Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Duisburger Rocker-Prozess: Reden ist Gold

Von , Duisburg

Polizisten vor dem Landgericht Duisburg: Interesse an kurzem Verfahren Zur Großansicht
DPA

Polizisten vor dem Landgericht Duisburg: Interesse an kurzem Verfahren

Bei Rockern gilt eigentlich ein ehernes Schweigegebot. Doch der Ex-Anführer der Duisburger Satudarah-Bande hat bei der Polizei umfangreich ausgepackt und hochrangige Hintermänner belastet. Die Ermittler sind verblüfft, die Ankläger sanftmütig.

Yildiray Kaymaz, 38, ist alles andere als ein Vorzeigerocker. Er ist klein, schmal, blass und sieht, wenn man seine Tätowierungen an Handrücken und Hals einmal außer Acht lässt, nicht besonders verwegen aus. Ein Jahr lang führte der ungelernte Arbeiter ohne Schulabschluss, der nach eigenen Angaben abhängig von Kokain war, den Duisburger Ableger der internationalen Motorradbande Satudarah an. Die Gang gilt gerade in den Niederlanden als besonders gefährlich. Im April 2013 nahmen Spezialkräfte der Polizei Kaymaz fest. Es dauerte nicht lange, da plauderte der Mann, der sich Ali Osman nannte, allen Gepflogenheiten der Rockerszene zum Trotz ausführlich mit der Polizei.

Bereits im Mai habe Kaymaz erkennen lassen, dass er Angaben machen wolle, erinnert sich Kriminalhauptkommissarin Heike J. nun vor dem Landgericht Duisburg. Der frühere Chefrocker und sein ehemaliger Stellvertreter Baris T., 25, müssen sich dort unter anderem wegen Drogen- und Waffenhandel im großen Stil sowie Anschlägen auf die verfeindeten Hells Angels verantworten.

"Es ist ein Novum"

Kaymaz habe sich schließlich neunmal vernehmen lassen, so die Ermittlerin J., und auch gegen "hochrangige Hintermänner" der Bande in den Niederlanden ausgesagt. So habe er den im westfälischen Ahaus lebenden hochrangigen Satudarah-Rocker Michel "Mima" B., 48, belastet, den die Polizei im Dezember festnahm. Gegen B. wird unter anderem wegen zweier Tötungsdelikte, Körperverletzung, Erpressung, Drogenhandels und Geldwäsche ermittelt.

"Es ist ein Novum, dass ein Rockerpräsident so auspackt und dabei auch Strukturen offenbart", sagt Ermittlungsführerin Heike J. "Das gibt es eigentlich nicht." Zwar habe Yildiray Kaymaz "berechtigte Sorge" gehabt, Angaben zu Führungsfiguren des Clubs zu machen, sich dann aber doch dazu entschlossen. Die Verteidiger begründen das mit einer "lebensgefährlichen Erkrankung" des Sohnes von Kaymaz, die den baldigen Beistand des Vaters erfordere. Nach der Entlassung aus der Haft wolle sein Mandant keinem Motorradclub mehr angehören, so Rechtsanwalt Jörg Spiekermann.

Kaum hat der Jurist zu Ende gesprochen, beginnt es im Zuschauerraum zu rumoren. Kopfschütteln, böse Blicke in Richtung Anklagebank, das halbe Dutzend Gefolgsleute zieht ab. "Bevor der redet, schießt er sich lieber eine Kugel in den Kopf", hatte einer von ihnen am Freitagnachmittag noch SPIEGEL TV gesagt - und damit vollkommen falsch gelegen.

Der ebenfalls Angeklagte Baris T. hingegen weigert sich weiterhin, andere Rocker zu belasten. Er räumt lediglich über seinen Anwalt Ulrich Rimmel einige Drogendeals und den Besitz einer großkalibrigen Pistole vom Typ Smith & Wesson ein. Doch auch T. wird in den Genuss eines erheblichen Strafnachlasses kommen.

Einigung per Hinterzimmer-Geschacher

Denn als Schwierigkeit in dem Duisburger Verfahren gegen Kaymaz und T. erweist sich, dass ihnen die knapp zwei Dutzend vorgeworfenen Taten nur mit einigem Aufwand nachzuweisen wären. Doch vor dem Hintergrund, dass das Landgericht an jedem Verhandlungstag mit Bereitschaftspolizei und einem Spezialeinsatzkommando gesichert werden muss, ist die 6. Große Strafkammer an einem kurzen Verfahren interessiert. Die Wahrheitsfindung ist dabei nicht unbedingt eine bestimmende Größe der Erwägungen.

Als besondere Ironie könnte sich zusätzlich erweisen, dass die beiden Top-Rocker für all die Handgranatenanschläge, Schießereien aus Maschinenpistolen und Schlägereien nicht bestraft werden. Die Anklagepunkte werden wohl fallen gelassen, auch wenn die gewaltsam ausgetragene Fehde mit den Hells Angels die Duisburger Öffentlichkeit stark verunsichert hatte.

In einem anrüchig wirkenden Hinterzimmer-Geschacher hatten Gericht, Verteidigung und Staatsanwaltschaft am Freitagnachmittag die Umstände eines solchen Deals verhandelt, am Dienstag macht sie der Vorsitzende Richter öffentlich: Die Angeklagten gestehen ausgewählte Vorwürfe und im Gegenzug werden ihre Strafen schon vorher grob festgelegt.

Yildiray Kaymaz wird demnach maximal siebeneinhalb Jahre Gefängnis bekommen, Baris T. höchstens sechs Jahre und neun Monate. Ihr Kurierfahrer Ali D., der Drogen aus Holland transportierte, war zuvor bereits zu sechs Jahren und drei Monaten verurteilt worden.

Ist das gerecht?

"Es bestand immer die Gefahr, dass es zu einem offen ausgetragenen Krieg hätte kommen können", beschreibt Ermittlerin Heike J. die lange Zeit angespannte Lage zwischen den Gangs. Erst nach der Festnahme von Yildiray Kaymaz und Baris T. wurde es ruhiger in der Stadt. Die Justiz will vergeben und vergessen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige

Die großen Rockerklubs
Hells Angels
Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
Outlaws MC
Einer der größten und ältesten Motorradklubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
Gremium MC
Der letzte große Motorradklub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: