Prozess gegen Zwangsprostituierte: Kein Opfer mehr

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Vor 20 Jahren wurde Mandy Kopp in Leipzig gemeinsam mit anderen Mädchen zur Prostitution gezwungen. In dem Richter, der ihren Zuhälter verurteilte, will sie einen Freier erkannt haben. Nun muss sich Kopp selbst vor Gericht verantworten: wegen Verleumdung.

Mandy Kopp im Amtsgericht Dresden: Vorwurf der Verleumdung Zur Großansicht
dapd

Mandy Kopp im Amtsgericht Dresden: Vorwurf der Verleumdung

Zwischen Mandy und Beatrice kam es vor 20 Jahren zu einem Streit, er eint sie bis heute. Damals arbeiteten die beiden Mädchen in der Merseburger Straße 115 in Leipzig, sie waren 16 Jahre alt und nicht freiwillig im "Jasmin": Sie wurden in dem Kinderbordell zu Sex gezwungen.

In der Weihnachtszeit 1992 streiten sich die beiden um "Ingo", einen der Freier, der bei den Mädchen offenbar für seine großzügige Bezahlung bekannt war. Erst war er Stammkunde bei Beatrice, dann wechselt er zu Mandy. Tagelang sprechen die Mädchen nicht miteinander. Jahrzehnte später werden die Frauen dem "Zeit Magazin" von ihrem Streit berichten.

Am Donnerstag ging der Prozess gegen Mandy Kopp und Beatrice E. in die nächste Runde, Amtsgericht Dresden, Saal 11.8. Die Staatsanwaltschaft wirft den Frauen Verleumdung vor. Sie wollen auf Fotos hochrangige Justizbeamte als ehemalige Freier wiedererkannt haben - darunter auch "Ingo". Kopp und E. sind sich sicher, dass es sich bei ihm um Jürgen N. handelt, ehemaliger Vizepräsident des Leipziger Landgerichts, heute Anwalt in München. Er tritt als Nebenkläger auf.

Milde Strafe für den Zuhälter

Ende Januar 1993 stürmen Polizisten das Kinderbordell "Jasmin" und nehmen den Betreiber Martin K. fest, einen ehemaligen Boxer. Ein Jahr später wird ihm der Prozess gemacht: Das Gericht verurteilt K. unter anderem wegen Förderung der Prostitution und sexuellen Missbrauchs von Kindern zu vier Jahren Haft. Eine milde Strafe, sagen Experten. Der Richter in dem Prozess ist Jürgen N.

K. behauptet bei einer Vernehmung im Mai 2000, es habe einen Deal zwischen seiner Anwältin und dem Gericht gegeben: Wenn er nicht zu den Freiern aussage, bekomme er eine mildere Strafe. Später widerruft er die Aussage. Ein Ermittlungsverfahren gegen Richter N. wegen Strafvereitelung wird eingestellt. "Das Urteil war ein großes Entgegenkommen, aber gerade noch vertretbar", sagt N. dem "Zeit Magazin".

Zwischen Juni 1992 und Januar 1993 schaffen acht Kinder und Jugendliche von 13 bis 19 Jahren teilweise unter Zwang im "Jasmin" an. Mandy Kopp war von Zuhause abgehauen und durch den Hinweis eines Bekannten in der Merseburger Straße gelandet, K. betreibe dort eine Art Mädchen-WG, hatte man ihr gesagt. Sie trinkt eine Cola, wird bewusstlos, wacht auf, will fliehen, wird geschlagen und vergewaltigt, sagt Kopp dem "Zeit Magazin".

Wer die "Jasmin"-Freier waren, interessierte nach der Schließung des Bordells niemanden, in den Vernehmungsprotokollen der Mädchen finden sich keine Aussagen dazu, auch im Prozess gegen K. spielten sie keine Rolle.

Im "Sachsensumpf"

Dass die Frauen Jahrzehnte später überhaupt noch einmal zu ihrer Zeit im "Jasmin" befragt wurden, hängt mit dem sogenannten Sachsensumpf zusammen; eine bis heute ungeklärte Affäre, in der es um dubiose Immobiliengeschäfte sowie zweifelhafte Gerichtsurteile geht - und um mögliche Kinderprostitution. Im Mai 2007 gelangten Akten des sächsischen Verfassungsschutzes zum "Sachsensumpf" an die Presse. Namen, die in diesem Zusammenhang auftauchen: N., "Jasmin".

Journalisten gehen den Hinweisen nach, befragen auch Mädchen, die im Bordell anschafften, legen ihnen Fotos vor. Drei Frauen identifizieren Richter N.; zwei Norbert R., ehemaliger Staatsanwalt in Leipzig und heute Präsident eines sächsischen Landgerichts. Damit bestätigen sich die Informationen, die in den Akten des Verfassungsschutzes vermerkt waren.

Auch die Staatsanwaltschaft Dresden befragt 2008 erneut ehemalige "Jasmin"-Mitarbeiterinnen. Die meisten von ihnen sagen: nichts. Doch Kopp identifiziert erneut Richter N. als ehemaligen Kunden. Sie habe ihn zwar schon während des Prozesses gegen den Zuhälter K. wiedererkannt, "doch wer hätte mir das geglaubt?" Beatrice E. gibt an, während der Verhandlung 1994 nur einen bestimmten Punkt im Saal fixiert und niemanden angesehen zu haben. "Ich weiß, das glaubt mir heute keiner, aber so war's", sagt sie dem "Zeit Magazin".

Tatsächlich misstraut die Staatsanwaltschaft den Aussagen von Kopp und E., die Beschuldigten N. und R. bestreiten die Vorwürfe. Ende April 2008 werden die Ermittlungsverfahren gegen sie eingestellt, die Männer bekommen Schmerzensgeld vom Freistaat Sachsen. Im November 2008 werden die Frauen wegen Verleumdung angeklagt.

Dass die Frauen Richter N. als "Ingo" erkannt haben wollen, kann dieser sich nicht erklären. Die Beschreibung treffe nicht auf ihn zu, zudem sei er geizig, sagte er dem "Zeit Magazin". "Sie lügen."

Nun also stehen die Frauen vor Gericht. Der Prozess gegen sie begann am 6. März dieses Jahres. Einer Einstellung des Verfahrens stimmten Kopp und E. nicht zu, sie wollen einen Freispruch. Sie werde alles daransetzen, dass sie recht bekomme, sagte Kopp dem "Zeit Magazin". Sie habe nicht vor, ihr Leben lang Opfer zu bleiben.

aar

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