Hells Angels als osteuropäische Mafia.
Scareheart, 02.11.2009
2. Fehler im Artikel
Bitte nochmal recherchieren:Die Kneipe gehört den Bandidos und nicht umgekehrt!
newright 02.11.2009
3. Leider Zustimmung
Zitat von tobi_gDass Polizei und die organisierte Kriminalität enger zusammenarbeiten, als mancher gern wahrhaben möchte, ist die Realität. Es ist zB ein offenes Geheimnis, dass die Dortmunder Brückstraße im Einvernehmen mit der Polizei von den Banditos kontrolliert wird. Mich wundert es da nicht weiter, dass Personal abgezogen und zufällig niemand verhaftet wird. Aber wir sollten möglicherweise dankbar sein: Lieber Banditos oder Hells Angels als osteuropäische Mafia.
Ich denke leider genauso, lieber die Hells und die Banditos als osteuropäische Banden. Wenn die Hells und die Bandidos wegfallen entsteht ein Machtvakuum und diese werden durch wesentlich schlimmere Gesellen abgelöst. Ein Hells oder Bandidos tut keinem etwas, solange er nicht angegriffen wird oder sich jemand in seine Geschäfte einmischt.
Kurt aus Kienitz, 02.11.2009
4. Immer weniger Sicherheit
Wenn immer mehr Stellen bei der Polizei abgebaut und immer mehr Wachen geschlossen werden - in ganz Brandenburg gibt es demnächst nur noch 48 Wachen - dann müssen wir uns nicht wundern, wenn irgendwelche "Banden" man ebend die Straßen sperren und unsere Häuser anstecken. Wenn es so weiter geht werden wir in Zukunft von den 2,50Euro-pro-Stunde-Mitarbeitern von der Securitas "beschützt".
Arthi, 02.11.2009
5. Es dürfte langsam reichen.
Der Staat darf jetzt nicht weiter zusehen, wie zwei Gruppen denken, sie könnten machen was sie wollen. Erklärt beide Gruppen zu terroristischen oder und aller Mitglieder, Einzug jeglichen Besitzes durch den Staat.
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