Saarbrücken Alle Angeklagten im Pascal-Prozess freigesprochen

150 Prozesstage, 300 Zeugen - und keine Beweise für Mord oder Vergewaltigung des kleinen Pascal: Der Fall um den vermissten Jungen aus Saarbrücken ist einer der spektakulärsten der deutschen Rechtsgeschichte. Nun hat das Gericht alle Angeklagten freigesprochen - aus Mangel an Beweisen.


Saarbrücken - Einer der aufwendigsten Prozesse der deutschen Justizgeschichte ist zu Ende: Im Verfahren um den seit sechs Jahren verschwundenen Pascal hat das Landgericht Saarbrücken heute das Urteil gefällt und alle Angeklagten vom Vorwurf des Mordes und des Missbrauchs beziehungsweise der Beihilfe dazu freigesprochen. Lediglich die Hauptangeklagte Christa W. wurde zu einer einjährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt, weil sie mit Betäubungsmitteln gehandelt habe. Sie hatte für ihren Sohn Drogen ins Gefängnis geschmuggelt.

Nach dreijähriger Verhandlungsdauer sahen die Richter es nicht als erwiesen an, dass der damals Fünfjährige im September 2001 im Hinterzimmer einer Kneipe von mehreren Angeklagten vergewaltigt und getötet wurde. Der Vorsitzende Richter Ulrich Chudoba sagte in der Urteilsbegründung: "Der Verdacht bleibt, aber auf Verdacht hin darf niemand verurteilt werden." Er halte es "durchaus für möglich", dass sich das Geschehen so abgespielt habe wie von der Staatsanwaltschaft dargestellt. Den Angeklagten sei aber weder Schuld noch Unschuld nachgewiesen worden.

Bereits im Juni 2006 hatte das Gericht wegen Zweifeln am Mordvorwurf die Haftbefehle gegen alle Angeklagten ausgesetzt. In fast 150 Verhandlungstagen waren knapp 300 Zeugen vernommen worden. Klare Beweise gegen die Beschuldigten kamen während des Mammutprozesses nicht zu Tage.

Pascal verschwand am 30. September 2001 mit seinem Fahrrad in Saarbrücken-Burbach. Er soll mit Süßigkeiten in die nahe gelegene "Tosa-Klause" gelockt und von vier Männern vergewaltigt worden sein. Einer der Täter soll gemeinsam mit der Wirtin der Aushilfe Andrea M. befohlen haben, das schreiende Kind mit einem Kissen ruhig zu stellen. Andrea M. hatte die Tötung zunächst gestanden, später aber ihre Aussage widerrufen. Für sie hatte Oberstaatsanwalt Josef Pattar eine Haftstrafe von 14 Jahren und neun Monaten gefordert und eine Unterbringung in der Psychiatrie beantragt.

Staatsanwalt forderte lebenslang, Verteidigung Freispruch

Andrea M. und Dieter S. sollen die Leiche des Kindes in einen blauen Müllsack gelegt und gemeinsam mit der Wirtin zu einer Kiesgrube im nahe gelegenen Forbach (Frankreich) gebracht haben. Sie wurde bei den Suchaktionen nicht gefunden. Die Wirtin war zeitweise Vormund von Andrea M. und Pflegemutter von deren 1995 geborenem Sohn. Dieser hatte Anfang 2002 das Verfahren ins Rollen gebracht, nachdem seine Betreuer bei ihm sexuellen Missbrauch vermutet hatten. Einigen Angeklagten wurde auch Kindesmissbrauch an diesem Jungen und einem zehnjährigen Mädchen vorgeworfen.

Die Staatsanwaltschaft hatte in ihren Plädoyers für fünf Hauptangeklagte lebenslange Freiheitsstrafen wegen Mordes und Missbrauchs gefordert. Weitere sechs Angeklagte sollten für mehrere Jahre ins Gefängnis. Nur im Fall eines 39 Jahre alten Mannes, der der Beihilfe zum sexuellen Missbrauch beschuldigt wurde, plädierte die Staatsanwaltschaft aus Mangel an Beweisen auf Freispruch.

Die Verteidiger hatten hingegen Freisprüche und die Feststellung der Unschuld ihrer Mandanten gefordert. Außerdem hatten sie die Ermittlungsarbeit der Behörden kritisiert. Es fehlten "jegliche objektive Beweise", hatte einer der Verteidiger gesagt.

ffr/AFP/dpa/AP/ddp



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