Rockerkriminalität WM-Schläger macht bei Hells Angels Karriere

Mit vier Kumpanen prügelte er bei der Fußballweltmeisterschaft 1998 den französischen Gendarmen Daniel Nivel fast tot. Jetzt macht er bei den Potsdamer Hells Angels Karriere: Christopher R. ist zum Vizepräsidenten des Rockerclubs aufgestiegen.

Hells Angels in Münster: Die Vergangenheit eines Mitglieds ist nicht egal
dapd

Hells Angels in Münster: Die Vergangenheit eines Mitglieds ist nicht egal

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Hamburg - Es scheint nicht so, als wollte Christopher R. seine Vergangenheit verhehlen. Er soll sich sogar zeitweilig mit dem Gedanken getragen haben, den brutalen Überfall auf den französischen Polizisten Daniel Nivel bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 zum Gegenstand eines Buchs zu machen. Allerdings will der Ex-Hooligan seine literarischen Ambitionen inzwischen aufgegeben haben: "Das Kapitel ist juristisch aufgearbeitet und für mich endgültig abgeschlossen", sagte R. SPIEGEL ONLINE.

Gleichwohl sorgt der gelernte Elektriker in Sicherheitskreisen nun für Aufruhr - und das hat wenig mit seinen möglichen Memoiren zu tun. R. ist bei den Potsdamer Hells Angels ein- und innerhalb kurzer Zeit zu deren Vizepräsident aufgestiegen, wie SPIEGEL ONLINE erfuhr. Zeitweilig war er sogar als Anführer des Clubs im Gespräch - ein deutliches Signal an die Rocker-Rivalen der Bandidos und des Gremium MC.

R. wollte sich zu seiner neuen Karriere an diesem Mittwoch auf Anfrage nicht äußern. "Kein Kommentar", hieß es am Telefon. Hells-Angels-Sprecher Rudolf "Django" T. hingegen sagte der "Berliner Morgenpost": "Die Vergangenheit eines Members ist uns keinesfalls egal. Doch wer bei uns dabei ist, hat diesen früheren Zeiten abgeschworen." Dennoch schaue man sich das Verhalten der neuen "Brüder" genau an. "Wenn wir erkennen, dass das Mitglied wie früher agiert, ist der Mann für uns Geschichte."

Berühmt-berüchtigte Szene

Die Gesetzlosen könnten an Christopher R. jedoch besonders dessen Geschäftstüchtigkeit zu schätzen wissen, wie sie zumindest einige Ermittler ausgemacht haben wollen. Der frühere Fußballschläger aus der berühmt-berüchtigten Szene des Berliner FC Dynamo galt als große Nummer im hauptstädtischen Milieu und soll auch zu den Hooligans gehört haben, die in den Neunzigern die Kontrolle der Disco-Türen im Osten Berlins fast handstreichartig übernahmen. Das Landgericht Essen verurteilte den Magdeburger 1999 wegen der Attacke auf Gendarm Nivel zu drei Jahren und sechs Monaten Haft.

"Das ist eine sehr ernste Angelegenheit", sagte der stellvertretende Vorsitzende des Innenausschusses im brandenburgischen Landtag, Sven Petke, SPIEGEL ONLINE. "Das Problem mit den Rockern artet in unserem Land langsam aber sicher aus. Wo die sich bekriegen, kann von einem staatlichen Gewaltmonopol keine Rede mehr sein." Der CDU-Politiker fordert daher eine gemeinsame Sonderkommission der Ermittler aus Brandenburg und Berlin. "Es reicht nicht mehr, dass die sich bloß Mails und Faxe schreiben."

Das Landeskriminalamt (LKA) Brandenburg hingegen übt sich in Gelassenheit. "Für uns besteht zurzeit keine besondere Situation", sagte LKA-Sprecher Toralf Reinhardt SPIEGEL ONLINE. "Es ist seit längerem bekannt, dass eine Reihe potentiell gefährlicher Personen in Rockerclubs organisiert sind. Wir beobachten sie sehr sorgfältig."

Das klingt pragmatisch, doch ob es ausreicht? Auch in Hannover kam einer der fünf Schläger von Lens schon bei den Hells Angels unter. Markus "Maxe" W. hat sich in der Organisation inzwischen zu einem der sogenannten Offiziere hochgedient und fungiert als Verwaltungschef des Clubs. Zu seinen Aufgaben zählen offenbar auch die Betreuung der aufwendigen Internetseite und die Moderation des dortigen Gästebuchs, in dem sich viele Bewunderer der starken Männer verewigen dürfen.

Die Polizei beobachtet auch das.

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