Schüsse auf Zwölfjährige an Silvester "Ich bin innerlich zerstört"

In Salzgitter feuerte ein 69-Jähriger an Silvester in eine Menschenmenge. Eine Zwölfjährige wurde getroffen. Zu Prozessbeginn streitet der Tatverdächtige jede Absicht ab.

Der Angeklagte im Landgericht Braunschweig
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Der Angeklagte im Landgericht Braunschweig


Vor dem Landgericht Braunschweig muss sich derzeit ein 69-jähriger Mann wegen versuchten Totschlags verantworten. Ihm wird vorgeworfen, zum Jahreswechsel in Salzgitter eine Zwölfjährige mit einem Pistolenschuss schwer verletzt zu haben.

Der Mann soll in der Silvesternacht aus seinem Café heraus in eine Menschengruppe geschossen und dabei das Mädchen getroffen haben. Das Kind trug einen Lungen- und Rippendurchschuss davon und leidet laut eigenen Angaben noch heute unter den Folgen.

Der Fall hätte tödlich enden können: Wie eine Anklagevertreterin sagte, prallte das Geschoss an einer Rippe ab, "wodurch es das Herz verfehlte". Die Staatsanwaltschaft erklärte, der 69-Jährige habe tödliche Verletzungen des Mädchens zumindest billigend in Kauf genommen.

Er bedauere "zutiefst", das Mädchen derart schwer verletzt zu haben, ließ der Angeklagte über seinen Anwalt erklären. Er habe aber gar nicht in Erwägung gezogen, dass er jemanden habe treffen können.

Der Angeklagte und sein Verteidiger vor Gericht
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Der Angeklagte und sein Verteidiger vor Gericht

Der 69-Jährige soll während des Silvesterfeuerwerks zwei Mal etwa zwölf Schüsse abgefeuert haben - und das offenbar nicht zum ersten Mal. Schon in den beiden Jahren zuvor habe er dies gemacht, hieß es. Der Türke sitzt seit seiner Festnahme am Neujahrstag in Untersuchungshaft und wurde in Handschellen in den Gerichtssaal geführt.

Die Zwölfjährige hatte mit ihrer Familie auf der Straße vor ihrem Wohnhaus Raketen gezündet und das Feuerwerk angeschaut. Ihre Aussage bei der Polizei im April dieses Jahres wurde vor Gericht verlesen. Darin heißt es: "Im ersten Moment dachte ich, dass eine Rakete mich getroffen hat, ich habe einen harten Schmerz gespürt, wie mit einem Hammer", zitierte die Vorsitzende Richterin Daniela Kirchhof das Mädchen, das wie der Angeklagte türkische Wurzeln hat.

Die Folgen der Verletzung waren demnach gravierend: "Ich bin innerlich zerstört. Ich traue mich nicht mehr, aus dem Haus rauszugehen." Die Eltern treten in dem Prozess als Nebenkläger auf. Das traumatisierte Mädchen sei noch heute in Therapie, sagte ihr Anwalt Muammer Duran.

Laut Aussage des Angeklagten war der Erwerb der Neun-Millimeter-Pistole ein "Gelegenheitskauf". Er habe aus dem geöffneten Fenster seines Cafés in die Luft geschossen. Dass die letzten Schüsse nahezu waagerecht fielen, sei auf keinen Fall beabsichtigt gewesen und unverzeihlich. Er habe an dem Tag auch mehr Alkohol getrunken als sonst.

Während der Tat war die Mutter des Opfers bei ihrem jüngsten Sohn im Haus. Ihre Tochter habe sich dann auf sie geworfen und geschrien: "Mutter, ich bin angeschossen worden!" Das habe sie erst für einen Scherz gehalten, sagte die 36-Jährige als Zeugin. "Ich habe sie umarmt, dann wurde es warm an meiner Hand." Der ganze Rücken sei voller Blut gewesen. Der Angeklagte soll zunächst bestritten haben, das Kind angeschossen zu haben.

Für den Prozess sind acht Verhandlungstage angesetzt, es sollen zahlreiche Zeugen gehört werden. Das Urteil könnte nach dieser Planung am 4. August gesprochen werden.

ala/dpa



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