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Säuglingstötungen: Unerreichbar einsam

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Wald im Berliner Stadtteil Hellersdorf: Entsetzen nach Leichenfund Zur Großansicht
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Wald im Berliner Stadtteil Hellersdorf: Entsetzen nach Leichenfund

Zwei tote Säuglinge wurden innerhalb weniger Tage in Berlin gefunden. Jetzt wird gerätselt: Waren es wieder Mütter, die ihre eigenen Kinder umbrachten? Steigt die Zahl der Gewalttaten gegen Neugeborene? Nein, sagen Experten. Aber Partner und Ärzte sollen endlich mehr Verantwortung übernehmen.

Irgendjemand muss den kleinen Jungen abgenabelt haben. Ihm den blauen Strampler angezogen und das bunte Handtuch umgewickelt haben. Irgendjemand hat den Körper dann in eine Plastiktüte getan und sie in der Nähe eines Sees neben einem Baum abgelegt.

Ein Hund spürte die Leiche am Dienstagnachmittag in einem Park im Berliner Ortsteil Hellersdorf auf, sein Frauchen alarmierte die Polizei. Die Obduktion ergab: Der Junge wurde lebend zur Welt gebracht und später getötet. Das Entsetzen in der Plattenbausiedlung war groß.

Erst am Freitag hatten Mitarbeiter einer Entsorgungsfirma im Stadtteil Neukölln in einem Altkleider-Container eine Babyleiche gefunden. In beiden Fällen fehlt von den Müttern jede Spur.

Die Reflexe waren ebenso heftig wie vorhersagbar: Zwei tote Kinder in so kurzer Zeit - haben wir es mit einer drastischen Zunahme solcher Delikte zu tun? Waren hier gar Nachahmungstäter am Werk? Bei der Berliner Staatsanwaltschaft winkt man ab: "Das ist nur Zufall", sagt deren Sprecher Martin Steltner.

"Nachahmungseffekte sind bei Neugeborenentötungen sehr unwahrscheinlich", betont auch Rechtswissenschaftlerin Theresia Höynck, die seit Jahren über Mütter forscht, die ihre Kinder nach der Geburt umbringen oder durch Vernachlässigung sterben lassen. "Das würde voraussetzen, dass die Frauen planvoll handeln. Das tun sie aber nicht. Die Mehrzahl ist panisch und hektisch, versucht, das Kind so schnell wie möglich loszuwerden, um das alte Leben wieder aufzunehmen, so als wäre nichts gewesen."

Auch der Eindruck, dass die Zahl der Säuglingstötungen bundesweit zunimmt, scheint durch nichts belegenbar, auch wenn schon am Donnerstag der nächste Fall folgte: Ein Mann entdeckte eine Babyleiche in einem Einkaufskorb, der in der Donau trieb. "Alles spricht gegen den Eindruck, dass die Häufigkeit ansteigt", sagt Höynck.

Tatsächlich geben die verfügbaren Zahlen wenig her: Zwar berichtet "Terres des Hommes" von einer deutlichen Steigerung. Demnach wurden im vergangenen Jahr 27 tote Neugeborene entdeckt, während es 2011 noch 16 gewesen seien. Das Kinderhilfswerk beruft sich aber ausschließlich auf Medienberichte, die nicht alle polizeibekannten Fälle aufgreifen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik wiederum unterscheidet bei den Erhebungen nicht zwischen Säuglings- und Kindstötung, ist mithin für Neugeborenen-Tode nicht aussagekräftig.

Wie blind muss ein Partner sein?

Auch über die Motive der Mütter, die zu solchen Taten fähig sind, wird weiter gerätselt. Es sind Frauen wie Annika H. aus Husum, die fünf Schwangerschaften verheimlichte, fünfmal Wehen allein durchlebte, fünf Kinder gebar und sie alle tötete. Einem Säugling stopfte sie Blätter in den Mund, wodurch er erstickte. Ein anderes Baby erstach sie mit einer Schere. Vor drei Wochen wurde sie wegen fünffachen Totschlags zu neun Jahren Haft verurteilt.

"Ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich allein bin und viele Sachen nur mit mir ausmachen konnte", sagte sie vor Gericht und offenbarte damit, was fast alle Täterinnen vereint: Sie sind isoliert, kommunizieren nur eingeschränkt mit ihren Partnern oder Angehörigen, nehmen keine Hilfe in Anspruch und fordern sie auch nicht ein.

Wie einsam muss eine Frau sein, die heimlich ein Kind zur Welt bringt, es tötet und im Keller versteckt, um kurz darauf wieder neben ihrem Mann vor dem Fernseher zu sitzen? Wie blind muss ein Partner sein, wenn er die Schwangerschaft nicht bemerkt, von der Entbindung nichts mitbekommt, sich nicht schert um Verhütung?

"Es wäre vermessen, solche Formen der Unaufmerksamkeit pauschal zu verurteilen", warnt Theresia Höynck. "Man sollte nicht unterschätzen, wie glaubhaft einige Frauen ihre Schwangerschaft verheimlichen." Und wie unfassbar wenig manche Mütter selbst wahrnehmen. Der Berliner Arzt Jens Wessel untersuchte mit Kollegen in den neunziger Jahren an mehreren Krankenhäusern das Phänomen: Der Studie zufolge blieb immerhin eine von 2455 Geburten bis zur Entbindung völlig unbemerkt. Bis zum fünften Monat ahnungslos erwies sich demnach eine von 475 Schwangeren.

Zweifel an Babyklappen

Immer wieder berichteten Ärzte und Hebammen zudem, dass bei nicht gewollten Schwangerschaften deren äußere Merkmale geringer ausfallen. "Häufig sind Frauen betroffen, die ohnehin Gewichtsschwankungen oder einen unregelmäßigen Zyklus haben und deshalb lange Zeit keine Schwangerschaft in Betracht ziehen", so Höynck.

Fast immer geht eine Negierung der Schwangerschaft den schrecklichen Taten voraus. Professorin Anke Rohde von der Universitätsfrauenklinik in Bonn beobachtet verschiedene Formen - von der bewussten Verheimlichung bis zur vollständigen Verleugnung. Frauen, die hartnäckig verdrängen, dass sie ein Kind erwarten, gehen nicht zum Arzt, besuchen keine Hilfseinrichtungen.

"Deshalb zweifeln etliche Fachleute, dass Maßnahmen wie die Babyklappen, die anonyme Geburt oder demnächst die vertrauliche Geburt diese Frauen erreichen", sagt Rohde.

"Erstaunlich, wie dickfellig Männer sein können"

Im vergangenen Monat beschloss das Kabinett einen Gesetzentwurf von Familienministerin Kristina Schröder (CDU), der die "vertrauliche Geburt" regeln soll: Demnach sollen Frauen, die eigentlich unerkannt entbinden wollen, in der Klinik ihre persönlichen Daten in einem versiegelten Brief hinterlegen, damit das Kind später Zugriff auf die Identität der Mutter hat.

Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja, ebenfalls CDU, kritisierte Schröder für den Vorstoß. Er favorisiert weiter die anonyme Geburt und will möglichst bald im Vivantes-Klinikum Friedrichshain die fünfte Babyklappe Berlins einrichten.

Czaja wies auch ausdrücklich darauf hin, dass in Fällen der Tötung von Neugeborenen zu selten der Blick auf die Mitverantwortung der Väter gerichtet werde. "Es ist schon erstaunlich", sagt auch Gutachterin Rohde, "wie dickfellig und unsensibel Männer sein können, wenn sie noch kurz vor der Entbindung Sex haben mit ihrer Partnerin und nichts bemerken."

Mehr als die Rolle der Partner erschüttert Rohde die Erfahrung, dass manche Ärzte versagten, wenn eine Betroffene im späten Stadium der Schwangerschaft noch um Hilfe bitte: "Außer der Feststellung der Schwangerschaft, Aushändigung von Infomaterial und der Aufforderung, eine Woche später wiederzukommen, passiert oft nichts. Da weiß man hinterher ganz genau, dass die Chance verpasst wurde, das Leben des Kindes und die Zukunft der Mutter zu retten."

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