Ostalpen Das Rätsel um die gefällten Gipfelkreuze

Im deutsch-österreichischen Grenzgebiet sind mehrere Gipfelkreuze gefällt worden. Die Polizei ist ratlos: Wer macht so etwas? Und warum?

Beschädigtes Gipfelkreuz auf dem Schafreiter
DPA/Polizei Bad Tölz

Beschädigtes Gipfelkreuz auf dem Schafreiter

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Walter Mayer ist seit 40 Jahren Beamter, aber so etwas ist dem stellvertretenden Dienststellenleiter der Polizei in Bad Tölz noch nicht untergekommen. "Eine sonderbare Sache", sagt Mayer.

Jüngster Tatort: Der Schafreiter, ein 2102 Meter hoher Berg im Vorkarwendel, wunderschöner Blick, beliebt bei Wanderern, der Aufstieg ist nicht schwierig. In der Nacht zu Sonntag hörten dort Zeugen Geräusche, die in der einsamen Gegend unweit des Gipfels normalerweise nicht zu hören sind. Andauernde Schläge.

Bei Sonnenaufgang war der Grund für die Geräusche klar: Ein Unbekannter hatte mit einer Axt und einer Säge das Gipfelkreuz so schwer beschädigt, dass es abgebaut werden musste. Dem nächsten Sturm hätte das 250 Kilogramm schwere Eichenkonstrukt wohl kaum standgehalten.

Beschädigtes Gipfelkreuz auf dem Schafreiter
DPA/Polizei Bad Tölz

Beschädigtes Gipfelkreuz auf dem Schafreiter

Laut Polizei muss der Täter den Berg bestiegen haben, als es schon dunkel war, mit einer Stirnlampe. Die Nacht verbrachte er offenbar auf dem Gipfel. Im Morgengrauen stieg er wieder hinab.

Es war vermutlich der dritte Vorfall dieser Art in den Bergen bei Lenggries: An Pfingsten fällte ein Unbekannter ein Holzkreuz an der Dudl-Alm - dieser Fall ist bei der Polizei jedoch nicht aktenkundig, es gab zumindest keine Anzeige. Ende Juli erwischte es dann das Gipfelkreuz auf dem Prinzkopf.

Gipfelkreuz am Prinzkopf

Gipfelkreuz am Prinzkopf

Nun, auf dem Höhepunkt der Wandersaison, ist die Aufregung groß: Wer macht so etwas? Wer hackt die Gipfelkreuze um?

Es herrscht Ratlosigkeit

Wanderer beschrieben einen Verdächtigen vom Schafreiter als 30 bis 40 Jahre alt, 1,80 Meter groß, mit deutlichem Bauchansatz, dunkelblondem oder braunem Haar, Dreiviertelhose und grünlichen Knieschützern. Er habe eine schwarze Jacke dabeigehabt und über Kopfhörer laute Musik gehört - alles keine besonders auffälligen Merkmale.

Die Polizei hat keinen wirklichen Ermittlungsansatz. Man hoffe, dass der Täter nicht weitermache, sagt Mayer - auch wenn der Fall dann wohl ungelöst bleibe.

Treibt der Kreuzhacker sein Unwesen weiter, sei man auf schnelle Zeugen angewiesen. Es dauert in dem Gelände, bis die Beamten einen Gipfel erreichen. Wer etwas beobachtet, soll umgehend die Polizei alarmieren, so Mayer. Von Eigeninitiative rät er ab, auch wenn es der Täter anscheinend nur auf Kreuze abgesehen hat, nicht auf Menschen.

Über das Motiv lässt sich nur spekulieren. Ein religiöser Hintergrund? Offenbar handele es sich um jemanden, "der nicht damit klarkommt, dass auf jedem Berg ein Kreuz steht", so Mayer. Es gebe zum Beispiel in der Schweiz eine Bewegung, die Kreuze auf den Gipfeln ablehne. Vielleicht ließ sich der Täter ja inspirieren?

Warum er sein Werk am Schafreiter nicht vollendete, ist unklar. Ging ihm die Kraft aus? Oder die Wut? Oder ging die Axt kaputt?

Bei den Wanderern herrsche ziemliche Ratlosigkeit, sagt Michael Bubeck. Er bewirtschaftet die Tölzer Hütte am Schafreiter. Es gebe keinen Grund zur Panik, der Täter habe sich schließlich nicht gegen Menschen gerichtet. Aber die Aufregung sei schon groß.

Strafrechtlich geht es nur um Sachbeschädigung, der Schaden ist überschaubar. Der symbolische Schaden wiegt viel schwerer. Der Täter richtet sich offenkundig gegen christliche Symbolik. Die Kreuze haben Bubeck zufolge eine lange Tradition in den Bergen, "sie sind auch ein Zeichen der Landschaft".

Das Kreuz am Schafreiter wurde 2003 erbaut. Eine Gruppe von Leuten trug es unter großen Anstrengungen in Einzelteilen auf den Gipfel. Bubeck hat mit einem von ihnen gesprochen. So wie Jesus das Kreuz getragen hat, so haben sie es getragen, beschreibt er die Gefühle der Männer - das lässt erahnen, welches Entsetzen der Akt der Zerstörung ausgelöst haben muss.

Der Tölzer Alpenverein, so ist im "Merkur" zu lesen, will nun so schnell wie möglich ein neues Kreuz aufstellen lassen.



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