Ermittlerin für Sexualdelikte Warum erfindet jemand seine Vergewaltigung, Frau Kommissarin?

Eine Rostockerin behauptete, von Ausländern überfallen worden zu sein. Die Tat erregte Aufsehen - doch sie war vorgetäuscht. Im Interview spricht die zuständige Ermittlerin Britta Rabe über diesen und ähnliche Fälle.

Kriminalhauptkommissarin Britta Rabe , 46, ist seit 1991 bei der Polizei, seit 2007 im Fachkommissariat 1 für Kapitalverbrechen in Rostock. Sie ist Sachbearbeiterin für Sexualdelikte.
Polizei Rostock

Kriminalhauptkommissarin Britta Rabe, 46, ist seit 1991 bei der Polizei, seit 2007 im Fachkommissariat 1 für Kapitalverbrechen in Rostock. Sie ist Sachbearbeiterin für Sexualdelikte.

Ein Interview von


An einem Montagabend im März vergangenen Jahres fuhr eine 28-jährige Rostockerin mit dem Auto nach Hause, als sie in einer Buswendeschleife eine Person liegen sah, die den Arm hob, als würde sie Hilfe brauchen.

Die Frau hielt an und stieg aus, um zu helfen, als sie von zwei unbekannten Männern überfallen wurde. Einer hielt die Frau fest, der zweite zerriss ihr Oberteil und begrapschte sie an der Brust und zwischen den Beinen. Die Täter sprachen in einer ausländischen Sprache miteinander. Die Frau wehrte sich, da fuhr plötzlich ein weißes Auto vor. Die drei Männer sprangen hinein und verschwanden in der Dunkelheit.

So berichtete es die Frau ihren Eltern, die sie weinend aus ihrem Auto anrief. So erzählte sie es den Polizeibeamten am Tatort und in den Vernehmungen in den folgenden Tagen. Allerdings hat der ganze Vorfall, so inzwischen die Überzeugung der Ermittler, nie stattgefunden. Im Internet, vor allem auf Facebook, verbreitete sich die Geschichte dennoch rasend schnell. Auch die "Ostsee-Zeitung" berichtete. Der Vorsitzende der Opferhilfe Mecklenburg-Vorpommern warnte, heute müsse "leider" jeder zunächst an seine eigene Sicherheit denken. ADAC-Sprecher Christian Hieff äußerte sein Entsetzen: "Durch Berichte über solche Überfälle sinkt die Bereitschaft, im Notfall Erste Hilfe zu leisten."

Die Rostocker Kriminalhauptkommissarin Britta Rabe, 46, ermittelte in dem Fall und stieß schnell auf Ungereimtheiten.

Das vermeintliche Opfer verwickelte sich mehr und mehr in Widersprüche: Mal waren es zwei, dann drei Täter. Mal kamen die Kratzer am Hals von den Tätern, mal hatte die Frau sie sich selbst zugefügt, als sie sich wehrte. Bei der Spurensicherung gab sie ein Oberteil ab, das sie gar nicht während des Überfalls getragen hatte.

Schließlich erstattete die Staatsanwaltschaft Rostock Anzeige wegen Vortäuschens einer Straftat, ein Gericht verurteilte die Frau im Herbst zu 1000 Euro Geldstrafe. Ob die Höhe der Strafe angemessen ist, will Britta Rabe nicht beurteilen. Im Interview spricht die Polizistin über ähnliche Fälle und die Veränderungen seit der Kölner Silvesternacht 2015/16.

SPIEGEL ONLINE: Frau Rabe, wieso erfindet jemand einen Überfall oder eine Vergewaltigung?

Britta Rabe: Dafür gibt es ganz unterschiedliche Motive. Viele wollen Aufmerksamkeit. Oft stecken Sorgerechtsstreitigkeiten dahinter. Eine Mutter hat mal ihre siebenjährige Tochter dazu gebracht, mir zu sagen, Papa habe sie da unten angefasst. Männer beschuldigen den neuen Lebensgefährten der Ex-Frau. Regelmäßig wird irgendwo ein weißer Transporter gesichtet, mit dem angeblich Kinder entführt werden sollen. Da wird dann in der Schule gewarnt und auf einmal gibt es gleich mehrere Anzeigen von Müttern.

SPIEGEL ONLINE: Der beschriebene erfundene Überfall ist also keine Ausnahme?

Rabe: Leider nein. Ich habe den Eindruck, dass Falschbeschuldigungen zunehmen. Nur eine Woche später behauptete eine 26-jährige Frau, sie sei abends auf dem Bützower Marktplatz überfallen worden, wieder von drei ausländisch sprechenden Männern, wieder stand ein Sexualdelikt im Raum. Im Laufe der Ermittlungen kam heraus, dass es diese ausländischen Männer nie gegeben hat. Die Frau erfand den Überfall, weil sie eine Ausrede ihrem Lebensgefährten gegenüber brauchte. Ihre Affäre hatte sich am selben Abend von ihr getrennt, deshalb war sie ganz aufgelöst und verheult. Ihrem Freund konnte sie davon natürlich nichts erzählen. Womit sie nicht gerechnet hatte: Ihr Freund schleppte sie zur Polizei.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie herausgefunden, dass sie lügt?

Rabe: Es gab Unstimmigkeiten. In einer späteren Vernehmung hat sie schließlich die Wahrheit gesagt. Das Problem ist, dass die Meldung von den ausländischen Sexualstraftätern, die in Rostock frei herumlaufen, längst in der Welt war.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie, warum die zwei Frauen ausgerechnet ausländische Täter erfunden haben?

Rabe: Nein, aber das fragen wir uns auch. Auf jeden Fall ist die mediale Aufmerksamkeit viel größer, wenn der Täter als ausländisch beschrieben wird. Das merken wir an der Häufigkeit der Presseanfragen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso ist das so?

Rabe: Seit der Silvesternacht 2015/16 in Köln ist die Pressearbeit der Polizei unter Druck geraten, bei uns, aber bestimmt auch sonstwo in Deutschland. Damals waren wir echt verunsichert. Geben wir die Herkunft des Tatverdächtigen nicht bekannt, werden wir kritisiert. Geben wir sie bekannt, werden wir auch kritisiert. Dabei hat die Nationalität eigentlich nichts mit der Straftat zu tun. Die Kritik hat nicht nachgelassen, aber wir sind entspannter geworden. Denn die, die solche rassistischen Vorurteile glauben wollen und im Internet weiterverbreiten, an die kommen wir leider ohnehin nicht heran.

SPIEGEL ONLINE: Auch früher hat es Falschbeschuldigungen und Gerüchte gegeben.

Rabe: Ja, aber durch die sozialen Medien verbreiten sich diese Meldungen rasend schnell. Verwandte und Bekannte von Opfern empören sich auf Facebook über Fälle, die aus polizeilicher Sicht noch gar nicht bestätigt sind. Hier in Rostock gibt es einen Polizeireporter, der sehr schnell auf sozialen Netzwerken über die Einsätze der Polizei berichtet, zum Teil, bevor wir eine Pressemitteilung rausgegeben haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Sie darauf?

Rabe: Bis wir fertig mit den Ermittlungen sind und ausführlich Auskunft zu einem Fall geben können, vergehen oft Monate. Dann interessiert sich kaum jemand mehr dafür. Selbst auf Pressemitteilungen über belegte Falschbeschuldigungen gibt es nur minimalen Rücklauf. Wenn, dann druckt die Lokalzeitung eine Meldung in der Randspalte.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Sie darauf, wenn eine Person eine Tat offensichtlich erfunden hat?

Rabe: Es gibt ja die unwahrscheinlichsten Fälle, das kann man sich gar nicht vorstellen. Mein Bauchgefühl hat mich da auch schon mal getäuscht. Deshalb ermitteln wir immer so, als habe sich die Tat so abgespielt, wie sie angezeigt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wann erstatten Sie Anzeige wegen Vortäuschens einer Straftat?

Rabe: Wenn das angebliche Opfer die Lüge zugibt oder die Spuren und Ermittlungen kein anderes Ergebnis zulassen. Dann nehmen wir von Amts wegen eine Anzeige auf.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn ein Sachverhalt nicht so eindeutig ist?

Rabe: Wenn eine Person zum Beispiel weiter behauptet, vergewaltigt worden zu sein, obwohl wir als Polizei Zweifel haben, dann wird der Fall als Vergewaltigung durch Unbekannt an die Staatsanwaltschaft übergeben und geht so in die Polizeiliche Kriminalstatistik ein. Diese Statistik ist also nur begrenzt aussagekräftig.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst, dass Frauen sich nicht mehr an Sie wenden, weil sie fürchten, ihnen werde nicht geglaubt?

Rabe: Nein. Und es ist für mich auch nicht nachvollziehbar, warum behauptet wird, Frauen werde nicht geglaubt. Selbstverständlich glauben wir zunächst jeder Frau, die sich an uns wendet.



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