Hells Angels und Bandidos Ein Rocker schmarotzt sich durch

Von wegen Ehre und Respekt: Wie aus vertraulichen Polizeiakten hervorgeht, tricksen sich viele Rocker durchs Leben. Auch vor Sozialbetrug schrecken die angeblich so harten Kerle nicht zurück. Ein Fall sticht dabei besonders heraus.

Rocker: "Ein Hells Angel hält sein Wort"
dapd

Rocker: "Ein Hells Angel hält sein Wort"

Von , Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer


Hells Angels und Bandidos erklären sich gerne zu den letzten verbliebenen Hütern von Ehrlichkeit, Respekt und Solidarität. Ihre mit Stacheldraht gesicherten Clubheime deklarieren sie zu Trutzburgen einer Wertegemeinschaft, die aufrichtig handelt und niemals die Gerechtigkeit aus dem Blick verliert.

"Wenn ein Hells Angel dir sein Wort gibt, dann hält der auch sein Wort", sagt ein Höllenengel bedeutungsschwer in einem Werbefilm der Bande. In den Ermittlungsakten der Polizei findet sich eine andere Wirklichkeit. Aus abgehörten Telefonaten filtern die Beamten heraus, wie viel Egoismus und Neid in den Vereinsheimen herrschen. Ein Rocker sticht dabei besonders hervor.

Der Bordellbetreiber und Bandido Jörg K.* betrügt den Staat, stürzt seine Partnerinnen in den finanziellen Ruin und nutzt sogar seine Rockerkumpels aus. Und obwohl er eigentlich pleite ist, führt er das Leben eines Jetset-Millionärs. Es ist erstaunlich, wie sich ein Mensch durchs Leben tricksen kann, ohne dass irgendeine Behörde ihn aufhält.

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Rocker: Die brutale Welt der Banden
Eigentlich ist der Bandido K. nur ein kleiner Angestellter bei einer gewerblichen Zimmervermietung in einem Schmuddelviertel im Ruhrgebiet, allerdings ist die Herberge ein Bordell. Die Zimmervermietung gehört praktischerweise der Ehefrau des Rockers, die über zehn Jahre jünger ist als er und in Burma geboren wurde.

Ein Rocker kümmert sich

Wie aus den abgehörten Telefonaten hervorgeht, kümmert sich Jörg K. rührend um das Geschäft seiner Frau. So rührend, dass die Ermittler irgendwann davon ausgehen, er sei der eigentliche Betreiber des Etablissements. Er bezahlt die Pacht für das Haus und meckert bei der Telekom, wenn wegen einer Leitungsstörung das EC-Karten-Lesegerät nicht funktioniert. "Ein Verlust von 800 Euro" sei ihm entstanden, mault er am Handy.

Als ein Zuhälter zwei afrikanische Prostituierte in dem Bordell anschaffen lassen möchte, nennt der Rocker die Konditionen: 95 Euro Tagesmiete plus 300 Euro Kaution. Mit seiner Ehefrau führt er wohl eine Scheinehe, die beiden leben nicht mehr in einer Wohnung. Jörg K. will sich scheiden lassen, muss vorher aber noch eine GmbH gründen. Das Bordell braucht ja eine Betreiberfirma.

Allerdings kann K. in Deutschland keine Firma mehr gründen, denn offiziell ist er pleite. Vor Jahren hat er eine eidesstattliche Versicherung abgegeben und sich für zahlungsunfähig erklärt. Kein Problem, Jörg K. will stattdessen eine spanische Firma auf Ibiza gründen. Da verbringt der offiziell mittellose Mann eh einen Großteil seiner freien Zeit.

Erfolgreicher Lude

Wenn er für seine Rocker- oder Bordell-Aktivitäten ins Ruhrgebiet jettet, steigt er am Düsseldorfer Flughafen meistens in einen Mercedes-Geländewagen und präsentiert sich bei seinen Rockerkumpels als erfolgreicher Lude. Das luxuriöse Auto ist auf seine Ex-Freundin zugelassen. So kann es ihm niemand pfänden, trotz der eidesstattlichen Versicherung.

Sein Handy läuft über die Eltern seiner Ex-Freundin. Erstaunlich, was die 15 Jahre jüngere Frau noch alles für ihn tut, denn wie aus den abgehörten Telefonaten hervorgeht, verdankt sie dem Rocker einen Großteil ihres riesigen Schuldenberges. Fast einem Weinkrampf nahe, teilt sie dem Bandido am Handy mit, dass sie mit über 50.000 Euro in der Kreide stehe, weil sie ihren "Namen für den bepissten Imbiss" hergegeben habe. Anscheinend hat der Rocker einen Essensstand bewusst in die Pleite getrieben. Die Gaststätte lief offiziell auf den Namen seiner damaligen Freundin.

Geschäftlich ist der Mann ohnehin äußerst rege. Als er wegen Körperverletzung vorübergehend verhaftet wird, findet die Polizei bei ihm eine Genehmigung für einen Weihnachtsmarktstand auf Ibiza. Gerne macht er auch seine stattliche Statur, seine Löwenmähne und seine Redekünste zu Geld. 5000 Euro kassiert er von einer TV-Produktionsfirma, dafür spielt er in einer Folge einer Doku-Soap mit.

Ein Leben auf der Sonnenseite

Während er seine Gläubiger am Telefon abwimmelt oder wegdrückt, führt Jörg K. auf Ibiza ein Leben auf der Sonnenseite. Über die Insel fährt er entweder mit einem Benz 450 SL oder einem Jeep Cherokee. Gegenüber einer seiner vielen weiblichen Bekanntschaften prahlt er mit einer nagelneuen Harley-Davidson. Offenbar besitzt der Rocker sogar drei Motorräder.

Auf Ibiza vergnügt sich der Pferdenarr auch mit zwei eigenen Rössern. Frauen lockt er gerne mit einem "Ritt in den Sonnenuntergang" auf die spanische Insel. Sein Apartment kostet ihn monatlich allein 1600 Euro.

Geld, das er eigentlich nicht haben dürfte, denn schließlich ist er offiziell pleite und schuldet dem deutschen Staat noch eine Menge Steuern. Das Finanzamt geht Ende 2008 davon aus, dass der insolvente Imbiss sein Geschäft war, auch wenn seine Ex-Freundin in den Büchern steht. Die Behörde verlangt jetzt 17.000 Euro von dem Lebemann, der wahrscheinlich wieder eine unkonventionelle Lösung für seine Probleme finden wird. Wie schon so oft.

Weil er ja offiziell insolvent ist, lässt er offensichtlich viele Transaktionen über das Konto seiner Mutter laufen, wie sich aus abgehörten Telefonaten herleiten lässt. Um den Staat und ihre Gläubiger auszutricksen, werden selbst gestandene Rocker gern wieder zu Mamas Lieblingen.


Dieser Text stammt aus dem SPIEGEL-Buch "Rockerkrieg. Warum Hells Angels und Bandidos immer gefährlicher werden".

* Name geändert

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cirus27 29.03.2013
1. schmarotzer gibt es genug,
und so lange sich, wie in diesem fall, finanz- und andere ämter wie auch ermittlungsbehörden sich als zahnlose gummilöwen erweisen, doch ganz legal. daß der mann mitglied der bandidos ist, was spielt das für eine rolle? präsentieren sie demnächst einen hells angel als mietnomaden? das problem sind doch unsere ver- schnarchten behörden, nicht die delinquenten.
anon11 29.03.2013
2.
Zitat von sysopdapdVon wegen Ehre und Respekt: Wie aus vertraulichen Polizeiakten hervorgeht, tricksen sich viele Rocker durchs Leben. Auch vor Sozialbetrug schrecken die angeblich so harten Kerle nicht zurück. Ein Fall sticht dabei besonders heraus. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/rockerkrieg-wie-hells-angels-und-bandidos-geschaefte-machen-a-885088.html
Naja, warum soll es bei so kriminellen Gruppierungen anders sein als sonst auch. Andere schmarotzen als Doktortitelbetrügerinnen im EU Parlament. Anstand und Ehre kann man von beiden Gruppen nicht erwarten.
r.muck 29.03.2013
3. Na sowas
Mal abgesehen davon, dass der Artikel in einem Deutsch zum Aufhören verfasst ist, die geschilderten Praktiken sind ja keinesfalls Rocker-spezifisch. Es ist doch Alltag, das z.b. die insolvente Firma von der Ehefrau für einen Appel und ein Ei gekauft wird und ansonsten vom ehemaligen Inhaber weiter betrieben wird. Es ist an der Tagesordnung das aus der Mitte der ehrenwerten bürgerlichen Gesellschaft, zum Beispiel die beitragsfreie Mitversicherung, von Kindern und Ehegatten, in der GKV missbraucht wird. Und dass so manche/r Privatinsolvente ein gutes fröhliches Leben führt, weil die Einkünfte die eigentlich den Gläubigern zustehen,mit Hilfe von Verwandten und sonstigen Zugewandten verschleiert werden, ist doch ebenso in der breiten Masse Alltag. Aber nicht nur da, immer wieder treten in TV-Talks mehr oder weniger Prominente auf, plappern fröhlich über ihre Privatinsolvenz und der unbedarfte Zuschauer fragt sich, wie das dann geht so stylisch daherzukommen.
loncaros 29.03.2013
4.
Kein Mitleid mit der Ex wer sich mit so etwas einlässt hat es einfach nicht anders verdient.
fixiundpaxi 29.03.2013
5. Immer gegen die Rockers!
Zitat von sysopdapdVon wegen Ehre und Respekt: Wie aus vertraulichen Polizeiakten hervorgeht, tricksen sich viele Rocker durchs Leben. Auch vor Sozialbetrug schrecken die angeblich so harten Kerle nicht zurück. Ein Fall sticht dabei besonders heraus. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/rockerkrieg-wie-hells-angels-und-bandidos-geschaefte-machen-a-885088.html
Die Jungs firmieren doch absolut ehrlich! Auf seiner Jacke steht "Bandido", oder? Und bei den anderen Hartz-Angels (oder so ähnlich...kann das mit meiner schlechten Lesebrille nicht richtig erkennen...)!
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