Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Untersuchungsbericht: NSU-Terroristen überfielen schon 1998 Supermarkt

Die Ermittler gingen zunächst davon aus, dass die Zwickauer Terrorzelle im Herbst 1999 mit ihrer Serie von Raubüberfällen begann. Doch laut einem Untersuchungsbericht des sächsischen Innenministeriums steht nun fest: Bereits 1998 erbeuteten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos 30.000 Mark.

Rechtsterrorist Uwe Böhnhardt (vermutlich 2009): Erster Raubüberfall im Jahr 1998 Zur Großansicht
dapd / BKA

Rechtsterrorist Uwe Böhnhardt (vermutlich 2009): Erster Raubüberfall im Jahr 1998

Dresden - Die Überfallserie der Neonazi-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hat noch im Jahr ihres Untertauchens 1998 begonnen. Das sächsische Innenministerium bestätigte in seinem am Mittwoch bekannt gewordenen Abschlussbericht an den Innenausschuss des Landtags erstmals, dass auch ein Raubüberfall am 18. Dezember 1998 auf einen Edeka-Markt in Chemnitz auf das Konto der Rechtsterroristen geht. Dies habe ein Spurenabgleich ergeben. Über die Vermutung, der Raub gehe auf das Konto von Böhnhardt und Mundlos, hatte der SPIEGEL bereits Ende April berichtet.

Zuvor waren die Ermittler davon ausgegangen, dass Böhnhardt und Mundlos erst im Oktober 1999 den ersten mehrerer Raubüberfälle begingen, um mit der Beute ihr Leben im Untergrund zu finanzieren. Nach Angaben von LKA-Präsident Jörg Michaelis betrug die Beute seinerzeit rund 30.000 D-Mark. Es seien zwei Schüsse abgefeuert worden, dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) habe die Tat durch später gefundene Patronenhülsen zugeordnet werden können.

Böhnhardt und Mundlos sind inzwischen tot. Gemeinsam mit ihrer Komplizin Beate Zschäpe - alle stammen aus Jena - sollen sie die Terrorgruppe NSU gebildet haben, die für zehn Morde verantwortlich gemacht wird. Opfer waren neun Menschen mit ausländischen Wurzeln und eine Polizistin. Gut 13 Jahre lang konnten die Rechtsterroristen unerkannt in Deutschland leben - vor allem in Sachsen.

Sachsen sieht keine eigenen Versäumnisse bei NSU-Ermittlungen

Die Schuld dafür sieht der Freistaat aber nicht bei sich. Nach heutigem Wissen seien "keine Versäumnisse innerhalb des polizeilichen Handelns zu erkennen", heißt es in dem Bericht des Innenministeriums. Dem Verfassungsschutz wird darin attestiert, dass er von den Thüringer Behörden "nur unvollständig informiert" wurde. Es sei "nicht ersichtlich", dass er "erfolgversprechende Maßnahmen" unterlassen habe.

Eingeräumt wird im 23-seitigen Papier lediglich der mangelnde Informationsaustausch auch unter sächsischen Sicherheitsbehörden. Als Konsequenz wird deshalb eine engere Zusammenarbeit befürwortet.

Am Donnerstag soll im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags BKA-Präsident Jörg Ziercke befragt werden. Er wird sich vor allem der Frage stellen müssen, warum das Bundeskriminalamt nicht die zentralen Ermittlungen an sich gezogen hat. Das BKA hatte nach Angaben seines früheren Vize-Präsidenten Bernhard Falk bereits 2006 darum gebeten - das Bundesinnenministerium und die Länder lehnten das aber wohl ab. Außerdem solle Ziercke Stellung beziehen, warum die Behörde keinem möglichen rechtsradikalen Hintergrund nachging.

wit/dpa

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: