S.P.O.N - Im Zweifel links Der Prozess des Herrn K.

Das Verfahren gegen den TV-Moderator Jörg Kachelmann war vieles - ein Justizskandal, ein quotenträchtiges Medienthema, vielleicht auch einfach die Geschichte unglücklicher Menschen. Eines war das Verfahren aber gewiss nicht: ein Kampf der Geschlechter.

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Das Strafverfahren soll den Schuldigen verurteilen und den Unschuldigen schützen, es soll frei von Willkür sein, und es soll vor der nächsten Instanz bestehen können. Manchmal fällt es dem Gericht schwer, diese drei Aufgaben zugleich zu erfüllen. Manchmal ist das unmöglich. Der Strafrechtslehrer Claus Roxin sagt: "Darum kann der Strafprozess auch nicht wie ein Pfeil geraden Weges das Ziel erreichen."

Der Strafprozess Jörg Kachelmanns hat weiß Gott keinen geraden Weg genommen, sondern einen krummen. Das biegt auch der Freispruch des Moderators nicht wieder gerade. Die Justiz in Mannheim hat nicht nur das Leben des Angeklagten zerstört. Sie hat den Rechtsfrieden in Deutschland beschädigt.

Einen Freispruch erster oder zweiter Klasse kennt das deutsche Rechtswesen nicht. Wenn das Gericht die Schuld eines Angeklagten nicht nachweisen kann, ist er unschuldig. Aber noch in der Begründung des Freispruchs wurde deutlich, wie schwer es der Mannheimer Strafkammer fielt, von diesem Angeklagten zu lassen, in den sich das Justizsystem verbissen hatte, wie lange nicht mehr in einen. Das Urteil beruhe nicht darauf, sagte der Richter, dass die Kammer von der Unschuld Kachelmanns oder einer Falschbeschuldigung durch das angebliche Opfer überzeugt sei.

Nicht einmal jetzt mochte dieses Gericht dem Angeklagten die Würde zurückgeben, die es ihm in den vergangenen neun Monaten genommen hat. Es lässt zähneknirschend von ihm, wie ein wildes Tier, das man von seiner Beute zerrt. Und der Angeklagte bleibt zurück, frei, aber fürs Leben beschädigt. Der Richter sagte in der Urteilsbegründung: "Wir entlassen den Angeklagten und die Nebenklägerin mit einem möglicherweise nie mehr aus der Welt zu schaffenden Verdacht - ihn als potentiellen Vergewaltiger, sie als potentielle rachsüchtige Lügnerin."

Was für eine Aussage eines Justizsystems, das seinen Angeklagten erst verschluckt, dann zerkaut und ihn am Ende lustlos wieder ausspuckt! Man hat Herrn K. in Mannheim den Prozess gemacht, wie Kafka einen beschrieben hat. Der Fall Kachelmann hat gezeigt, welche furchtbare Macht die Justiz sein kann und welch gefährliche Gewalt mögliche falsche Anschuldigungen entfalten können - gerade wenn es um Vergewaltigung geht. Bei welch anderem Vorwurf nähme man einen Mann nur aufgrund der Beschuldigung sogleich in Haft? Denn viel mehr als die Beschuldigung gab es ja bis zum Ende des Verfahrens nicht. Etwa jeder fünfte Vergewaltigungsvorwurf ist "zumindest sehr zweifelhaft", sagt die Kriminologin Monika Frommel.

Die Kammer in Mannheim musste das wissen und ließ dennoch nicht mehr Vorsicht walten. Sie trägt Verantwortung dafür, dass aus diesem Prozess ein Gefecht im Kampf der Geschlechter wurde. Aber die Kategorien des gesellschaftskritischen Feminismus greifen bei diesem Verfahren nicht. Das hier ist ein Justizskandal, vielleicht ein Medienthema. Und sonst die Geschichte unglücklicher Menschen. Mehr nicht.

Wir sollten uns vor einem moralischen Totalitarismus der Öffentlichkeit hüten. Es geht uns nichts an, ob Jörg Kachelmann eine Freundin hatte oder ein Dutzend. Es geht uns nichts an, ob er sie alle "Lausemädchen" nannte und ihnen die Ehe versprach. Die Spur der Verwüstung, die Jörg Kachelmann in seinem Leben zurückließ, geht uns nichts an. Unglückliche Menschen ziehen andere in ihr Unglück hinein. Aber der Mann war Wettermoderator, nicht Bundespräsident.

Und trotzdem wissen wir nun lauter private Dinge über ihn, die uns nichts angehen. Die ganze Verantwortung dafür tragen nicht die Medien. Man wird weder den Journalisten noch dem Publikum ihre Neugierde an diesem Fall vorwerfen können. Die Verantwortung liegt bei Gericht und Staatsanwaltschaft.

Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge machte dem berüchtigten Wort von der Staatsanwaltschaft als "Kavallerie der Justiz" alle Ehre und rechtfertigte sein Vorpreschen gegen den Angeklagten durch eine aggressive Öffentlichkeitsarbeit: Kachelmann saß gerade eine Woche in Haft, da wussten die Zeitungen schon, was das angebliche Opfer der Staatsanwaltschaft erzählt hatte. Und so ging es neun Monate lang weiter. Bis zu Oltrogges Plädoyer, das er in der Presse mit den Worten ankündigte, es würden neue "pikante Details" aus Kachelmanns Liebesleben enthüllt.

Für die Strafverfolger müssen andere Regeln gelten als für die Presse: "Litigation PR" wie Oltrogge sie betrieben hat, sollte der Staatsanwaltschaft unter allen Umständen verboten sein. Und Zeugen, die gegen Geld in Zeitungen aussagen, sollten vom Gericht sanktioniert werden. In Mannheim aber hat sich die Justiz um die Verhältnismäßigkeit des Verfahrens ebensowenig geschert, wie um den Grundsatz, dass eine "unnötige Bloßstellung" des Beschuldigten zu unterlassen sei. Staatsanwalt Oltrogge hatt schon vor dem Urteil angekündigt, im Fall eines Freispruchs in die Revision gehen zu wollen. Das baden-württembergische Justizministerium, das weisungsbefugt ist, sollte ihn stoppen: Dieser Mann schadet dem Recht.

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insgesamt 323 Beiträge
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Seite 1
janne2109 02.06.2011
1. jetzt
ist gut mit Kachelmann.
Königstiger87 02.06.2011
2.
Das ist der erste Beitrag von ihnen dem ich zustimmen kann. Es geht doch, warum nicht immer so.
loncaros 02.06.2011
3. t
Zitat von janne2109ist gut mit Kachelmann.
Nein, wir brauchen noch eine Verurteilung der Frau wegen falscher Anzeige und Falschaussage Und die Revisionsfrist ist ja nicht verstrichen.
shokaku 02.06.2011
4.
Zitat von sysopDas Verfahren gegen den TV-Moderator Jörg Kachelmann war vieles - ein Justizskandal, ein quotenträchtiges Medienthema, vielleicht auch einfach die Geschichte unglücklicher Menschen. Eines war das*Verfahren aber gewiss nicht:*ein Kampf der Geschlechter. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,766276,00.html
Da würde ich keine Wetten drauf abschliessen. Gibt zumindest LeutInnen die es genau dazu machen wollen. Wenn man sich ansieht, wie an allen Ecken und Enden nachgekartet wird eher unwahrscheinlich. Nach dem Urteil ist vor dem Urteil.
Juro vom Koselbruch 02.06.2011
5. Dem Präventivcharakter wurde dieser Vergwealtigungsprozess nicht gerecht
Zitat von sysopDas Verfahren gegen den TV-Moderator Jörg Kachelmann war vieles - ein Justizskandal, ein quotenträchtiges Medienthema, vielleicht auch einfach die Geschichte unglücklicher Menschen. Eines war das*Verfahren aber gewiss nicht:*ein Kampf der Geschlechter. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,766276,00.html
Nichts hat die Widerwärtigkeit und auch Hinterfotzigkeit der staatsanwaltlichen Vorgehensweise so demonstriert, wie der perfide Vorschlag, nach gefordertere Verurteilung wegen Vergwaltigung in das Strafmaß mildernd einfließen zu lassen, dass Kachelmanns Perönlichkeitsrechte massiv im Prozess verletzt worden seien. Ein Faktum, das nicht zuletzt die Staatsanwaltschaft selber zu verantworten hat. Zu so was gehört schon eine heftige Portion an Dreistigkeit. Über die Person Kachelmann hinaus wird dieser kapitale Justizskandal und auch das Verhalten der Klägerin aber weit schwerere Folgen nach sich ziehen. Dass es Vergewaltigungen gibt, ist Tatsache. Dass sie einem Mord an der Seele gleichkommen können, ebenfalls. Dass dieses Verbrechen in der Regel Männer Frauen zufügen, auch. Man kann diesem Verbrechen gerade auch als Mann eigentlich nur mit Abscheu begegnen. Und man kann berechtigt entsetzt sein, daran denkend, dass man mit einer unbegründeten Klage wegen Vergewaltigung sehr schnell und hilflos verbrannt werden kann als Mann. Es wird nicht wenige geben, die jetzt bei Vergwaltigungsprozessen sofort an Kachelmann denken oder ihn "ausschlachten", und dabei "übersehen", dass es eben Männer sind, die Frauen dieses Verbrechen antun und dass Frauen heute nach wie vor nach einem solchen Verbrechen oft nicht zu ihrem Recht und die Täter nicht zu ihrer Strafe kommen. Nicht alle Vergewaltigungsprozesse sind Kachelmannfälle, sondern "nur" die Minderheit.
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