RTL-2-Show "Tatort Internet" Auf dem Holzweg

Die Aufregung um die TV-Reihe "Tatort Internet" ist groß. Deren Zielsetzung scheint vorgeschoben - die eingeforderte Gesetzgebung gibt es längst. Das Problem, sagen Kriminalbeamte, liegt vielmehr in der mangelhaften Ausstattung der Polizei bei der Web-Fahndung nach Pädophilen.

Von und

RTL-2-Moderatoren Udo Nagel, Stephanie zu Guttenberg: "Es gibt Handlungsbedarf"
RTL II

RTL-2-Moderatoren Udo Nagel, Stephanie zu Guttenberg: "Es gibt Handlungsbedarf"


Hamburg - Betrüger, Mörder oder Autoschieber, früher war er für sie alle zuständig: Udo Nagel, ehedem Leiter der Verbrechensbekämpfung im Polizeipräsidium München. Hamburgs damaliger Innensenator Ronald Schill ernannte ihn 2002 zum Polizeipräsidenten. Heute, im Ruhestand, präsentiert Udo Nagel auf RTL 2 die schlimmsten mutmaßlichen Kinderschänder des Internets.

Ein Handwerker, ein Lehrer, der Chef eines Kinderdorfs, sie alle versucht der TV-Cop bei der Anbahnung von Kontakten mit Kindern zu überführen, die sie in Chats gesucht und gefunden haben und nun persönlich kennenlernen wollen. Ihre Absichten scheinen eindeutig: Sie wollen Sex. Die Kinder, die in der Sendung mit den Männern kommunizieren, gibt es nicht wirklich, es handelt sich um Lockvögel.

Mit der Sendung "Tatort Internet" wollen Nagel und Stephanie zu Guttenberg, die aparte Gattin des amtierenden Verteidigungsministers, die Nation aufmerksam machen auf die Gefahren der digitalen Welt. Sie schlagen Alarm, die Gesetze seien zu lasch. "Es gibt politischen Handlungsbedarf", sagt Nagel.

Cyber-Grooming heißt das Delikt, dem Nagel auf der Spur ist, es meint die Kontaktaufnahme zu Kindern in sexueller Absicht, meistens in Chats. Jeder zehnte Jugendliche in Deutschland erhält nach einer aktuellen europäischen Studie ungewollt sexuelle Kommentare im Netz.

Nagel hat deshalb diverse Politiker, darunter Bundesinnenminister Thomas de Maizière, dessen Vorvorgänger Otto Schily und den Grünen Wolfgang Wieland auf die von ihm vermutete Gesetzeslücke hingewiesen.

Doch Nagel vermutet falsch - das Gesetz, das er einfordert, existiert längst.

Parallele Identitäten

Das Problem scheint vielmehr bei den eingeschränkten Möglichkeiten der Ermittler bei der Verbrechensbekämpfung zu liegen. Das illustriert ein aktueller Fall in Norddeutschland, in dem sich ein Mann gleich zwei virtuelle Identitäten zugelegt hat, als Betreiber einer Modellagentur und in Gestalt eines Mädchens.

Als angeblicher Agent verspricht er seinem Opfer eine Karriere als Fotomodell. Parallel dazu gibt er sich eine Identität als junges Mädchen, gewinnt das Vertrauen des Opfers und versucht alle Zweifel zu zerstreuen, wenn es dem vermeintlichen Agenten Nacktfotos von sich via Internet senden soll.

Wie viele solcher Fälle es im Jahr in Deutschland gibt, lässt sich nicht genau beziffern. Die polizeiliche Kriminalstatistik fasst alle Delikte zusammen, bei denen Täter Kindern Pornografisches aufdrängen oder ihnen mit sexuellen Absichten schreiben. 913 waren es im vergangenen Jahr, 2008 noch 874.

"In der Regel werden wir erst nach einer Anzeige auf solche Fälle aufmerksam", sagt Hauptkommissar Ulrich Heffner vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Seiner Meinung nach ist den von RTL 2 so vehement beklagten Grooming-Fällen nicht durch ein härteres Gesetz beizukommen, sondern allenfalls durch verbesserte Ermittlungsmöglichkeiten.

Forderung von Kinderschutzorganisationen: Chats elektronisch überwachen

Seit Jahren fahnden Kriminalbeamte im Internet nach Anbietern und Konsumenten von Kinderpornografie. Der Zugang, den RTL 2 zum Aufspüren mutmaßlicher Pädophiler nutzt, bleibt ihnen jedoch verwehrt. "Mal abgesehen davon, dass uns die personelle Ausstattung fehlt", sagt Bernd Carstensen vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, "mangelt es auch an der Rechtsgrundlage." Polizisten dürfen nicht ohne weiteres als verdeckte Ermittler im Internet chatten.

Selbst wenn sich Kinder - nach dem Kontakt mit Pädophilen - ihren Eltern offenbaren und diese dann Anzeige erstatten, sind die Chancen auf eine Strafverfolgung gering. Ohne Vorratsdatenspeicherung, beklagt Carstensen, seien die Täter später oft nicht mehr zu identifizieren.

Sinnvoller als ein Sendungskonzept wie "Tatort Internet" umzusetzen erscheint es ohnehin, Kinder und Jugendliche auf ihre vielfach völlig unkritische Einstellung zu ihrem Computer hinzuweisen, ihnen die Gefahr zu erklären, sie davor zu warnen, Freundschaften mit Leuten zu schließen, die sie nur aus dem Chat kennen.

Julia von Weiler von der Kölner Kinderschutzorganisation Innocence in Danger sieht die Verantwortung auch bei den Anbietern von Kinder-Chats. Diese Portalbetreiber sollten "eine möglichst umfassende Identifikation der Teilnehmer einfordern oder die Chats elektronisch überwachen - und bei bestimmten Schlüsselwörtern den Kontakt aufzeichnen". Gegenüber Eltern, glaubt die Psychologin, könnten die Anbieter "dies sogar als Qualitätsmerkmal vermarkten".



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tetaro 01.11.2010
1. ,,
Zitat von sysopDie Aufregung um die TV-Reihe "Tatort Internet" ist groß. Deren Zielsetzung*scheint vorgeschoben*- die eingeforderte Gesetzgebung gibt es längst. Das Problem, sagen Kriminalbeamte, liegt vielmehr in der mangelhaften Ausstattung der Polizei bei der Web-Fahndung nach Pädophilen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,726220,00.html
Esntzunehmende Ermittler würde sich dem Thema doch immer rein sachlich nähern. Das medienwirksame Auswalzen des Themas ist irgendwie selbst pornografisch und intuitiv abstoßend.
christoph. 01.11.2010
2. Unter falscher Flagge
Etliche Prominente z.B. in der Politik haben erkannt, dass sich unter der Flagge "Kinderschutz" trefflich segeln und die eigenen Ziele verfolgen lässt, sei es Publizität, Beliebtheit, wahrgenommene Wichtigkeit etc.. Zumal es recht einfach ist, Kritiker am vermeintlich edlen Vorhaben zu verleumden:"Wie, sie wollen nichts gegen Kindesmissbrauch unternehmen?" Missbräuchlich nenne ich so ein Verhalten.
readme74 01.11.2010
3. hachja...
---Zitat--- Ohne Vorratsdatenspeicherung, beklagt Carstensen, seien die Täter später oft nicht mehr zu identifizieren. ---Zitatende--- ...die gute liebe alte Vorratsdatenspeicherung. Vielleicht sollten wir Herrn Carstensen und alle anderen in Zukunft 1x täglich daran erinnern, daß das Bundesverfassungsgericht gesagt hat, daß diese wenn sie überhaupt wieder eingesetzt wird, nur für schwerste Straftaten angewandt werden darf. Dazu gehört jedoch sicherlich nicht die bloße Anmache von Kindern in einem Chat-Raum, so abstoßend und widerwärtig diese auch ist. Natürlich passt dem BKA und auch der CDU nicht, daß die oberste rechtliche Instanz in unserem Staat die VDS so sehr beschnitten und zurechtgestutzt hat. Aber es ist schon perfide, wie man in der letzten Zeit argumentiert, vom "Enkeltrick" bis hin zu Filesharing und Kreditkartenbetrug muß alles mögliche herhalten, nach dem Motto "Hätten wir die Vorratsdatenspeicherung, dann könnten wir endlich wieder gegen das Verbrechen X, Y oder Z vorgehen". Daß die VDS überhaupt nicht benutzt werden darf hierfür, verschweigt man taktischerweise. Und jetzt holt man halt wieder die Kinderschänder-Keule hervor. Damit wir uns nicht falsch verstehen, Kindesmißbrauch vorzubeugen, und auch der Kontaktanbahnung per Internet, sind durchaus wichtige und notwendige Unterfangen. Aber hier jetzt wieder die Vorratsdatenspeicherung ins Spiel zu bringen, damit mißbraucht man das Thema für eigene politische Zwecke. Und die Statistiken zeigen, daß auch ohne sie völlig hinreichende kriminalistische Arbeit geleistet werden kann und wird: http://www.netzpolitik.org/2010/vorratsdatenspeicherung-uberflussig-bei-9995-der-ermittlungsverfahren-genugen-klassische-methoden/ Leute, lasst euch nicht verarschen. Kindesmißbrauch ist ein furchtbares Verbrechen, und Täter gehören bestraft. Aber gleichzeitig muß auch der politische Kindesmißbrauch aufhören. Diesen betreiben im Moment sowohl die CDU und ihre Minister als auch das BKA und Organisationen wie "Innocence in Danger".
Sternencolonel 01.11.2010
4. Big Brother is watching ...
Zitat: "Diese Portalbetreiber sollten "eine möglichst umfassende Identifikation der Teilnehmer einfordern oder die Chats elektronisch überwachen - und bei bestimmten Schlüsselwörtern den Kontakt aufzeichnen" Zitat: "Ohne Vorratsdatenspeicherung, beklagt Carstensen, seien die Täter später oft nicht mehr zu identifizieren. " Sicher es geht hier um ein wichtiges Thema, aber ich werde den Verdacht nicht los dies alles nur vorgeschoben ist um eine Begründung für die Einführung einer Umfassende Überwachung zu haben. Was kommt als nächstes ? Emails auf verdächtige Wörter Scannen ? Telefongespräche mitschneiden wenn bestimmte Worte genannt werden ? Die Post öffnen und mitlesen ?
arnobald 01.11.2010
5. *
Welch eine Ironie… …war es nicht die (Schwester-)Partei des Gatten von Guttenberg, die die Zuschüsse für solch erfolgreiche Projekte wie die präventive Selbsthilfegruppen pädophil neigender Männer wie etwa in der Berliner Charité radikal gekürzt hat? Ein Schelm, wer böses denkt...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.