Sanfter Strafvollzug "Damit sie Menschen bleiben können"

Drogenkuriere, die Gedichte rezitieren, Raubmörder, die Theaterstücke auf die Bühne bringen: Ist sanfter Strafvollzug mit Kulturprojekten sinnvoll - oder kostenintensiver Nonsens? Im Hochsicherheitsgefängnis Aachen läuft ein Versuch mit Langzeitgefangenen.

Von Oliver Rahayel, Aachen


Wer in der Justizvollzugsanstalt Aachen einsitzt, hat nicht das Gefühl, dass es noch härter geht. Der Hochsicherheitsbau, eingeweiht 1994, liegt im Industriegebiet der Stadt. Die Blocks, Häuser genannt, in denen 830 Gefangene oft für Jahrzehnte leben müssen, bestehen aus Neun-Quadratmeter-Zellen: aufgereiht an endlosen Fluren, wie Legebatterien einer Hühnerfarm. Eine Stunde Freigang steht jedem Häftling pro Tag zu. Glücklich kann sein, wer zudem einen Arbeitsplatz erwischt.

Strafvollzug: "Es muss strenge Regeln geben"
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Strafvollzug: "Es muss strenge Regeln geben"

Die überwiegend mit lautem Krakeel geführte Debatte über Sinn und Unsinn härteren Jugendstrafvollzugs, losgetreten vom später an der Urne abgestraften Hessen-Wahlkämpfer Roland Koch (CDU), wurde in Aachen besonders aufmerksam verfolgt. Denn im Aachener Erwachsenenstrafvollzug werden Anstrengungen genau in die entgegen gesetzte Richtung gemacht: Hier setzt man auf die softe Tour.

Vierzehn Langzeitgefangene, darunter verurteilte Mörder, Raubmörder, Drogenkuriere und Söldner, werden sich Ende Februar als Schauspieler in einem selbst erarbeiteten Stück versuchen.

Ariel S., einziger Redakteur der Anstaltszeitschrift "Printe" und zuständig für die Theater-PR, präsentiert bei einer Arbeitssitzung im zellengroßen Redaktionsbüro das Plakat für das Stück "Die Nacht". S. hat es mit Fotos aus dem Theatermilieu verziert. "Andere Bilder habe ich in meiner Fernsehzeitung nicht gefunden", entschuldigt er sich. Das Internet darf der ehemalige Drogenhändler ebenso wenig nutzen wie seine Mitgefangenen. Außer S. und der Koblenzer Regisseurin Waltraud Heldermann ist auch Gefängnisdirektor Hans-Joachim Gries gekommen, um das Projekt zu planen. Kulturarbeit ist hier Chefsache.

Vor Sozialromantik wird gewarnt: "Es muss strenge Regeln geben"

Seit einigen Jahren versucht sich die Aachener JVA als Vorzeigeknast zu etablieren. Nicht nur die üblichen Sportstunden und Töpferkurse bietet sie den Inhaftierten, sondern auch Pop-, und Klassik-Konzerte oder Gastspiele des Schauspielhauses. Vor allem aber sollen die Langzeitgefangenen selbst aktiv werden: in regelmäßigen Haute-Cuisine-Kochkursen, bei klassischem Klavierunterricht oder eben mittels einer Theaterproduktion. Durch den Klavierunterricht, erzählt Ariel S., habe er neuen Lebenswillen geschöpft: Bevor er das Klavierspielen für sich entdeckte, hatte er versucht, sich das Leben zu nehmen.

"Man kann den Gefangenen neue Sphären eröffnen, die ihnen sonst nie zugänglich gewesen wären", sagt Brigitte Kerzl, die stellvertretende Gefängnisleiterin. Ihre Erfahrung zeige, dass die an Kulturprojekten beteiligten Inhaftierten "zugänglicher" würden und damit "der Umgang mit ihnen einfacher" werde.

Kerzl, die seit zwei Jahrzehnten im Strafvollzug arbeitet, kann Forderungen á la Roland Koch nicht nachvollziehen. "Es muss zwar strenge Regeln geben", sagt die Juristin, diese würden aber "längst angewendet, gerade im Erwachsenenvollzug". Ins gleiche Horn stößt Aachens Bürgermeisterin Hilde Scheidt: "Die Gesetze sind, wenn sie konsequent angewendet werden, hart genug", meint die Grünen-Politikerin. "Die Strafen müssen abgeleistet werden, aber jeder hat das Recht auf Zurückführung in die Gesellschaft." Zwar solle man sich vor Sozialromantik hüten, schließlich hätten die Gefangenen "schlimme Verbrechen begangen". Aber man müsse "eine Ebene finden, damit sie Menschen bleiben können", glaubt die Bürgermeisterin.

Uneinigkeit über den Härtegrad der Bestrafung herrscht auch im Unionslager selbst. Während die Bundes-CDU Roland Koch unterstützte, lehnte etwa das CDU-geführte NRW-Landesjustizministerium, das für Aachen zuständig ist, derartige Vorstöße stets ab: "Härtere Strafen sind Quatsch", erklärt Ministeriumssprecher Ralph Neubauer, "das bringt gar nichts".

"Viele der Gefangenen waren den Tränen nahe"

Bei der Aachener Aufführung am 29. Februar stehen Texte von Jandl, Beckett, Schwitters, Brecht und Schimmelpfennig auf dem Programm. Regisseurin Waltraud Heldermann ist spürbar bewegt bei der Erinnerung an den Moment, als die Inhaftierten beim Einstudieren der Texte erstmals ihre üblichen Macho-Posen ablegten: "Viele waren den Tränen nahe, weil sie so etwas sonst nie tun - über ihre Ängste reden".

Bei den Gefangenen trete gegenseitige Wertschätzung an die Stelle sonst üblicher Vorbehalte: "Sie finden eine neue Form des Umgangs miteinander". Gefürchtet habe sie sich nie, allein unter vierzehn schweren Jungs. Sie habe "gar nicht wissen wollen, was sie getan haben".

Die stellvertretende Anstaltsleiterin Brigitte Kerzl müht sich, Sponsoren aufzutreiben: Für ein von Gefangenen zubereitetes Benefiz-Dinner im Oktober vergangenen Jahres gewann sie immerhin einen japanischen Edelautohersteller und ein Aachener Luxushotel als Geldgeber.

Die JVA Aachen steht mit seinen Kulturprojekten nicht allein. "In die Stadt hinein zu gehen, das machen eigentlich alle", sagt Justizministeriumssprecher Neubauer. Die meisten dieser Kreativ-Projekte werden jedoch für junge Straffällige angeboten. So gibt es schauspielernde Gefangene auch in der JVA Siegburg, die nach dem Foltertod eines Häftlings im November 2006 in Verruf geraten ist - dort engagiert sich zurzeit das Bonner Schauspielhaus.

Interesse der Häftlinge, aber nicht genügend JVA-Personal

Im Erwachsenenvollzug und erst recht für Langzeitgefangene sieht das Angebot dagegen oft eher mau aus. Auch Neubauer hält die Kulturarbeit unterm Strich lediglich für "die Kür zu Pflicht", zumal man damit "die Masse", vor allem die 30 bis 40 Prozent drogenabhängiger Gefangenen, nicht erreiche: "Viele kriegen kaum einen geregelten Tagesablauf hin".

Auch bei Vollzugsbediensteten hält sich die Begeisterung über kulturelle Projekte in Grenzen. Während des Knast-Dinners in der JVA Aachen kam es aufgrund der späteren Zellenschließungen zu zahllosen Überstunden. Zudem werden infolge der umstrittenen AGIP-Verordnung, der "Arbeitsgruppe zur Entwicklung von Indikatoren zur Personalbemessung", in Aachen zurzeit innerhalb von drei Jahren 66 Stellen abgebaut, von aktuell etwas über 300. Dass es in der JVA nicht deutlich mehr Kulturprojekte gebe, scheitere also keineswegs an mangelndem Interesse der Gefangenen, so JVA-Vizechefin Kerzl, sondern am fehlenden Personal: "Meistens haben wir zu viele Anmeldungen".

Als Zuschauer können nun immerhin rund 150 Gefangene der ersten und einzigen Aufführung des "Nacht"-Stücks beiwohnen, dazu 50 geladene Gäste von draußen. Alle sind aufgefordert, anschließend über das Gesehene zu diskutieren. Bei solchen Gelegenheiten mischen sich Gäste und Gefangene munter miteinander. Daher gilt für letztere die graue Anstaltsuniform als Dresscode des Abends. "Damit sich niemand mit den Gästen herausschmuggeln kann", so Anstaltsleiter Gries.

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