Rockerkriminalität: "Wir sind im Krieg"

Aus Duisburg berichtet

Todesschüsse auf offener Straße, Schlägereien, Handgranatenattacken - die Gewaltexzesse von Hells Angels und Bandidos fordern den Rechtsstaat heraus. Jetzt wollen die Rocker sich selbst auch noch groß feiern: Die Polizei ist alarmiert.

Duisburg - Die Bandidos müssen scherzen, lachen, trinken, obwohl sie derzeit wirklich keine gute Laune haben können: Einer ihrer "Brüder" ist auf offener Straße erschossen worden, ein Hells Angel soll der Mörder sein. Wochen später versuchten die als "Angler" verhöhnten Rivalen auch noch, das Duisburger Clubhaus der Bandidos zu stürmen. Und zuletzt rückte die Polizei den Rockern mit Razzien und Personenkontrollen auf die Pelle. "Wir sind echt genervt", sagt ein "Bandit" SPIEGEL ONLINE.

Dennoch: Der Partytermin am Samstagabend steht seit langer Zeit fest. Und eine Absage des Festes im nordrhein-westfälischen Schwerte zum angeblich zehnjährigen Bestehen ihrer Deutschland-Abteilung käme in der Bandido-Logik einem Gesichtsverlust gleich. Deshalb werden die Rocker feiern, was das Zeug hält, und sich vor dem Großaufgebot der Polizei, der Presse und ihren zahlreichen Bewunderern gelassen geben. Doch es gärt in ihnen.

"Die Szene ist nervös", sagt einer aus dem Umfeld der "Banditen", der anonym bleiben will. "Das ist längst kein Spiel mehr, wir sind im Krieg." Er selbst fahre inzwischen die Straße, in der er wohne, mehrfach ab, ehe er aus seinem Wagen steige. "Ich habe keine Lust, einem Rollkommando der anderen in die Hände zu fallen." Er sei vorbereitet für kommende Auseinandersetzungen, doch einige seiner "Brüder" versuchten bereits, den Club zu verlassen. "Vor allem die mit Familien."

Fotostrecke

7  Bilder
Blutiger Bandenkrieg: Massenschlägerei im Ruhrpott

Vielleicht erzählt man sich deshalb in seinen Kreisen gerade eine ganz eigene Version vom Tod des Bandidos Rudi Heinz Eschli E., 32, der Anfang Oktober in Duisburg erschossen wurde, laut Ermittlern im Streit um eine Frau.

Bei den Bandidos kursiert jedoch das Gerücht, Eschli habe während des Münsteraner Rockerprozesses 2007 einen führenden deutschen "Höllengel" mit einer abfälligen Geste beleidigt. Sein gewaltsamer Tod sei letztlich die Quittung für diese Unverschämtheit gewesen.

Es ist eine überaus gewagte These, für die es keinerlei Bestätigung gibt und die von erfahrenen Ermittlern sogar bestritten wird, die aber trotzdem womöglich die rasende Wut der Bandidos zu erklären vermag. Denn die Rocker, die nicht nur in Nordrhein-Westfalen ihr Personal zuletzt deutlich aufgestockt haben, glauben fest daran, von den Hells Angels zunehmend unter Druck gesetzt zu werden. Eine tödliche Abreibung für ihren forschen Freund Eschli passt da genau ins Bild.

Vielleicht geht es also darum, die Bandido-Reihen mit dieser düsteren Theorie zu schließen und das Feindbild zu stärken? Oder aber die Gesetzlosen kennen ihre Welt einfach erheblich besser, als die Gesetzesvertreter es tun.

Die Ermittler gehen von einer Beziehungstat aus

Die Staatsanwaltschaft Duisburg, die den Tod des Bandidos aufklären muss, vermutet hingegen weiterhin eine Beziehungstat. Demnach war der mutmaßliche Todesschütze Timur A., 32, mit Eschlis Partnerin liiert, bis die junge Frau ihn für den Rockerrivalen verließ. Die Bandidos bezweifeln das. "Der hatte schon seit Jahren keine Freundin mehr", behauptet einer.

Die 24-jährige L., die sich inzwischen in einem Zeugenschutzprogramm befindet, hatte sich nach Angaben der Ermittlungsbehörde vor den tödlichen Schüssen in der Nähe des Tatorts mit ihrem Ex-Freund Timur A. verabredet, um ihm seinen Wohnungsschlüssel zurückzugeben.

Suchte er anschließend die direkte Konfrontation mit seinem Widersacher?

Selbst die, die um Eschli trauern, beschreiben den zur Schalker "Gelsen-Szene" zählenden Hooligan, der von der Polizei als "Gewalttäter Sport" geführt wurde, als unüberlegt handelnden "Hitzkopf". Sie wollen nicht ausschließen, dass er den wahrscheinlich bewaffneten Hells Angel Timur A., der sich bereits kurz nach der Tat gestellt hatte, noch provoziert haben könnte: "Eschli kannte einfach keine Angst."

E. und sein mutmaßlicher Mörder - ein sportlich nicht besonders erfolgreicher Free-Fighter, der auch im Duisburger Milieu gearbeitet haben soll - bekriegten sich im Internet schon vor ihrer letzten, verhängnisvollen Begegnung. Die Einträge sind jedoch inzwischen gelöscht. "Es ging dabei nicht bloß um eine Frau", will ein Bandido-Sympathisant wissen.

Streitigkeiten um Reviere

Auch das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt (LKA) vermutet hinter den meisten Auseinandersetzungen von Hells Angels und Bandidos Streitigkeiten um Gebietsansprüche. Es gehe darum, "wer das Sagen hat in einem bestimmten Bereich", so der Abteilungsleiter für Organisierte Kriminalität, Thomas Jungbluth, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die streng hierarchisch organisierten Rockerclubs versuchten, mit großer Brutalität ihre Reviere im Rotlicht und in der Türsteherszene abzustecken, sagt der Leitende Kriminaldirektor. Die Hells Angels hingegen teilten dazu schriftlich mit, "sämtliche Mutmaßungen (…), dass die Konflikte (…) auf Konkurrenzkämpfen z. B. im Drogenmilieu gründen", entbehrten jeglicher Grundlage.

"Der Angriff der Hells Angels verlief geplant"

Doch die "Höllenengel" bemühen sich nicht nur um eine zunehmend professionelle Pressearbeit, sie machten auch bei der Massenkeilerei am Abend des 31. Oktober im Duisburger Rotlichtviertel eine gute Figur, wie die zunächst deutlich überforderten Streifenpolizisten staunend beobachteten. "Der Angriff der Hells Angels verlief geplant und geordnet. Er war genau vorbereitet", heißt es in einem Protokoll, das SPIEGEL ONLINE vorliegt.

"Bei der Anfahrt von der L 60 (…) verließen sie gleichzeitig die Fahrzeuge und griffen gezielt nach fernmündlicher Koordination des Anführers das 'Fat Mexican' an", notierte ein Polizeihauptkommissar noch in der Nacht. "Es handelte sich eindeutig nicht um eine spontane Aktion." Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ritt die Abteilung Attacke von einer Hells-Angels-Feier aus Köln ein, der Sturmtruppe sollen aber auch "Höllengel" aus Niedersachsen und Brandenburg angehört haben.

Vor einem solchen Auftritt graut der Polizei nun auch an diesem Samstagabend, weshalb sie in Schwerte aufbieten will, was die chronisch dünne Personaldecke noch hergibt. "Wir werden uns sehr intensiv um die Veranstaltung kümmern", kündigt LKA-Ermittler Jungbluth an.

Ein Dortmunder Kriminalhauptkommissar, in dessen Zuständigkeit das inzwischen verlagerte Rockertreffen zunächst gefallen war, sagte SPIEGEL ONLINE: "Wir sind wirklich sehr froh, dass die Bandidos nicht bei uns in der Stadt feiern werden."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 84 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Berichterstattung ...
Mitti 13.11.2009
Übel, dass diesen Banden derart viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Presse sollte sich meiner Meinung nach bei der Berichterstattung zurückhalten, da die Motorradbanden ähnlich wie rechte Gruppierungen als Rattenfänger für Gewaltbereite und sozial Schwache fungieren und ihr zunehmender Bekanntheitsgrad ihnen helfen wird, neue Anhänger zu rekrutieren.
2. Durchgreifen
Grossbong 13.11.2009
Ich frage mich wirklich, warum die Polizei sich von diesen Typen auf der Nase herumtanzen lassen muss bzw. die armen Jung die Rübe hinhalten sollen, bloß weil der/die Innenminister sich ausgerechnet in diesem Fall scheuen die harten Bandagen anzulegen. Es gibt den § 127 StGB (Bildung bewaffneter Gruppen): "Wer unbefugt eine Gruppe, die über Waffen oder andere gefährliche Werkzeuge verfügt, bildet oder befehligt oder wer sich einer solchen Gruppe anschließt, sie mit Waffen oder Geld versorgt oder sonst unterstützt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft." Oder gar den 129 StGB (Bildung einer kriminellen Vereinigung). Ob Hells Angels oder Banditos, das Regiser der Straftaten ist schon viel zu lang. Diese Clubs gehören bundesweit verboten, so wie schon die Chicanos in Brandenburg. Punkt.
3. Jetzt wollen die Rocker sich selbst auch noch groß feiern
Cat 13.11.2009
...na und? Warum lasst ihr von der "schreibenden Zunft", oder soll ich besser schreiben "polemisierenden" Zunft unsere Szene nicht in Ruhe? Wenn ihr Pressefuzzis über gewalttätige Banden aus denen die Mitglieder aus Migrantenhintergrund stammen genauso abfällig schreiben würden, würden eure Redaktionsräume schneller brennen als ihr zum Löscher greifen könntet! Aber dann müßtet ihr euch den Vorwurf der faschistoiden Berichterstattung anhören müssen! "Obwohl Migranten einen deutschen Bürger in der U-Bahn zum Krüppel treten wagen sie es sich Ramadan zu feiern!" *sarkasmusmodus-aus* Aber das ist genau das Niveau was der obige Artikel mitbringt. WIR regeln unsere "Probleme" selber und selbstständig, getreu dem Motto der Deutschen Gutsherrenart und Bibel: Auge um Auge, Zahn um Zahn! just my 2cents
4. Hundertschaft
artbond 13.11.2009
In Tübingen wurde die Tage ein Uni-Hörsaal von einer Hundertschaft Polizei geräumt... Wenn Rocker Bandenkriege austragen ist keine zur Stelle, nicht mal Bilder werden gemacht. Armes, armes Deutschland mehr fällt mir dazu nicht ein
5. Gottlose Rocker
lars s. 13.11.2009
Zitat von Cat...na und? Warum lasst ihr von der "schreibenden Zunft", oder soll ich besser schreiben "polemisierenden" Zunft unsere Szene nicht in Ruhe? Wenn ihr Pressefuzzis über gewalttätige Banden aus denen die Mitglieder aus Migrantenhintergrund stammen genauso abfällig schreiben würden, würden eure Redaktionsräume schneller brennen als ihr zum Löscher greifen könntet! Aber dann müßtet ihr euch den Vorwurf der faschistoiden Berichterstattung anhören müssen! "Obwohl Migranten einen deutschen Bürger in der U-Bahn zum Krüppel treten wagen sie es sich Ramadan zu feiern!" *sarkasmusmodus-aus* Aber das ist genau das Niveau was der obige Artikel mitbringt. WIR regeln unsere "Probleme" selber und selbstständig, getreu dem Motto der Deutschen Gutsherrenart und Bibel: Auge um Auge, Zahn um Zahn! just my 2cents
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Hells Angels
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 84 Kommentare
Fotostrecke
Rocker in Deutschland: Hart und wenig herzlich

Die großen Rockerclubs
Hells Angels
Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur Organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
Outlaws MC
Einer der größten und ältesten Motorradclubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
Gremium MC
Der letzte große Motorradclub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.