Missbrauch in England Der unfassbare Skandal von Rotherham

Tausendfach sollen Kinder und Jugendliche in Rotherham sexuell ausgebeutet worden sein. Immer mehr Details werden nun zu dem Fall veröffentlicht, die Ausmaße sollen den Behörden schon seit Jahren bekannt gewesen sein. Warum blieben sie untätig?

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Hamburg - Das Mädchen war erst elf Jahre alt, als die Polizei im nordenglischen Städtchen Rotherham das erste Mal von ihr hörte. Den Beamten berichtete sie, von erwachsenen Männern sexuell belästigt worden zu sein. Ein Jahr später wurde sie betrunken auf dem Rücksitz eines Autos gefunden. Am Steuer saß ein Mann, der verdächtigt wurde, junge Frauen sexuell auszubeuten. Er hatte eindeutige Fotos der Zwölfjährigen auf seinem Handy gespeichert - doch die Beamten schritten nicht ein.

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Heft 36/2014
Die hektische Suche nach einem entschleunigten Leben

Drei Monate später wurde die Schülerin abermals betrunken in einem Haus mit Männern von der Polizei aufgefunden. Das Mädchen nahmen sie wegen Trunkenheit fest, gegen die Männer wurde nicht ermittelt. Wenig später erlitt sie eine Fehlgeburt.

Bericht aus Rotherham im neuen SPIEGEL
Der Fall wird in einem unabhängigen Bericht so geschildert. Das mehr als 150 Seiten umfassende Dokument wurde vor wenigen Tagen veröffentlicht und löste heftige Kritik an den zuständigen Stellen aus. Verfasserin ist die Professorin und ehemalige schottische Regierungsberaterin Alexis Jay. Sie erstellte den Untersuchungsbericht im Auftrag des Gemeinderates von Rotherham, nachdem in der Stadt im Jahr 2010 fünf Männer wegen Sexualdelikten zu langen Haftstrafen verurteilt worden waren. Jays Ergebnis offenbart eine unfassbare Dimension: Zwischen 1997 und 2013 fielen in Rotherham mehr als 1400 Kinder sexueller Gewalt zum Opfer.

Geschleust, geschlagen, eingeschüchtert

Das sei noch eine moderate Schätzung, schreibt Jay in ihrem Bericht. Zum Teil seien elfjährige Mädchen von mehreren Tätern vergewaltigt, entführt, in andere Städte Englands geschleust, geschlagen und eingeschüchtert worden. Die Taten sollen größtenteils von einer Bande von Männern mit pakistanischen Wurzeln verübt worden sein. Sie vergingen sich dem Bericht zufolge meist an Mädchen - und vereinzelt auch an Jungen - aus sozial schwachen Verhältnissen. Kinder und Jugendliche seien mit Schnaps und billigen Geschenken gefügig gemacht worden, betrunkene Erwachsene seien dann über sie hergefallen.

Viele der Kinder seien auch nach den Übergriffen von den Tätern weiter verfolgt und eingeschüchtert worden. Ein Mädchen sei mit Benzin übergossen und bedroht worden, angezündet zu werden, wenn sie etwas verrate. Einige der Opfer sollen später versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Komplette Familien hätten unter den Folgen der Taten gelitten; einige seien daran kaputtgegangen, andere in die Obdachlosigkeit gerutscht. Die Opfer selbst hätten später teils Probleme gehabt, ihre eigenen Kinder zu versorgen.

Berichte unterdrückt und ignoriert

Wie kam es, dass der tausendfache Missbrauch über mehr als eineinhalb Dekaden in Rotherham nicht aufflog? Die Antwort ist bitter: Er flog sehr wohl auf. Den Behörden waren Fälle bekannt, das hat Jay in ihrem Bericht nun aufgedeckt. Von Beginn an habe es Hinweise darauf gegeben, dass sexuelle Ausbeutung von Kindern in Rotherham sich zu einem zunehmenden Problem entwickelte. Mehr als ein Drittel der Opfer seien den Jugendschutzbehörden bekannt gewesen.

Zudem beschäftigten sich in dem Zeitraum gleich drei ausführliche Berichte damit - 2002, 2003 und 2006 wurden sie erstellt und der Polizei als auch den Politikern der Stadt vorgelegt. Deren Ergebnisse hätten "nicht deutlicher sein können", schreibt Jay. Der erste sei unterdrückt worden, weil Beamte die Korrektheit des zugrundeliegenden Datensatzes bezweifelten. Spätestens 2005 hätten aber genug Informationen vorgelegen, dass niemand mehr behaupten könne, er habe nicht gewusst, was in Rotherham vor sich ging. Dennoch hätten die Behörden nicht gehandelt. Sie hätten "eklatant und kollektiv versagt", heißt es in dem Report. Auch die Polizei habe das Problem nicht ernst genommen.

Ein anonymer Informant berichtete der Professorin, dass die Aussagen möglicher Opfer als Schilderungen von "Unerwünschten" eingestuft wurden, die keine weitere Beachtung verdienten. Dem britischen "Guardian" zufolge verwendeten die Beamten viel Zeit darauf, die Aussagen der Kinder und Jugendlichen zu widerlegen, statt ihnen nachzugehen. So mussten die Täter offenbar kaum Verfahren gegen sie fürchten; in den vergangenen zweieinhalb Jahren kam es zu nicht einmal 20 Anklagen, obwohl allein 2013 17 Fälle von Verschleppungen dokumentiert wurden.

Wie ist das Verhalten der Beamten zu erklären? Einige Missbrauchsopfer hatten ihre Peiniger als "Asiaten" beschrieben. Aus der Furcht heraus, als Rassisten zu gelten, seien die Ordnungskräfte diesen Hinweisen auf die ethnische Herkunft der Täter jedoch nicht oder nur zögerlich nachgegangen, heißt es in dem Bericht. Die Mitglieder der pakistanischen Gemeinde in Rotherham zeigten sich angesichts der wenig plausibel erscheinenden Begründung entsetzt: Herkunft, Religion oder politische Ausrichtung sollten niemals einen Mantel des Schweigens über solch groteske Taten legen, teilte ein Sprecher mit.

"Historisches" Versagen der Polizei

Die Veröffentlichung des Berichts hat inzwischen auch personelle Konsequenzen nach sich gezogen: Der Vorsitzende des Stadtrats in Rotherham, Roger Stone, trat mit sofortiger Wirkung von seinem Amt zurück. Er übernehme damit die Verantwortung für das Versagen der Behörden, das er laut BBC als "historisch" bezeichnete. Der Polizeichef der Region, Shaun Wright, hatte hingegen zwar um Entschuldigung gebeten - seinen Posten will er aber nicht räumen, obwohl ihm dies dem "Guardian" zufolge bereits Premier David Cameron nahegelegt hat.

Welche juristischen Konsequenzen das Papier für die Täter haben wird, ist noch nicht abzusehen. Gegenwärtig ermittelt die Polizei in Rotherham in 32 Fällen. Einer davon betrifft einen 27-jährigen Polizisten. Er war bereits im November vergangenen Jahres festgenommen und am 21. August angeklagt worden, teilte die Polizei von South Yorkshire nun mit. Dem Mann werde vorgeworfen, ein 15 Jahre altes Mädchen zu sexuellen Handlungen genötigt zu haben.

Mit Material von dpa

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