Korrupte Beamte: Die Spitzel der Rocker

Von , Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer

"Vielleicht komme ich heute Abend mit meinen Freunden vorbei": Immer wieder sind Polizisten und andere Beamte den Rockerbanden zu Diensten. Den meisten Verrätern geht es um Geld, doch einige spionieren auch aus anderen Gründen.

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Die ungebührliche Nähe zwischen Beamten und Rockern ist leider nicht so selten, wie man eigentlich vermuten möchte. Vielmehr handelt es sich um ein generelles Problem, mit dem sich Ermittler immer wieder konfrontiert sehen. Im Grunde genommen gibt es zwei Motive für Staatsdiener, den Motorradgangs zuzuarbeiten. Entweder sie bekommen dafür Geld oder sie hegen eine unprofessionelle Sympathie für die Banden.

Als der Bandido Peter "Bazi" B. im Frühjahr 2008 in Dortmund mit einem BMW X5 geblitzt wird, ruft er wenig später eine Bekannte im Ordnungsamt der Stadt Bochum an. Die freundliche Beamtin erklärt dem Rocker sodann sehr genau, wie er sich zu verhalten habe, damit er von ihren Kollegen nicht als Fahrer ermittelt werden könne. Am Ende gibt sie sogar noch einmal Entwarnung: Die Sache würde jetzt "kaputtgeschrieben", er solle aber noch einige Zeit vorsichtig sein. Der Bandido, so notieren es die mithörenden Polizisten, wollte der dienstbaren Dame zum Dank "etwas geben".

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Rocker: Die brutale Welt der Banden
Ahmet K., 24, wiederum arbeitet bei der 13. Einsatzhundertschaft der Berliner Polizei, doch zu seinen Freunden aus dem Wedding zählt auch der Hells Angel Muzaffer A., 24. Sie kennen sich schon lange, sie kennen sich gut, weshalb Ahmet sich seinem "Bruder" verpflichtet fühlt: "Vielleicht komme ich heute Abend mit meinen Freunden vorbei", warnt der Polizeimeister per SMS vor einer Razzia, was den Rocker wohl sehr erleichtert. Später wird der Beamte wegen Geheimnisverrats zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Besonders anfällig

Kleine Gefälligkeiten für schwere Jungs: Den Einheiten der Bereitschaftspolizei und den Spezialeinsatzkommandos (SEK) misstrauen Kriminalpolizisten besonders, wenn Einsätze gegen Rocker "gefahren" werden sollen, wie es im Jargon heißt. "Es gibt dort den ein oder anderen Kollegen, der durchaus gute Kontakte zur Szene hat", so ein hochrangiger LKA-Ermittler. Vor allem bei Kraft- und Kampfsport kämen sich Gangmitglieder und manche Beamte zuweilen näher. Viele teilten zudem eine ähnliche Lebenseinstellung, die geprägt sei von draufgängerischem Abenteurertum, von Männerbünden und Korpsgeist. "Da kommt es schon einmal zu falschen Freundschaften", sagt der Kriminalist.

Als Bochumer Ermittler etwa im November 2008 die Wohnung des ehemaligen Bandidos-Anwärters Hans-Jürgen K., damals 53, durchsuchen, macht der gleich auf dicke Hose. Laut einem Vermerk der eingesetzten Beamten "brüstet sich K. damit, dass er beste Beziehungen zum SEK Dortmund unterhalte".

Später zeigt er den Kriminalisten sogar noch einen privaten Darlehensvertrag, den er mit dem Polizisten Michael K., damals 48, geschlossen hat - über 20.000 Euro. Der gehöre auch zum Spezialeinsatzkommando der Dortmunder Polizei und sei dort seit 30 Jahren sein bester Kumpel, tönt Hans-Jürgen K., der zu diesem Zeitpunkt bereits wegen Betrugs, Diebstahls und Geldwäsche aufgefallen ist.

Seltsame Beziehung

Besonders brisant an der seltsamen Beziehung ist zudem, dass just zu der Zeit, als die Polizei einen großen Lauschangriff gegen die Bochumer Bandidos unternimmt, Hans-Jürgen K. dort Rocker auf Probe ist. Und sein Polizei-Spezi Michael K. wiederum betreut damals immer wieder die Wanzen, die im Clubheim der Rocker angebracht worden sind. Der aufwendige Einsatz erweist sich übrigens letztlich als Schlag ins Wasser, die Rocker können bei keinen schwerwiegenden Straftaten erwischt werden.

Als Kasseler Polizisten 2004 das Geschäft und die Bleibe des dortigen Hells-Angels-Anführers Michael S., 46, durchsuchen, staunen sie nicht schlecht. Der Rocker hortet mehrere vertrauliche Dokumente ("VS - Nur für den Dienstgebrauch") des sächsischen Landeskriminalamts. Titel der Ausarbeitung: "Rockerkriminalität im Freistaat Sachsen".

Jahre später, es ist der 6. April 2006, erschießen die Rechtsterroristen vom "Nationalsozialistischen Untergrund" in Kassel den Betreiber eines Internetcafés, den 21-jährigen Halit Yozgat. Am Tatort hält sich unmittelbar vor dem Anschlag auch ein V-Mann-Führer des hessischen Verfassungsschutzes auf. Angeblich aus privaten Gründen, weil Andreas T. im Netz als "Wildman70" mit einer "Tanymany" chattet.

Verrat von Dienstgeheimnissen

Am 22. April 2006 offenbart T. dann in seiner Vernehmung bei der Mordkommission "Cafe" unter anderem, dass er einen Hells Angel gut kenne, bei dem es sich wohl um den späteren Kasseler Club-Boss Michael S. handelt. Ein Kriminalbeamter schreibt daraufhin einen entsprechenden Vermerk: Kann es sein, dass Geheimdienstler Andreas T. die wichtigen Polizeidokumente an seinen Rockerkumpel durchgestochen hat? "Aufgrund der Gesamtumstände kann heute nicht ausgeschlossen werden", dass T. der "Lieferant" gewesen sei, notiert der Polizist. Aufgeklärt wird auch dieser Verrat von Dienstgeheimnissen nie.

Regelmäßig sei zu beobachten, heißt es daher in einem vertraulichen Strategiepapier der Innenministerkonferenz ("VS - Nur für den Dienstgebrauch"), "dass private oder dienstliche Kontakte von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten oder Angehörigen anderer Sicherheitsbehörden zu Mitgliedern von Rockerclubs bestehen, die ihren - nicht von vornherein anrüchigen - Ursprung beispielsweise in gemeinsamen Aktivitäten in Sportvereinen, Fitnessstudios oder Schützenvereinen haben, oder die aus beruflichen Berührungspunkten mit Security- Unternehmen, Veranstaltungsdiensten, Gastronomie etc. herrühren."

Und weiter: Bei Rockern bestehe jedoch "ein vitales Interesse, möglichst umfangreiche und detaillierte Informationen über polizeiliche Aktivitäten zu erlangen". Die Bandbreite der "registrierten Einflussnahme " von Motorradgangs auf Polizisten reiche vom "Anfüttern" bis hin zur "tatsächlichen Korrumpierung".


Dieser Text stammt aus dem SPIEGEL-Buch "Rockerkrieg. Warum Hells Angels und Bandidos immer gefährlicher werden".

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insgesamt 55 Beiträge
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1. Ach was ...
fixiundpaxi 21.03.2013
...welche Überraschung! Schwarz-Weiß, Links-Rechts und Gut-Böse? Male eine Linie! Dann ganz links ein Kreuzchen für die Rocker und ganz rechts ein Kreuzchen für die Polizisten! Nun mache aus der Linie einen Kreis! Und? Surprise surprise, Polizisten-und Rockerkreuzchen stehen ganz dicht beieinander! Das betrifft übrigens auch "anständige Bürger", "asexuelle Kirchenmänner", "emanzipierte Frauen", "friedliebende Demonstranten" usw... Kurzum: am glaubwürdigsten fühlt es sich in Grauzonen an.
2. optional
thomas.b 21.03.2013
Klingt nicht sonderlich neu, ist aber gut zu wissen. Menschen sind fehlbar, auch Polizisten. Nicht jeder ist eben mit Herz und Seele dabei und wenn es menschelt, dann verliert man sich wohl schnell zwischen richtig und falsch. Dagegen kann man nur mit guter und sauberer Ermittlungsarbeit etwas machen.
3. na also...
memento_mori 21.03.2013
Ich habe mich schon gefragt, wann der nächste "Rocker"-Artikel erscheint... Liebe SPON, so langsam... naja, ihr wisst schon. Die drei Schreiberlinge sind ja für... nennen wir es doch einfach "Überzeichnungen"... bekannt. Das ist mitnichten eine Referenz.
4. mehr Multikulti in der Polizei
DenkZweiMalNach 21.03.2013
Wenn der Staat versagt, gelten nur noch Gruppeninteressen: Familie, Geld, Nation oder Religion. Das wird mit neuen Programmen für Polizeibewerber noch gefördert. Am Ende stehen dann Verhältnisse wie in Mexiko. (heute schon bei Schildermafia in Berlin)
5.
Beobachter123 21.03.2013
Mal wettert Herr Diehl gegen die Polizei, mal gegen Rocker. Beide Seiten haben also auch für den Autor ihren Reiz ;)
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Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur Organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
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Einer der größten und ältesten Motorradclubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
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Der letzte große Motorradclub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.