Säugling vor Babyklappe: Geboren, ausgesetzt, gestorben

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Ein zerschnittenes Frotteetuch, ein Hemdchen, eine Jutetasche: Die Mutter gab ihrem Sohn nur wenig mit - dann legte sie ihn vor einer Babyklappe in Hannover ab. Der Säugling starb. Nun untersucht die Polizei, ob das Rettungssystem defekt war.

Hannover - "Hier sind die kleinen Preise drin." Es ist eine ganz normale Jutetasche, gekauft in einem Plus-Markt, irgendwo in Deutschland. Sie ist blutverschmiert.

In den Beutel legte eine Frau ihr Neugeborenes, die Nabelschnur war noch nicht abgetrennt. Ob der kleine Junge zu dem Zeitpunkt schon tot war oder noch gelebt hat, ist noch unklar. Fest steht nur: Der kleine Junge, der gestern vor einer Babyklappe in Hannover gefunden wurde, war erst wenige Tage alt. Nach seiner Geburt hat er gelebt, die Polizei geht davon aus, dass er 2008 geboren wurde, wohl in den ersten Stunden des Jahres." Das war ein kerngesunder, lebensfähiger Junge", sagt Olaf Bode, Sprecher der Polizei Hannover, SPIEGEL ONLINE.

Ein Krankenpfleger des Friederikenstifts hatte den toten Säugling gestern Mittag entdeckt, er wollte seiner Freundin an seinem freien Tag die Babyklappe zeigen. Die Tür mit der Klappe liegt versteckt, sie kann von der Straße nicht eingesehen werden. Bäume schirmen die Treppe ab, die zu ihr hinabführt. Mütter, die sich entscheiden, ihr Neugeborenes anonym abzugeben, sollen nicht die Blicke von Passanten fürchten. Deshalb ist der Zugang auch nicht videoüberwacht. Erst wenn die Klappe geöffnet und ein Baby hineingelegt wird, werden Bilder aufgenommen und an eine zentrale Überwachungsstelle nach Hamburg geschickt. Von dort wird die jeweilige Klinik informiert. Doch soweit kam es nicht. Die Jutetasche mit der Leiche des Kleinen lag am Treppenende, vor der Klappe. Warum wurde die lebensrettende Einrichtung nicht genutzt?

Die Staatsanwaltschaft ermittelt - wegen fahrlässiger Tötung

Eine bebilderte Bedienungsanleitung klebt an der Glastür und beschreibt, wie genau das System funktioniert. In der Tür selbst liegt ein Informationsblatt mit den Nummern, an die sich die Frau wenden kann, sollte sie das Kind später doch zurückwollen. Auch ein Stempelset liegt in der Klappe - um einen Abdruck vom Fuß des Kindes zu machen. Mit dem können sich Mütter für diesen Fall später eindeutig ausweisen.

Ob der kleine Junge in der kalten Nacht auf der Treppe erfroren oder verhungert und verdurstet ist, können die Ermittler nicht eindeutig feststellen. "Wahrscheinlich war beides todesursächlich", sagt Bode. Hinweise auf Gewalteinwirkungen hat die Obduktion nicht ergeben. Auch gibt es keine Indizien, dass das Baby absichtlich neben die Klappe gelegt worden ist, um es erfrieren zu lassen. Die Polizei geht vielmehr davon aus, dass der Säugling gefunden werden sollte. Die Staatsanwaltschaft Hannover hat Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet.

Denkbar ist auch, dass derjenige, der den Säugling abgelegt hat, die Bedienungsanleitung nicht verstanden hat - oder aber die Babyklappe geklemmt und nicht funktioniert hat. Entsprechende Untersuchungen werden heute durchgeführt. "Das Ergebnis erwarten wir in den nächsten Tagen", sagt Bode. "Allerdings gibt es derzeit keine Hinweise, dass die Klappe kaputt war. Es handelt sich um eine Routineuntersuchung."

Eine "allerletzte Instanz"

Die Babyklappe am Friederikenstift wurde im März 2001 eingerichtet. Träger der Einrichtung sind die evangelische Landeskirche und das Diakonische Werk. Dort spricht man lieber vom "Babykörbchen" als von der "Babyklappe" - weil das weniger nach Abschieben klinge. Das Angebot ist nur eines von vielen zur Unterstützung Hilfe suchender Schwangerer. "Wir sehen das Körbchen als allerletzte Instanz, die nur dann greifen soll, wenn andere Angebote ausgereizt sind", sagte eine Mitarbeiterin des Diakonischen Werks SPIEGEL ONLINE. Bislang wurden sieben Babys in die Klappe gelegt - ein weiteres in der Nähe an einem Fahrradständer gefunden. Alle Kinder leben heute entweder wieder in ihren Familien oder wurden adoptiert.

Babyklappen gibt es in Deutschland seit dem Jahr 2000, bundesweit sind es insgesamt rund 80. Der Erfolg der Einrichtungen ist nicht unumstritten. Die Kinderhilfsorganisation Terres des Hommes lehnt die Klappen ab. "Nach unserer Überzeugung wird kein Kind durch eine Babyklappe gerettet", sagt Sprecher Bernd Wacker SPIEGEL ONLINE. "Das ist eine Illusion, von der man sich verabschieden muss." Laut einer Studie der Organisation bleibt die Zahl der Kinder, die ausgesetzt oder direkt nach der Geburt getötet werden, seit Jahren konstant - trotz Babyklappe.

Die Organisation fürchtet, dass schwangere Frauen durch die Klappen dazu gebracht würden, zu Hause zu gebären, ohne die Risiken einer Geburt ohne ärztliche Betreuung zu bedenken. Außerdem hätten die Kinder später keine Chance, etwas über ihre Herkunft zu erfahren. Befürworter halten dagegen, dass es bundesweit keine gesicherte Statistik zum Thema gibt und die Klappen für viele verzweifelte Mütter der letzte Ausweg seien.

Noch völlig unklar ist für die Experten ein neuer Fall in Karlsruhe: Dort wurde ein toter Säugling in einer Babyklappe gefunden. Das erst wenige Stunden alte und in ein Leintuch gewickelte Mädchen hatte nach Auskunft des Notarztes keine äußeren Verletzungen. Die Kriminalpolizei hat Ermittlungen wegen Totschlags aufgenommen.

Im Fall des in Hannover ausgesetzten Babys fehlt den Ermittlern bislang jede Spur. Klarheit erhoffen sie sich durch das Tuch, in das der Säugling gehüllt war. Das beigefarbene Frotteetuch hatte einen prägnanten Aufdruck: Es zeigt einen Fußball spielenden Schlumpf.

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