Angebliche Vergewaltigung einer 13-Jährigen Wie russische Medien Angst vor Flüchtlingen schüren

Im Netz kursieren Gerüchte, eine 13-Jährige in Berlin sei von einer Gruppe Flüchtlinge vergewaltigt worden. Die Polizei dementiert. Doch in Russland wird die Geschichte offenbar zu einer Kampagne genutzt.

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Der TV-Sender Swesda wusste von einer "schockierenden Nachricht" aus Deutschland zu berichten: "Eine 13-jährige Russin wurde in Berlin Opfer einer Gruppenvergewaltigung durch Flüchtlinge." Die Rede war im Beitrag von quälenden Stunden in "Sex-Gefangenschaft", gesendet wurde sogar ein angebliches Beweisvideo. Darin geben angeblich Migranten zu verstehen, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt.

Ähnlich berichten seit einigen Tagen viele reichweitenstarke Medien in Russland: Im staatlichen TV-Sender Erster Kanal kam eine Tante des Mädchens zu Wort. Das Kind sei von drei Männern über Stunden vergewaltigt worden, an anderer Stelle ist von fünf Männern die Rede.

Die russischen Berichte vermitteln den Eindruck, die Stimmung in der russischsprachigen Gemeinde in Berlin sei explosiv. Der Erste Kanal zitiert einen Mann, der droht, man werde "mit Gewalt auf Gewalt antworten".

Beeinflussung des Deutschlandbilds in Russland

Vor dem Hintergrund der Flüchtlingssituation in Deutschland werden in sozialen Netzwerken vermehrt Gerüchte gestreut, um Menschen zu verunsichern. Dabei handelt es sich in der Regel um Falschmeldungen, in denen Flüchtlingen Straftaten vorgeworfen werden.

Der Fall des Berliner Mädchens, das aus einer russlanddeutschen Familie stammt, hat eine neue Dimension, weil er das Deutschlandbild in Russland beeinflusst und die Gemüter in der großen russlanddeutschen Community erhitzt.

  • Was ist tatsächlich passiert?

Die 13-Jährige war vom 11. bis zum 12. Januar verschwunden. Nachdem sie wieder aufgetaucht war, erzählte sie offenbar zunächst von einer Gruppenvergewaltigung. Bei der Polizei verneinte sie nach Informationen von SPIEGEL ONLINE eine Vergewaltigung.

Die Polizei teilte mit, es habe weder eine Vergewaltigung noch eine Entführung gegeben. Details nenne man aus Rücksicht auf das Mädchen nicht.

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft teilte mit, man prüfe "die verschiedenen teils widersprüchlichen Versionen". Ein Verfahren laufe wegen eines möglichen Missbrauchsdelikts. Gegen wen es sich richtet, sagte der Sprecher nicht. Generell ist Geschlechtsverkehr mit einer 13-Jährigen auch dann strafbar, wenn es sich nicht um eine Vergewaltigung handelt.

  • Was wird in Russland behauptet?
Im russischen Staatssender heißt es hingegen, eine Vergewaltigung werde "vertuscht, um Panik zu vermeiden". Als angeblichen Beweis sendeten mehrere Kanäle verwackelte Aufnahmen, die der Verbund "Anonymous Kollektiv" öffentlich gemacht habe. Das Video zeigt die Unterhaltungen mehrerer Männer erkennbar südländischer Herkunft, die sich mit einer Vergewaltigung brüsten. Es wurde mehr als eine Million Mal aufgerufen.

Die Aufnahme stammt bereits aus dem Jahr 2009.

"Anonymous Kollektiv" verbreitet seit Jahren rechtsextremes Gedankengut und Aufrufe zur Gewalt gegen Politiker und Journalisten. Die Gruppe ist nicht zu verwechseln mit den Hackern von Anonymous.

Die Nähe zwischen russischen Medien und rechtsextremen Aktivisten fällt im Fall der 13-Jährigen auch an anderer Stelle auf. Der Sender Ren-TV, im Besitz des Putin-Vertrauten Jurij Kowaltschuk, zeigte Bilder von einer NPD-Kundgebung in Berlin, auf der am vorigen Samstag den Behörden Vertuschung vorgeworfen wurde.

Zu Wort kommt in dem Beitrag eine junge Frau, die als Schwester der 13-Jährigen vorgestellt wird. "Sie haben sie ausgelacht, gesagt, niemand werde ihr glauben, dass sie lüge und es selbst gewollt habe", ruft die junge Frau. "Denkt selbst nach, das Mädchen ist 13 Jahre, und sie soll das selbst gewollt haben." Neben der Rednerin flattert ein Banner der rechtsextremistischen NPD.

NPD-Funktionäre bei Protestkundgebung

NPD-Anhänger waren auch bei einer weiteren Protestkundgebung in Berlin-Marzahn dabei. Dort versammelten sich am Montag 250 bis 300 russischsprachige Menschen. Die Beamten lösten die Veranstaltung auf, weil sie nicht angemeldet war. Der Polizeibericht vermerkt namentlich die Anwesenheit der NPD-Funktionäre Sebastian Schmidtke und René Uttke.

In der Flüchtlingskrise üben russische Medien massiv Kritik an der deutschen Regierung - und sympathisieren offen mit Pegida und AfD. "Deutschland ist am Ende", meldete am 12. Januar das Millionenblatt "Komsomolskaja Prawda". Im Zentrum Münchens gebe es keine "bayrischen Bierstuben" mehr, sondern nur noch islamische "Halal-Läden und Kebab-Verkäufer".

Russlands Propaganda nutzt die Flüchtlingskrise, um Schreckensbilder von Europa zu verbreiten und Russland positiv abzuheben. Präsident Putin bot Russland jüngst als Zuflucht für europäische Juden an, die vor Islamisten in Deutschland und anderswo fliehen müssten. "Wir sind bereit", sagte der Präsident.

Die häufigsten Desinformationen rechter Demagogen
Typ 1: Die Vergewaltigungs-"Meldung"
Behauptung: Flüchtlinge überfallen und vergewaltigen deutsche Frauen, oft auch minderjährige Mädchen

Verbreitung: Es ist das häufigste Gerücht, und verbreitet wird es über soziale Medien, über "unabhängige" Newsseiten und rechte Blogs. Immer wieder ist es auf den Demonstrationen von Pegida und Co. zu hören. Der AfD-Politiker Uwe Wappler verbreitete via Interview die Mär von der Vergewaltigung einer Zwölfjährigen - nur um kurz darauf dementieren zu müssen.

Wahrheitsgehalt: Die meisten dieser Nachrichten sind pure Erfindungen, wo auch immer man nachfragt, dementieren regionale Polizei und Medien entsprechende Behauptungen. Dokumentiert sind sexuelle Übergriffe in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten. Auch innerhalb von Flüchtlingsheimen gibt es bestätigte Fälle. Trotzdem: Das so geschürte Bedrohungsszenario basiert größtenteils auf Fantasien.

Das Perfide am Gerücht: Es bedient uralte Ängste. Jeder echte Fall - siehe Silvester - wird zur Legitimation der gestreuten Gerüchte.

Typ 2: Deutschland als Selbstbedienungsladen für Fremde
Behauptung: Flüchtlinge fallen in Massen in Supermärkte und Kaufhäuser ein und nehmen alles ungehindert mit, ohne belangt zu werden

Verbreitung: Zunehmend häufig. Mitte September kursierten Gerüchte über Kaufhausüberfälle unter anderem in Leipzig, Freital und Halberstadt. In Seehausen wurde angeblich ein Globusmarkt ausgeplündert. Die kleine, bundesweit verbreitete Variante: Asylbewerber füllten sich einfach Taschen mit Lebensmitteln, ohne dass Supermarktbetreiber eingriffen.

Wahrheitsgehalt: In den meisten Gemeinden ist durch den Zuzug von Flüchtlingen kein Effekt nachzuweisen, doch in einigen Kleingemeinden mit vielen Flüchtlingsunterbringungen sind die Ladendiebstahlsquoten gestiegen - meist proportional zur neuen Bevölkerungszahl. Bei den Gerüchten über Überfälle ist das Bild hingegen völlig eindeutig: Nicht nur die regionalen Polizeibehörden, mit Stand Januar 2016 dementierten auch ausnahmslos alle Betreiber von Märkten, über die so etwas verbreitet wurde, jedes einzelne der Gerüchte.

Das Perfide am Gerücht: Ähnlich wie die Behauptung, Flüchtlinge bekämen mehr Hilfen als Hartz-IV-Empfänger (eindeutig unwahr), appelliert dieses Gerücht auch an den Sozialneid der Schwächsten in unserer Gesellschaft. Es erklärt das Land zum "Selbstbedienungsladen" für Fremde. Die zahlreichen Dementis in der Lokalpresse werden mit weiteren steilen Behauptungen gekontert: Die deutsche Presse sei staatlich gelenkt und dürfe nicht berichten, die Kaufleute seien von Polizei/Politik eingeschüchtert und dürften die Wahrheit nicht sagen.

Typ 3: Die Sache mit den toten Tieren
Behauptung: Flüchtlinge stehlen Tiere und schlachten sie in archaischen Ritualen

Verbreitung: Überraschend häufig. Meist sind es Ziegen, die gestohlen, getötet und gegessen werden. In einem Fall sollen Flüchtlinge einen Streichelzoo überfallen haben (der Betreiber dementierte das lachend: Seinen Tieren gehe es prächtig). Auf einem Gestüt von Paul Schockemöhle sollen Flüchtlinge sich Fleisch in 700-Kilogramm-Portionen abgeholt haben - das Gerücht vom angeblichen Pferdediebstahl wurde umgehend (und erfolglos) dementiert.

Das Perfide am Gerücht: Die Legende lebt vom Spiel mit abschreckenden, anti-islamischen Ressentiments. So schürt die vermeintlich "bunte Meldung" den Alltagsrassismus, stellt Flüchtlinge als Primitive dar, von denen man seine Tiere in Sicherheit bringen muss. Ein Körnchen Wahrheit sorgt für die Glaubhaftigkeit der überzogenen Gerüchte: 2013 stahl ein deshalb verurteilter und ausgewiesener Flüchtling im rheinischen Lindlar eine Ziege. Es gibt keinen weiteren bekannten Fall dieser Art. Doch auch der Fall von "Schockemöhles Pferd" enthält ein Körnchen Wahrheit: Ebenfalls 2013 wurde ein Pferd, an dem Schockemöhle Anteile hielt, zeitweilig gestohlen gemeldet. Das Tier hatte sich in den Putzmittelraum des Gestüts verirrt, wurde dort gefunden und gerettet.

Typ 4: Bevorzugung von Flüchtlingen
Behauptung: Flüchtlinge würden Privilegien eingeräumt, die Deutsche nicht gewährt würden. Oder Deutschen würde etwas genommen, um es Flüchtlingen zu geben

Verbreitung: Häufig, in vielen Varianten. Legenden über die Finanzierung von Handykarten, überhöhte Geldzuwendungen, Versorgung mit Designermode gehören dazu. Fast ein Klassiker ist aber dieses Muster, das im Juli 2015 im rheinischen Euskirchen umging: Da wurde angeblich eine Kindertagesstätte geräumt, um Platz für Asylbewerber zu machen. Ein perfides Spiel mit dem Körnchen Wahrheit: Die Kindertagesstätte war übergangsweise in einer leerstehenden Schule untergebracht worden. Die Kitaleitung selbst empfand die Unterbringung dort als nicht geeignet und begrüßte die Auslagerung in moderne Container, als die Stadt Raum für rund 300 Flüchtlinge suchte - es war die preiswertere und bessere Möglichkeit für alle Beteiligten. Im Sommer 2016 zieht die Kita wieder um, in einen eigens erbauten Neubau. Ähnliche Gerüchte gibt es über Hotels (angeblicher Luxus) und Obdachlosenunterkünfte (fiktiv), wo sozial schwache Deutsche Flüchtlingen weichen müssten.

Wahrheitsgehalt: Minimal. Hotelunterbringungen gibt es, aber mit Luxus hat das sehr selten etwas zu tun - für die Besitzer schwach frequentierter, einfacher Hotels ist es eine willkommene Einkommensquelle. Die meisten Gerüchte sind frei erfunden.

Typ 5: Warum wir von all dem nichts erfahren
Behauptung: Polizei und Medien lügen, wenn es um Verbrechen von Flüchtlingen geht

Verbreitung: Auf jeder Pegida-Demonstration, im Kontext jeder Desinformation.

Das Perfide daran: Widerspruch ist zwecklos. Behauptet wird, die Politik lenke Polizei und Medien. Die berichteten nicht, weil sie nicht dürften. Und wenn sie etwas dementierten, dann wohl weil sie müssten. Selbst wenn sie wollten, könnten sie nicht. Und wenn sie doch berichteten, dann sei das gelogen. Außer, es nützt den Demagogen, dann stimmt es. Als hochgradig kontraproduktiv erwies sich das Verhalten von Polizei und Medien im Fall der Kölner Silvesternacht: Dass hier so spät und zögerlich berichtet wurde, befeuerte solche Verschwörungstheorien.

Wahrheitsgehalt: Es gibt sowohl bei Polizei als auch den Medien eine Zurückhaltung, wenn es um die Nennung von Ethnien und Nationalitäten geht, wenn diese mit dem Fall oder Geschehen nichts zu tun haben. Es soll Vorverurteilungen vermeiden. Ein "Schweigekartell" von Polizei und Medien gibt es so wenig wie eine wie auch immer geartete Lenkung. Wer so etwas glaubt, will es glauben.



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