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Salafist Murat K. vor Gericht: "Ein bisschen dumm"

Von , Bonn

Er nahm Drogen, prügelte sich, überfiel Kioske - dann entdeckte Murat K. den fundamentalen Islam. Bei einer Pro-NRW-Kundgebung im Mai griff der Salafist zwei Polizisten an. Vor Gericht verteidigt er sich nun.

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dapd

Murat K. vor Gericht: "Das Problem ist, dass ihr den Islam nicht respektiert"

Auf die Frage des Richters, ob er das Küchenmesser eingesteckt habe, weil er damit Polizisten habe angreifen wollen, sagt der Angeklagte: "Wenn das mein Ziel gewesen wäre, hätte ich ein längeres, schärferes Messer mitgenommen." Nein, er trage schon seit Jahren stets eine solche Waffe bei sich. Der Richter zögert einen Moment und murmelt dann: "Ich glaube, das war scharf genug." Da sagt Murat K.: "Für mich nicht."

Es gibt einige solcher Momente frappierender Unverstelltheit in dem Verfahren gegen den Salafisten Murat K. Selbst die 3. Große Strafkammer des Landgerichts Bonn scheint einigermaßen irritiert, wie der Angeklagte zu Beginn des Verfahrens schwadroniert, wie vorbehaltlos er zu seiner Attacke steht und dem Staatsanwalt tatsächlich noch zuruft: "Ich fürchte mich nicht vor Strafe oder Abschiebung. Ich lüge nicht."

Der 26-Jährige soll im Mai 2012 bei einer Gegendemonstration zu einer Kundgebung der rechtsextremen Splitterpartei Pro NRW zwei Bereitschaftspolizisten mit Stichen in die Oberschenkel schwer verletzt haben. Die Staatsanwaltschaft wirft Murat K. gefährliche Körperverletzung, Landfriedensbruch im besonders schweren Fall und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte im besonders schweren Fall vor.

K. bestreitet die Tat nicht, im Gegenteil: Mit einer merkwürdigen Mischung aus Trotz, Stolz und Ignoranz rechtfertigt er seinen Angriff: "Wer den Propheten beleidigt, verdient die Todesstrafe." Der Staat habe es erlaubt, dass die Mohammed-Karikaturen gezeigt würden und deshalb sei es geradezu seine Pflicht gewesen, dessen Repräsentanten anzugreifen. Die Polizisten hätten ihren Dienst "ja verweigern können", begründet Murat K. auf krude Weise die Attacke. "Das Problem ist, dass ihr den Islam nicht respektiert", sagt er und meint damit wohl alle vermeintlich "Ungläubigen".

"Warum hat er sich denn nicht selbst niedergestochen?"

Es ist nicht ganz einfach, die fundamentale Gedankenwelt des Türken zu durchdringen. Der Vorsitzende Richter Klaus Reinhoff versucht es zwar, scheitert aber an den logischen Brüchen in K.s Ausführungen. So räumt der Angeklagte etwa auf Nachfrage ein, am Tattag weder die empörenden Karikaturen selbst gesehen noch jemals einen Originaltext studiert zu haben, in dem die Todesstrafe für die Beleidigung des Propheten verordnet worden wäre. Er habe sein Wissen von anderen Muslimen und aus dem Internet, sagt K. Dass er also in Wahrheit gar nichts weiß, sondern nur den Darstellungen anderer glaubt, dass sich seine radikalen Taten auf ein ziemlich wackeliges Gedankenfundament stützen, ist für Murat K. offenbar kein Problem.

Besonders absurd erscheint der Umstand, dass der Salafist an dem Tag, an dem er wegen der in seinen Augen so empörenden und beleidigenden Bilder zwei Polizisten verletzt, in seinem Portemonnaie ein Flugblatt aufbewahrt, auf dem die Mohammed-Karikaturen ebenfalls abgebildet sind. Ja, er habe das aus dem Internet ausgedruckt, erklärt K., und es sei "ein bisschen dumm gewesen, das nicht zu zerreißen". Es scheint dem Angeklagten nicht bewusst zu sein, wie widersprüchlich, ja, heuchlerisch sein gesamtes Verhalten in diesem Augenblick wirkt. Ein Zuschauer sagt: "Warum hat er sich denn nicht selbst niedergestochen?"

Der ideologische Tunnelblick, den K. vor Gericht offenbart, dieses Ausblenden aller Zweifel und jeglicher Argumente, ist wohl am ehesten mit seiner Biografie zu erklären. Murat K. wächst als eines von drei Kindern türkischer Einwanderer im hessischen Sontra auf. Schon als Teenager gerät er auf die schiefe Bahn, bricht ein, nimmt Drogen, überfällt Kioske, prügelt sich in Straßenbahnen und klaut Handys. "Ich war kein guter Mensch", sagt K., doch sei daran auch die Gesellschaft schuld gewesen: "Mir wurden Alkohol gegeben und Zigaretten. Die Sachen wurden mir so hingestellt."

Nach Ansicht seines Verteidigers, des erfahrenen Düsseldorfer Rechtsanwalts Johannes Pausch, zeigen sich im Lebenslauf seines Mandanten Grundzüge einer prototypischen Radikalisierung. "Herr K. macht auf mich den Eindruck, in seinen Ansichten noch nicht sehr gefestigt zu sein. Er überträgt die Verantwortung für sein Leben einer anderen Instanz, weil er sich damit überfordert fühlt", so Pausch.

Die Tat kann Murat K. nicht erklären

Irgendwann sucht der durchs Leben treibende Murat K. eindeutige Regeln und vor allem entschiedene Verbote, sie sollen ihm Halt und Orientierung geben. Er findet sie in einer fundamentalistischen Strömung des Islam, die sich streng an der Frühzeit der Religion orientiert. Sie verteufelt die Sitten der Ungläubigen und unfrommer Muslime. Mit großer Begeisterung lauscht K. den Vorträgen des charismatischen Salafisten-Predigers und Ex-Berufsboxers Pierre Vogel.

Auch versucht K., sich an der berüchtigten Islamschule in Braunschweig fortzubilden. Das inzwischen geschlossene Institut galt dem niedersächsischen Verfassungsschutz lange Zeit als Kaderschmiede zahlreicher Islamisten. So studierte dort unter anderem Amid C., der sich gerade wegen eines geplanten Terroranschlages und als mutmaßliches Mitglied der sogenannten Düsseldorfer Zelle vor Gericht verantworten muss. Und auch der in Bochum lebende mutmaßliche Ex-Leibwächter Osama Bin Ladens, Sami A., besuchte die Schule.

Murat K. wiederum bricht eine Ausbildung zum Metallbauer ab, weil seine Kollegen respektlos über Frauen gesprochen und diese als "Lustobjekte" bezeichnet hätten, wie er vor Gericht sagt. Das sei ihm zuwider gewesen. Auch verschiedene Jobs wirft er angeblich aus demselben Grund hin, zuletzt ist er arbeitslos. Er denkt darüber nach, in die Türkei zu gehen, doch erst einmal zieht er wieder bei seinen Eltern ein.

Nach Bonn kommt K., weil er verhindern will, dass die Mohammed-Karikaturen gezeigt werden. Das behauptet er zumindest. Wenn sie nur viele wären und laut genug, so hätten sie gedacht, dann trauten sich die Pro-NRW-Leute das nicht. Warum er aber plötzlich sein Messer zückt und durch die Reihen der Polizisten tänzelt, einen nach dem anderen attackierend, das erklärt K. der Kammer nicht.

Was Murat K. getan hat, erschließt sich, wenn man den angegriffenen Polizisten zuhört. "Ich dachte, hier geht es vielleicht um Leben und Tod", sagt Teresa M., 30, die Schnittwunden an beiden Oberschenkeln erlitt. Und ihr Kollege Carsten S., 35, durch dessen Bein sich eine 16 Zentimeter lange und vier Zentimeter tiefe Furche zog, berichtet, dass er für Monate krankgeschrieben war und auch ein halbes Jahr später noch nicht wieder gesund ist. Wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung geht er jetzt auch noch zu einer Therapeutin. Vielleicht, sagt der Beamte Carsten S., werde er irgendwann wieder ganz normalen Dienst machen können. Vielleicht. Murat K. schaut ihn ausdruckslos an.

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