Salafisten-Zelle in NRW Innenminister räumt Ermittlungspanne ein

Bei ihrem Vorgehen gegen vier Salafisten, die Anschläge auf Kader der rechtsextremen Partei Pro NRW geplant haben sollen, hat die Polizei Fehler gemacht. Wie der Innenminister nun einräumt, übersahen die Beamten zunächst im Kühlschrank gelagerten Sprengstoff.

Mehrfamilienhaus in Bonn-Tannenbusch: Versäumnisse bei der Durchsuchung
DPA

Mehrfamilienhaus in Bonn-Tannenbusch: Versäumnisse bei der Durchsuchung

Von und , Düsseldorf


Im Fall der salafistischen Zelle, die Attentate auf rechtsextreme Politiker der Splitterpartei Pro NRW vorbereitet haben sollen, lief nicht alles nach Plan. Wie der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) nun auf Anfrage der CDU einräumen muss, übersahen Polizisten bei der Durchsuchung einer Wohnung in Bonn zunächst verdächtige Stoffe, die im Kühlschrank aufbewahrt worden waren. Jäger bestätigt mit seiner Darstellung einen Bericht des SPIEGEL.

Nachdem die Beamten vor Wochen die Tür zur Bleibe des Verdächtigen Marco G. im Bonner Stadtteil Tannenbusch aufgesprengt und dort bei dessen mutmaßlichem Komplizen Koray D. eine Pistole der Marke Ceska und 616 Gramm sprengfähiges Ammoniumnitrat gefunden hatte, vernachlässigten sie den Kühlschrank in der Wohnung.

In einem Schriftsatz des Innenministers heißt es jetzt dazu: "Eine detaillierte Prüfung der Inhalte erfolgte nicht, obwohl dies, insbesondere vor dem Hintergrund des strafrechtlichen Tatvorwurfs (…) im Rahmen einer sorgfältigen Tatortaufnahme und Durchsuchung der Wohnung zwingend hätte erfolgen müssen." Nach dem Aufsprengen der Tür sei aber der Einsatz der beiden Sprengstoffspürhunde in der Küche nicht mehr möglich gewesen. Den gut gefüllten Kühlschrank wiederum hätten die Beamten nur "in Augenschein genommen", jedoch nicht penibel überprüft, so Jäger.

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Salafisten-Zelle in NRW: "Leicht terroristisch veranlagt"
Von der darin befindlichen gefährlichen Substanz erfuhren die Ermittler daher erst, als sich der Verdächtige Marco G. im Dortmunder Gefängnis einer Sozialarbeiterin anvertraute: Diese möge seine Ehefrau warnen, nicht an den Kühlschrank zu gehen, es bestehe das Risiko einer Explosion. Deshalb rückte die Polizei zwei Tage später mit Bombenentschärfern erneut an - und wurde fündig. Laut Bericht aus dem Innenministerium fanden die Kriminalisten zwei Behältnisse mit verdächtigen Chemikalien. Es sei nicht auszuschließen gewesen, dass es sich dabei "um extrem handhabungsunsichere Explosivstoffe" gehandelt habe, so der Minister.

Die Einsatzkräfte brachten die Substanz aus dem Kühlschrank in eine Grünanlage gegenüber. Das Gemisch wurde in zwei Erdlöchern kontrolliert gezündet, ohne dass vorher eine Probe zur Analyse entnommen wurde. Spezialisten versuchen nun mit Hilfe von Bodenproben Rückschlüsse auf die Zusammensetzung der Chemikalie zu gewinnen.

"Leicht terroristisch veranlagt"

Im Zuge der Ermittlungen, mittlerweile wegen Terrorverdachts von der Bundesanwaltschaft geführt, sind immer mehr Details zu dem Quartett bekannt geworden. Vor allem der in Aachen geborene und in Wülfrath aufgewachsene 24-jährige Koray D. ließ nach Erinnerungen von Schulkameraden schon früh eine Begeisterung für Sprengstoffe Marke Eigenbau erkennen. Einmal soll er demnach Rauchpulver auf der Schultoilette angezündet haben.

In der Abiturzeitung seines Gymnasiums wird der Sohn einer Lehrerin und eines Altenpflegers als begabter, aber etwas seltsamer Einzelgänger beschrieben. Aus vielen Kommentaren seiner Mitschüler spricht - jugendlich unbedarft - ein gewisser Verdacht: "Leicht terroristisch veranlagt", lautet eine Notiz über den jungen Koray D., eine andere: "Kleiner, verspielter, aber netter Bombenleger." Dann heißt es: "Wird mal Terrorist." Und später: "Größenwahnsinniger Möchtegern-Terrorist."

Die Mitschüler ahnten wohl nicht, dass sie mit ihren Einschätzungen womöglich recht behalten würden.

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Seite 1
Stabhalter 08.04.2013
1. aber
Zitat von sysopDPABei ihrem Vorgehen gegen vier Salafisten, die Anschläge auf Kader der rechtsextremen Partei Pro NRW geplant haben sollen, hat die Polizei Fehler gemacht. Wie der Innenminister nun einräumt, übersahen die Beamten zunächst im Kühlschrank gelagerten Sprengstoff. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/salafisten-zelle-in-nrw-innenminister-raeumt-fehler-ein-a-893216.html
Parksünder übersehen diese Clowns nicht,armes Deutschland
mnbvc 08.04.2013
2. Schlampigkeit?
Tja, da bietet sich doch ein Impuls zur Reflexion an. Da von mancher Seite jede Ermittlungsschlamperei der Polizei bei den NSU-Ermittlungen als Anzeichen für Absicht und Staatsterrorismus gewertet wird, frage ich diese Seite nun: war das Übersehen des Sprengstoffes in diesem Fall auch Absicht? Haben wir womöglich einen salafistischen Staatsterrorismus in Deutschland? Oder misst man einfach alles mit dem jeweils genehmen Standard, um sein geschlossenes Weltbild nicht zu gefährden?
gesell7890 08.04.2013
3. im fehlermachen
sind die polizei in nrw und der innenminister groß. das loveparade-debakel ist ja auch hauptsächlich auf polizeiversagen zurückzuführen. riechen sie auch, wie der fisch am kopf stinkt?
internetwitcher 08.04.2013
4. Gott sei Dank wurde der Sprengstoff entdeckt!
Der Innenminister von NRW, Herr Jäger (SPD), hat die Salafisten immer nur verharmlost und sie aus politischen Gründen walten lassen. So wie es aussieht hat Herr Jäger die Salafisten im Kampf gegen nicht genehme (rechte) Parteien als Hilfstruppen missbrauchen wollen.
egowehner 08.04.2013
5. Schuld ist ...
das Beamtensystem, nicht nur bei uns: Da geht es NIE nach Qualifikation. Wer weiter oben am besten hofiert und nie widerspricht, der macht das Rennen. Polizei-Beamte und Verwaltungsbeamte werden nach den gleichen Kriterien ausgesucht. Dieser Apparat , der sich auch noch selbst verwaltet, laesst sich nur durch undemokratische Mittel aendern, denn auch das Parlament besteht zum groessten Teil aus Beamten. Das machen die Amerikaner besser, dafuer haben sie andere Fehler, zb. ihr Sendungsbewusstsein.
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