Hamburg Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Gratiskarten für Stones-Konzert

Das Bezirksamt Hamburg-Nord bekam für das große Rolling-Stones-Konzert im September 100 Freikarten. Nun beschäftigt der Fall auch die Justiz.

Keith Richards auf der Bühne in Hamburg
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Keith Richards auf der Bühne in Hamburg


82.000 Fans feierten die Rolling Stones am 9. September im Hamburger Stadtpark. Viele hatten sich einen Traum erfüllt, Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ronnie Wood noch einmal live zu sehen, vielleicht zum letzten Mal. Sie hatten bis zu 800 Euro für das Konzert bezahlt, manche auf dem Schwarzmarkt noch mehr, denn die Karten waren schon nach wenigen Stunden Vorverkauf im Mai vergriffen.

Dass etliche Mitarbeiter des Bezirksamtes Hamburg-Nord, der Genehmigungsbehörde, mit Freikarten des Veranstalters das Konzert besuchen konnten, hat in Hamburg schon reichlich Neid und Kritik ausgelöst. Nun hat die fragwürdige Ticketvergabe auch juristische Folgen: Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat von Amts wegen ein Ermittlungsverfahren in der Sache eingeleitet. Außerdem war eine anonyme Strafanzeige eingegangen.

Gegen wen sich das Verfahren richtet, wollte Behördensprecherin Nana Frombach nicht sagen, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Auch nicht, ob der Vorwurf auf Bestechung oder Bestechlichkeit und Vorteilsannahme im Amt lautet.

Das Bezirksamt hatte insgesamt 100 Karten im Wert von rund 10.000 Euro erhalten. Die Gratistickets seien ihnen vom Konzertveranstalter als "Arbeitskarten" angeboten worden mit dem Hinweis, dies sei "langjährige branchenübliche Praxis", rechtfertigt sich der stellvertretende Bezirksamtsleiter Tom Oelrichs auf Anfrage des SPIEGEL. Das Amt habe die Karten angenommen, damit die Verwaltung, aber auch Kommunalpolitiker einen "unmittelbaren dienstlichen beziehungsweise politischen Eindruck" gewinnen konnten.

Die Tickets seien zunächst an Mitarbeiter vergeben worden, die im Stadtpark kontrollieren sollten, ob die Vorgaben eingehalten wurden. Auch Bedienstete, die wegen der Veranstaltung Überstunden gemacht hätten, hätten Freikarten für sich und ihre Partner bekommen. Schließlich habe man auch leistungsstarke Mitarbeiter bedacht, darunter die besten Auszubildenden.

Auch Tickets an Kommunalpolitiker

Etwa die Hälfte der Karten wurde Mitgliedern der Bezirksversammlung angeboten: "Ich freue mich Ihnen mitteilen zu können, dass für Sie zwei von insgesamt 100 Frei-Tickets für das Konzert der Rolling Stones hinterlegt werden." Auch die Fraktionschefin der Linken in der Bezirksversammlung, Karin Haas, erhielt ein solches Schreiben und zwei Karten. Ihre Fraktion habe beschlossen, diese an ehrenamtliche Helfer weiterzugeben.

"Es ist besondere Vorsicht geboten, wenn Schenkungen an Behördenmitglieder von dem Auftraggeber kommen, für die eine Behörde Planungen und Arbeiten ausführt", sagt Haas. Die Vergabe von Freikarten als Ausgleich für Mehrarbeit sei außerdem aus tarifrechtlichen Gründen sowie auch steuer- und sozialversicherungsrechtlich äußerst fragwürdig.

Das Bezirksamt betont, die Karten seien erst nach Genehmigung des Konzerts angeboten und dann angenommen worden. Zuvor sei geprüft worden, ob die Dienstvorschriften für die Annahme von Belohnungen oder Geschenken, Spenden und Sponsoring eingehalten würden.

Ein Sprecher des Konzertveranstalters FKP Skorpio lobte die "gute und sehr komplexe Zusammenarbeit" mit dem Bezirksamt und betonte, mit den Karten sei in keinster Weise versucht worden, das Genehmigungsverfahren zu beeinflussen. "Es ist auch unrealistisch zu glauben, dass so etwas auf diesem Wege möglich wäre".

Der Sprecher sagte, seine Firma habe "keine Extrawurst und keine Sonderkonditionen bekommen, wir sind auf allen Ebenen auf die Forderungen der Behörde und die Auflagen eingegangen". Durch die Karten hätten sich die mit der Planung betrauten Bezirksamtsmitarbeiter ein Bild von der "Umsetzung der Maßnahmen" machen sollen. Er habe auch kein Problem damit, wenn Mancher das als "Dankeschön" verstanden habe.



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