Neue Vergewaltigungsvorwürfe gegen Starregisseur Der Fall Roman Polanski

Eine deutsche Schauspielerin wirft Roman Polanski vor, sie 1972 vergewaltigt zu haben. Unter anderem aus Rücksicht auf ihre Eltern habe sie so lange geschwiegen.

Roman Polanski
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Roman Polanski


Sie ist bereits die vierte Frau, die Roman Polanski sexualisierte Gewalt vorwirft: Die ehemalige deutsche Schauspielerin Renate Langer beschuldigt den Regisseur, sie 1972 im Alter von 15 Jahren im Schweizer Gstaad vergewaltigt zu haben. Die Kantonspolizei von St. Gallen bestätigte einen Bericht der "New York Times", wonach die 61-Jährige Polanski wegen des Vorfalls angezeigt habe.

Sie sei Polanski begegnet, als sie in München als Model gearbeitet habe, sagte Langer der Zeitung. Weil der Regisseur Interesse bekundet habe, sie für einen Film zu casten, sei sie zu ihm nach Gstaad gereist, wo er sie in seinem Haus vergewaltigt habe. Sie sei am nächsten Tag abgereist.

Etwa einen Monat später habe Polanski sie angerufen, sich entschuldigt und ihr eine Rolle in einem Film angeboten. Sie habe angenommen und sei nach Rom geflogen, wo er sie später noch einmal vergewaltigt habe - sie habe vergeblich versucht, sich zu wehren, sagte sie der "New York Times".

Polanskis Anwalt sagte inzwischen, er habe von dem Vorwurf erfahren, aber noch nicht mit seinem Mandanten darüber gesprochen.

Langer sagte, sie habe sich aus zwei Gründen erst jetzt an die Polizei gewandt: Zum einen lebten ihre Eltern nun nicht mehr. Aus Sorge um diese habe sie jahrzehntelang gegenüber ihrer Familie und ihren Freunden geschwiegen. Einzig einem späteren Partner habe sie sich anvertraut.

Der andere Grund waren laut der Münchnerin die Äußerungen einer Frau aus Kalifornien, die ihren Namen nur mit Robin angab. Diese hatte Polanski bei einer Pressekonferenz im August vorgeworfen, sie 1973 missbraucht zu haben. Sie sei damals 16 Jahre alt gewesen. Da in diesem Fall die Verjährungsfrist bereits abgelaufen sei, plane sie aber keine Klage gegen den Filmemacher.

Polanski befindet sich derzeit in Zürich

Langer sagte offenbar am 26. September bei der St. Galler Kantonspolizei aus. Dieses Datum nannte laut der Schweizer Nachrichtenagentur sda ein Sprecher der Polizei. Langer wohnt zwar nicht in dem Kanton, aber dennoch sei die Aussage dort möglich. Die Kantonspolizei werde nunmehr einen Report schreiben und das Verfahren der zuständigen Staatsanwaltschaft übergeben.

Zuständig sind laut dem St. Gallener Staatsanwalt Roman Dobler die Behörden in Bern, weil Gstaad im Kanton Bern liegt. "Wir leiten heute ein Übernahmeersuchen an die Staatsanwaltschaft Bern weiter", so Dobler.

Ob ein Strafverfahren eingeleitet wird, ist unklar. Es müsse unter anderem die Frage der Verjährung geklärt werden. Die 61-Jährige sagte der "New York Times", sie habe sich deshalb an die Schweizer Polizei gewandt, weil sie glaube, dass die Tat nach Schweizer Recht nicht verjährt sei.

Polanski, der in Frankreich lebt, aber auch viel Zeit in Polen und der Schweiz verbringt, befindet sich nach einem Bericht der "Neuen Zürcher Zeitung" derzeit in Zürich, wo er das "Zurich Film Festival" besucht.

Der Regisseur wurde 2009 bei der Einreise in die Schweiz festgenommen und verbrachte acht Monate unter Hausarrest. 2010 lehnte die Schweiz ein Auslieferungsgesuch der USA ab. Die Schweizer Justizministerin begründete die Entscheidung mit mangelnder Kooperation der USA. Auch Polens Oberstes Gericht verbot im Dezember eine Auslieferung Polanskis in die USA.

Seit Jahrzehnten werden Polanski sexuelle Übergriffe vorgeworfen

Die Auslieferungsgesuche hatten ein seit Jahrzehnten laufendes Verfahren gegen den französisch-polnischen Regisseur zum Gegenstand: Polanski hatte 1977 im Alter von 43 Jahren im Haus des Schauspielers Jack Nicholson in Los Angeles Sex mit der damals 13-jährigen Samantha Geimer.

Der heute 84-Jährige war zunächst wegen Vergewaltigung angeklagt, später wurde der Vorwurf auf unerlaubten Sex mit einer Minderjährigen abgeschwächt. Der Filmemacher bekannte sich schuldig und verbrachte 42 Tage unter psychiatrischer Beobachtung. Im Gegenzug für das Geständnis wollte der damalige Richter von einer langen Haftstrafe absehen.

Unmittelbar vor der Urteilsverkündung gab es aber Zweifel an der Zusage. Polanski nutzte seine vorläufige Freilassung kurz vor Verkündung des Strafmaßes und floh nach Frankreich. Er hatte gefürchtet, dass die Strafe trotz einer Übereinkunft mit der Anklage höher als vereinbart ausfallen würde. Die USA betrat er seitdem nie wieder.

Geimer hatte die US-Justiz vor einigen Monaten gebeten, das Verfahren einzustellen. Der zuständige Richter in Los Angeles lehnte dies jedoch ab.

2010 warf die britische Schauspielerin Charlotte Lewis dem Regisseur vor, sie Anfang der Achtzigerjahre kurz nach ihrem 16. Geburtstag missbraucht zu haben. Polanskis Anwälte wiesen die Anschuldigungen als "Lüge" zurück. Er sei "ziemlich verwundert" darüber, dass die Britin Jahre nach der mutmaßlichen Tat eine Rolle in Polanskis Film "Piraten" übernommen habe, sagte Anwalt Georges Kiejman. Lewis hatte 1986 - drei Jahre nach dem mutmaßlichen Vorfall - eine kleine Rolle in Polanskis Kino-Flop "Piraten" gespielt.

asa/AFP/dpa

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