Säure-Anschlag auf Moskauer Ballett-Direktor: "Ich bete um Sergejs Augenlicht"

Von , Moskau

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Sergej Filin hatte keine Chance, dem Angriff zu entkommen: Der Balletchef des weltberühmten Moskauer Bolschoi-Theaters wurde mit Säure übergossen, er erlitt schwere Verletzungen. Womöglich zeigt die Tat, wie es hinter den Kulissen zugeht: Das Theater hat eigene Mitarbeiter im Verdacht.

Moskau - Der Angreifer hatte sich nicht zu erkennen gegeben, als er Sergej Filin kurz vor Mitternacht auf einem Moskauer Hinterhof Säure über den Kopf goss. Er habe sich von hinten genähert, so gab Sergej Filin, künstlerischer Leiter der Ballett-Truppe des weltberühmten Bolschoi-Theaters, den Polizisten später zu Protokoll, und habe dann seinen Namen gerufen.

Filin war auf dem Heimweg von einem Empfang gewesen. Als er seinen Namen hörte, hatte er sich umgedreht. Ob es ein Bekannter war, der den Anschlag auf ihn verübte, vielleicht sogar ein Kollege oder ein angeheuerter Handlanger, konnte er nicht sagen, nachdem er ins Krankenhaus gebracht worden war. Der Angreifer war vermummt.

Die Attacke auf Filin hat die russische Hauptstadt schockiert. Das Bolschoi ist die Bühne der Nation. Hier wurde Wladimir Lenins Tod verkündet, hier hielt die Kommunistischen Partei der Sowjetunion ihre Parteitage ab. Noch heute ziert Russlands 100-Rubel-Scheine ein Bild des Prunkbaus, der nach einer sechs Jahre dauernden und rund 900 Millionen Euro teuren Generalsanierung erst vor gut einem Jahr wiedereröffnet worden war.

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Bolschoi-Ballettchef: Die Karriere des Sergej Filin

Verdacht fällt auf Mitglieder des Hauses

Ballett ist in Russland keine Nischenkunst wie im Westen, die Solotänzer des Bolschoi-Theaters sind landesweit bekannte und gefeierte Stars. Filin ist einer von ihnen. Mit sieben Jahren schon fing er zu tanzen an, mit 18 trat er in die Truppe des Bolschoi ein. Zwei Jahrzehnte tanzte er den Siegfried in Tschaikowskys Schwanensee oder den Nussknacker. 2011 dann, das Bolschoi war gerade mit einem Sexskandal in den Schlagzeilen, wurde er künstlerischer Leiter.

Seit Wochen schon habe er "regelmäßige Drohanrufe bekommen", berichtet Filin nun aus dem Krankenhaus. Sein Facebook-Konto sei vor kurzem gehackt worden, man habe versucht, ihn bei der Theaterleitung zu diskreditieren, am Donnerstagmorgen dann stachen Unbekannte die Reifen seines Wagens platt.

Selbst die Pressestelle des Bolschoi-Theaters hat die eigenen Angestellten im Verdacht. "Ich habe immer gehofft und glauben wollen, dass Theater-Leute über ein Mindestmaß an Moral verfügen", so Bolschoi-Sprecherin Nowikowa. Allen sei aber völlig klar, wer eine "solch ungeheuerliche Tat" verüben könne: "Das sind vermutlich Leute, die den Posten des künstlerischen Leiters selbst besetzen wollen."

Auch von einem "Krieg um Rollen" ist am Bolschoi die Rede.

So berühmt die Spektakel auf Moskaus Bühne Nummer 1 sind, so berüchtigt sind auch die Dramen, die sich abseits des Rampenlichts abspielen. Mit 200 Tänzern unterhält das Haus die größte Balletttruppe der Welt. Deren Mitglieder schweigen meist lieber auf die Frage nach dem Verhältnis zu den Kollegen. Antworten sie doch, ist oft die Rede von zu wenig Aufführungen und zu vielen Solisten. "Wir kämpfen um jeden Auftritt", berichtet eine Ballerina, das fördere keine Freundschaft, sondern Rivalitäten.

Nicht immer werden diese Fehden mit fairen Mitteln ausgefochten. Im März 2011 musste Gennadi Janin das Theater verlassen. 16 Jahre hatte er am Bolschoi getanzt, war zum "Leiter der Balletttruppe" aufgestiegen, ein Knochenjob, wie er dem SPIEGEL damals gestand. Er sei sich vorgekommen "wie ein Kutscher, der mehrere Pferde lenken muss - und alle rasen in unterschiedliche Richtungen", sagte Janin.

Er fiel einer Intrige zum Opfer. Jemand hatte Aufnahmen von ihm beim Sex mit Männern ins Internet gestellt und den Link an 3847 Empfänger verschickt. Janins Demission habe das Ensemble nicht mit Trauer, sondern mit Freude aufgenommen, notierte die Moskauer Tageszeitung "Moskowskij Komsomolez" damals.

"Weiterhin das Publikum erfreuen und bezaubern"

Filins Mutter und seine Ehefrau, auch sie eine Balletttänzerin, harren bei dem Verletzten im Krankenhaus aus. Sie hätten einen Verdacht, wer hinter dem Anschlag stehe, den Namen wollen sie den Ermittlern nennen.

Filin hat schwere Verätzungen im Gesicht erlitten, die Ärzte wollen ihn in eine Spezialklinik in Belgien verlegen. Teile der Kopfhaut sind verätzt, womöglich muss Filin in Zukunft Perücke tragen. Die Säure hat auch die Augen angegriffen, seine Sehkraft beträgt nur noch 40 Prozent. "Ich bete, dass er sein Augenlicht nicht verliert", sagt Mutter Natalia.

Die öffentliche Anteilnahme ist groß. Kulturminister Wladimir Medinskij übermittelte dem Patienten öffentlich Genesungswünsche, Premierminister Dmitrij Medwedew versprach "ernsthafteste Strafen" für die Verantwortlichen. Er hoffe aber, der Vorfall werde sich "nicht auf die Atmosphäre im Bolschoi auswirken und dass die Künstler weiterhin das Publikum erfreuen und bezaubern".

Tiefer als der Regierungschef stieg da schon seine eigene Pressesprecherin Natalia Timakowa in die Ursachenanalyse ein und verurteilte nicht nur die Tat - sondern auch "alle, die Hass um das Bolschoi gesät haben".

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