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Rote-Khmer-Tribunale "Nahrung gegen Sex"

Rote-Khmer-Tribunale: "Angkar sieht alles, hört alles"
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AP

Knapp zwei Millionen Kambodschaner starben durch das Terrorregime der Roten Khmer. Die deutsche Anwältin Silke Studzinsky vertritt bei den Tribunalen in Phnom Penh Männer und Frauen, die Opfer von Sexualverbrechen wurden: Das Regime versuchte, durch Zwangshochzeiten neue Revolutionäre regelrecht zu züchten.

SPIEGEL ONLINE: Frau Studzinsky, vermutlich hätte man in den Rote-Khmer-Tribunalen die Sexualverbrechen des Regimes außer Acht gelassen, wenn Sie und Ihre Kollegen nicht im Vorfeld für die Anklage dieser Delikte gekämpft hätten. Wie hat das Tribunal, das mehrheitlich mit Männern besetzt ist, auf Ihren Antrag reagiert?

Studzinsky: Die Haltung war am Anfang sehr skeptisch und ist weiterhin zurückhaltend bis ignorant. Als das Gericht 2006 seine Arbeit aufnahm, spielten Sexualstraftaten überhaupt keine Rolle. Das setzte sich fort bis zur ersten Anklage.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Studzinsky: Die Roten Khmer werden immer als puritanisch dargestellt. Aber wir wissen, dass in dieser Zeit viele Sexualstraftaten begangen wurden. Bestraft wurden sie allerdings selten. Gefangene wurden "Feinde" und "Elemente" genannt und systematisch entmenschlicht. Also spielte es auch keine Rolle mehr, Verstöße gegen die Menschenwürde zu bestrafen. Auf tragische Weise ist das fast wieder logisch.

SPIEGEL ONLINE: Welche Verbrechen wurden begangen?

Studzinsky: Die Bandbreite ist groß: Vergewaltigungen in Gefängnissen, aber auch in den mobilen Arbeitsbrigaden waren keine Ausnahme. Menschen, die zu verhungern drohten, wurde Nahrung gegen Sex angeboten. Befehlshaber hielten sich Jungen zur Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse. Angeblichen Prostituierten wurden die Brüste mit Säure verstümmelt. Hinzu kommen die massenhaften Zwangshochzeiten.

SPIEGEL ONLINE: Setzen Sie Zwangshochzeiten mit Vergewaltigungen gleich?

Studzinsky: Ja. Auf Befehl der politischen Organisation Angkar wurden überall im Land Gruppenhochzeiten durchgeführt. Alle traditionellen Rituale, die sonst zu einer Hochzeit in Kambodscha gehören, fehlten. Es gab lediglich eine politische Einführung, dann wurde zwei Menschen, die sich in den allermeisten Fällen völlig fremd waren, gesagt: "Das ist jetzt dein Ehemann, das ist deine Ehefrau." In derselben Nacht wurden sie einer Hütte zugewiesen, in der sie Sex haben mussten.

SPIEGEL ONLINE: Wurde die Hochzeitsnacht überwacht?

Studzinsky: Teilweise. Aber selbst, wenn das Paar nicht direkt überwacht wurde, herrschte überall das Klima: "Angkar weiß alles, sieht alles, hört alles, kann sogar Gedanken lesen." Zumindest diese gefühlte Überwachung schürte die Angst. Wer sich weigerte, Sex zu haben und sich der Verheiratung widersetzte, dem drohten Gefängnis oder Umerziehungslager. Beides war damals oft gleichbedeutend mit dem Tod.

SPIEGEL ONLINE: Was war der Zweck der Zwangsehen?

Studzinsky: Das war eine reine Menschenproduktion. Durch Missernten und die harte Zwangsarbeit in den Reisfeldern war das Volk geschwächt. Außerdem gab es unter den Roten Khmer eine strikte Geschlechtertrennung. Das führte unweigerlich zum Kindermangel. Von den Zwangsehen der neuen Paare, die meist nach wenigen Tagen wieder voneinander getrennt wurden, erhoffte man sich neue Arbeitskraft und neue revolutionäre Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Wurden junge Frauen im gebährfähigen Alter besser behandelt als andere Menschen?

Studzinsky: Dafür habe ich keine Anhaltspunkte gefunden. Es war eher so, dass junge Menschen besonders intensiv zur Arbeit in den Reisfeldern gezwungen wurden, weil sie mehr Energie hatten. Alte Frauen mussten derweil kochen und die Kinder beaufsichtigen. Die Kinder sind ja ganz früh von den Müttern getrennt worden, damit traditionelles Gedankengut sie erst gar nicht erreichen konnte. Angkar hat die Eltern ersetzt und die Kinder gleich im Sinne der Revolution großgezogen.

SPIEGEL ONLINE: Von wie vielen Opfern durch Zwangsehen gehen Sie aus?

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Zur Person
DPA
Silke Studzinsky studierte in Marburg und Berlin Jura und Soziologie. Seit 1990 arbeitet sie als Rechtsanwältin in Berlin, seit 2006 ist sie auch beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zugelassen. Im Februar 2008 verlegte sie ihren Arbeitsplatz nach Kambodscha. Beim Tribunal gegen die Roten Khmer vertritt sie mit kambodschanischen Kollegen zurzeit 18 Opfer als Nebenkläger. Ihr Gehalt bekommt Silke Studzinsky vom Deutschen Entwicklungsdienst (DED), der ihre Stelle im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes geschaffen hat.

Prozess gegen die Roten Khmer
REUTERS
Nach knapp drei Jahrzehnten sollen in Kambodscha die Massenmorde und Gräueltaten der Roten Khmer unter der Führung des "Bruders Nummer eins", Pol Pot , aufgearbeitet werden.

Das erste Verfahren vor dem Tribunal wurde gegen Kaing Guek Eav alias Duch eröffnet, der von März 1976 bis Anfang 1979 das berüchtigte Gefängnis Tuol Sleng , das auch "Sicherheitsbüro" (S-21) genannt wurde, leitete. Er wurde am 26. Juli 2010 zu 35 Jahren Haft verurteilt. Weil er lange Zeit inhaftiert war, wurden ihm 16 Jahre erlassen. In dem von ihm geleiteten Gefängnis kamen nur sieben der insgesamt 14.000 dort Inhaftierten mit dem Leben davon. Die anderen wurden gefoltert, misshandelt und nach erpressten Geständnissen auf den Killing Fields exekutiert.
Buchtipp
Erich Follath:
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Kambodschas Weg vom Terrorland zum Touristenparadies

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