Russischer Aktivist Alpatov: Entführung im Namen der Väter

Von Thomas Heise und Anna Sadovnikova

In Russland kidnappt der Ex-Polizist Georgij Alpatow am helllichten Tage Kinder. Auftraggeber sind Väter, die nicht das Sorgerecht haben. Die Aktionen werden gefilmt und ins Internet gestellt. Bei ihm steht Gewalt über Recht und Gesetz.

Zwei Meter groß, 130 Kilo schwer, unrasiert - Georgij Alpatow ist ein furchteinflößender Zeitgenosse. Der Riese ist an diesem Tag mit einem SPIEGEL-TV-Team unterwegs. Er passt kaum hinter das Steuer seines Autos. "Da vorne ist es!", dröhnt sein Bass. Ziel der Fahrt ist ein Hochhaus vor den Toren Moskaus. In dem Bau wohnt ein kleines Mädchen mit seiner Mutter. Was die beiden nicht ahnen: Alpatow will das Kind entführen.

Wenn er mit seinen Leuten losfährt, sind alle bestens vorbereitet. Sie sind dann nicht erkennbar als selbsternannte Aktivisten des sogenannten Väter-Komitees, sondern getarnt als Journalisten. Alpatow hat einen nachgemachten Presseausweis dabei, extra groß, damit er mehr Eindruck macht. Zwei seiner Mitstreiter filmen als angebliches Kamerateam das Geschehen. Alles dient der Überrumpelung.

"An uns hat sich ein Vater gewandt. Seine Ex-Frau ließe ihn nicht mit seiner Tochter sprechen. Er ist vor Gericht gegangen und es wurde beschlossen, dass er das Kind sehen darf. Trotzdem hält sich seine Ex nicht an den Gerichtsbeschluss." Jetzt will der Vater, ein eher unscheinbarer Mann mit einem zu kleinen Hut auf dem Kopf, das Kind ohne Gerichtsbeschluss kurzerhand kidnappen lassen.

Die Welt von Alpatow und seinen Mitstreitern ist überschaubar strukturiert. Da sind die bösen Mütter mit ihren bösen Rechtsanwälten, die vor russischen Gerichten auch noch recht bekommen, wenn es um das Sorgerecht von Trennungskindern geht. Vor ein paar Jahren kam der Ex-Polizist auf die Idee, die Sache auf seine Art zu regeln. Physische Gewalt statt Recht und Gesetz. Über die Internetseite Selbstverteidigung kann man ihn und seine Helfershelfer buchen. Russlandweit. Alles eine Frage des Preises. Mit 1000 Euro ist man schon dabei.

Filme der Entführungen stellt er ins Internet

"Wir sind zufrieden, dass unsere Arbeit den Menschen hilft, ihre Rechte zu verteidigen und die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich zu ziehen. Wir sind glücklich, dass wir dadurch die Rechte der Kinder stärken." So einfach klingt das bei Alpatow.

Viele Videos seiner Entführungen stellt er ins Internet. Sie sollen eine Art Werbung sein. In einem der Filme ist zu sehen, wie unverfroren die Männer vom Väter-Komitee einst in Wolgograd vorgingen: Alpatow wedelt mit seinem Presseausweis vor einer völlig überrumpelten Kindergärtnerin rum, schwadroniert von Pressefreiheit und seinem angeblichen Chef. Derweil holt der Vater seinen Sohn aus dem Spielzimmer. Anschließend flüchtet die Truppe aus dem Haus. Das war vor 18 Monaten. Seitdem hat der Junge seine Mutter nicht mehr gesehen.

Alpatow hat nicht immer Glück. Seine letzte Aktion ging schief. Die Mutter des kleinen Mädchens in dem Hochhaus vor den Toren Moskaus hatte ihre Rechtsanwältin und die Polizei im Haus. Die selbsternannten Rächer mussten unverrichteter Dinge abziehen.

Genaue Zahlen, wie viele Kinder in Russland von Vätern entführt werden, gibt es nicht. Michail Winogradow, Leiter des Zentrums für psychologische Hilfe in Extremsituationen, geht von etwa 300 Fällen aus. Es fehlen genaue Statistiken, weil die Erfassung der Zahlen politisch nicht gewollt, nicht opportun ist.

Die Polizei ermittelt nur selten

Dass Väter ungestraft ihre Kinder entführen, ist auch gesellschaftlich nicht geächtet. Svetlana Spivakovskaja, Mitglied des Vereins Stopp Kidnapping, sagt: "Männer haben einfach einen höheren Stellewert in der russischen Gesellschaft, verdienen mehr und werden mehr akzeptiert. Die können machen, was sie wollen." Die Polizei hält sich zurück, ermittelt nur selten, die Auseinandersetzungen werden als Privatsache eingestuft.

Doch es gibt auch Ausnahmen. Vor 18 Monaten wird die zehnjährige Irina gekidnappt. Mutter Olga Lunkina gibt später zu Protokoll: "Sechs Männer haben mich aufgehalten, einer hat meine Tochter weggezerrt. Dann kam noch einer - mit einer Kapuze. Ich habe nicht verstanden, was los war, hab nur gemerkt, dass die Männer ihm meine Tochter Irina übergeben haben."

Der Mann mit der Kapuze ist ihr Ex-Mann. Die Staatsanwaltschaft ermittelt zunächst wegen Entführung und Mordverdacht. Daraufhin stellte der Rechtsanwalt des Vaters ein Video mit dem kleinen Mädchen und seinem Vater ins Internet. "Mich hat keiner entführt. Und mir hat auch keiner weh getan", erklärt darin Irina. Die Ermittlungen wurden eingestellt.


SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 22:40 Uhr, RTL

Sonntag, 28.09.2014, 23.00 - 23.45 Uhr, RTL

  • Die entfesselte Seuche: Reportage aus dem Ebola-Gebiet
    One-Way-Ticket ins All: Die erste bemannte Mars-Mission
    Schüsse in der Nacht: "Milliarden-Mike" und ein ungeklärter Anschlag

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
rainer_unsinn 17.03.2013
Zitat von sysopSPIEGEL TVIn Russland kidnappt der Ex-Polizist Georgij Alpatow am helllichten Tage Kinder. Auftraggeber sind Väter, die nicht das Sorgerecht haben. Die Aktionen werden gefilmt und ins Internet gestellt. Bei ihm steht Gewalt über Recht und Gesetz. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/russland-selbstjustiz-durch-kindesentfuehrung-a-889112.html
"An uns hat sich ein Vater gewandt. Seine Ex-Frau ließe ihn nicht mit seiner Tochter sprechen. Er ist vor Gericht gegangen und es wurde beschlossen, dass er das Kind sehen darf. Trotzdem hält sich seine Ex nicht an den Gerichtsbeschluss." Wieso ist das nun Kidnapping und das was die Mutter vorher gemacht hat nicht? Ich kann schon verstehen das diese Geschichte wie ein Pfahl im Herzen aller Feministinnen und Frauenversteher ist. Aber ich finde es gut das es noch Länder gibt in denen Väter nicht einfach nur Dreck sind und in denen die kriminellen Machenschaften von Frauen nicht wie selbstverständlich von der Polizei gedeckt werden. Das Kind sollte dort bleiben wo es ihm besser geht. Wenn das der Vater ist dann ist das eben der Vater. Vor allem sollte das Kind dort bleiben wo es selber am liebsten hin will! Was das angeht ist Deutschland steinzeitlich.
2. Ausgleichende Gerechtigkeit
frankhard61 17.03.2013
Gemach, gemach mit der Empörung. Zunächst einmal ist es so, daß "Eltern" aus ZWEI Teilen bestehen: Vater und Mutter. Eigentlich simpel, aber viele Frauen benutzen die Kinder nach einer Trennung oder Scheidung als Waffe, um ihrem ehemaligen Partner weh zu tun, indem sie ihm das Umgangsrecht verweigern und die Kinder vorenthalten. Das halten diese Frauen für völlig legitim, und egal, wie sehr sie ihren eigenen Kindern damit schaden, für sie steht zuallererst das eigene und nicht das Kindesinteresse im Vordergrund. Rache am Expartner ist die allermeiste Motivation für solche Machenschaften und die Kinder werden dabei von ihren Müttern zu billigen Werkzeugen degradiert. Ich habe Verständnis für diese Männer und kann ihr Tun nicht wirklich schlimmer finden, als das der Frauen. Was sie tun, ist nicht gut, aber es ist nicht besser oder schlechter, als das Tun der Frauen.
3.
nagevog 17.03.2013
Es wäre angebracht das Sorgerecht der Väter zu thematisieren. Mit einem automatischen gemeinsamen Sorgerecht für beide Eltern könnte man solchen Tendenzen entgegentreten. Aber das ist politisch nicht gewollt. Väter sollen zahlen und sonst schauen, wo sie bleiben.
4. wenn der Staat nicht in der Lage ist...
sokrates1950 17.03.2013
Wenn der Staat nicht in der Lage ist, Recht und Gesetz (hier das Umgangsrecht) durchzusetzen, dann bleibt nur die Selbstjustiz. Das staatliche Gewaltmonopol ist nur solange gerechtfertigt, so lange der Staat Recht und Gesetz auch in der Praxis durchsetzt.
5. ...
rainer_unsinn 17.03.2013
Zitat von nagevogEs wäre angebracht das Sorgerecht der Väter zu thematisieren. Mit einem automatischen gemeinsamen Sorgerecht für beide Eltern könnte man solchen Tendenzen entgegentreten. Aber das ist politisch nicht gewollt. Väter sollen zahlen und sonst schauen, wo sie bleiben.
Ne in den postsozialistischen "undemokratischen" "bösen" Ländern haben automatisch beide Elternteile das Sorgerecht. Deswegen ist das ja auch legal was der Vater da macht und er kann es auch ins Internet stellen. Die Mutter kann bei der Polizei klagen, dann wird das Kind gehört und falls es sagt es möchte beim Papa bleiben ist der Fall für die Polizei erledigt. Der einzige Weg das ein Elternteil sein Sorgerecht verlieren kann ist wenn es irgendwie suchtkrank, vorbestraft oder offensichtlich assozial ist. Deswegen sage ich ja Deutschland ist in dem Bereich ein steinzeitliches Land.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Menschenrechte in Russland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 110 Kommentare

Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Russland-Reiseseite