"Costa-Concordia"-Kapitän vor Gericht Schettino gibt Rudergänger Schuld an Havarie

Unglückskapitän Francesco Schettino hat sich erstmals vor Gericht geäußert - er will auf dem frisch gehobenen Wrack der "Costa Concordia" nach neuen Beweisen suchen. Sie sollen angeblich die Mitschuld des Rudergängers an der Havarie belegen.

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Angeklagter Francesco Schettino im Teatro Moderno von Grosseto
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Angeklagter Francesco Schettino im Teatro Moderno von Grosseto


Grosseto - Zwei Monate lang hatten Francesco Schettino und seine Anwälte Zeit, die umfänglichen Gerichtsakten zu studieren. Nach einer zweimonatigen Sommerpause wird nun der Prozess gegen den ehemaligen Kapitän der havarierten "Costa Concordia" in Grosseto fortgeführt. Und der will vor allem eins: Gutachter auf "sein" Schiff schicken, die Beweise suchen dafür, dass er nicht allein schuld ist an der Katastrophe, die 32 Menschen das Leben kostete und die vermutlich teuerste Bergungsaktion der Geschichte nach sich zog.

Schettinos Anwälte haben einen Antrag gestellt: Der Angeklagte soll Zutritt zum Wrack der "Costa Concordia" erhalten. Der Vorsitzende Giovanni Puliatti muss am Montag darüber entscheiden. Das Schiff war vergangene Woche in einer spektakulären Aktion um 65 Grad aufgerichtet worden.

"Nur eine ganze Reihe neuer Gutachten zu den Notstromaggregaten, den wasserdichten Türen und der Funktionstüchtigkeit der Rettungsboote können uns helfen, zu verstehen, was wirklich passiert ist", sagt Schettinos Anwalt Francesco Pepe, der schon im Juli einen Antrag auf Erstellung weiterer Gutachten gestellt hatte. Erwartet er, konkrete Schäden zu finden, die die Geschichte der Havarie neu schreiben könnten? "Nein, wir wissen ja ziemlich genau, was alles nicht funktioniert hat", so Pepe zu SPIEGEL ONLINE.

Der Anwalt hofft, Beweise dafür zu finden, dass das Unglück von mehreren Verantwortlichen verursacht wurde. Auch Nebenkläger wie die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation Codacons haben Interesse angemeldet, ihre Experten an Bord zu bringen, um sich persönlich einen Überblick über die Schäden verschaffen und daraus Schlüsse ziehen zu können über den Ablauf des Unglücks. Der Anwalt der Reederei Costa Crociere, Marco De Luca, hält die vorliegenden Gutachten für ausreichend.

Der Rudergänger soll schuld sein

Im Zentrum des Interesses steht der aus Indonesien stammende Rudergänger Jacob Rusli Bin, der laut Schettino 13 Sekunden zu spät auf seine Anordnung reagiert haben soll, das Ruder nach links herumzureißen. "Wenn der Rudergänger diesen Fehler nicht begangen hätte, wäre das Schiff zum Stehen gekommen, meiner Erfahrung nach", zitiert die Zeitung "La Nazione" Schettino. Der Vorsitzende der Gutachterkommission, die bereits 2012 eine Expertise erstellt hatte, Admiral Giuseppe Cavo Dragone, erklärte, dass die Verzögerung für den Fortgang der Havarie irrelevant gewesen sei: "Das Schiff wäre in jedem Fall auf den Felsen aufgelaufen", sagte er.

Schettino hatte mit seinem Verhalten während des Unglücks vor der Insel Giglio weltweit für Empörung gesorgt. Er muss sich unter anderem wegen fahrlässiger Tötung von 32 Menschen, fahrlässiger Körperverletzung sowie dem vorzeitigen Verlassen des Schiffs verantworten - zu einem Zeitpunkt als noch Passagiere an Bord und mithin in Lebensgefahr waren. In dem Prozess sollen mehr als 400 Zeugen gehört werden, bei einer Verurteilung droht Schettino eine Haftstrafe von bis zu 20 Jahren.

Nach der Aufstellung des Wracks hat die Suche nach den zwei bis heute vermissten Opfern der Havarie begonnen - der Sizilianerin Maria Trecarichi und dem aus Indien stammenden Kellner Russel Rebello. Die Familienangehörigen der beiden waren bereits vergangene Woche auf Booten in die Nähe des Schiffs gebracht worden. "Ich kann meine Gefühle überhaupt nicht in Worte fassen", sagte Kevin Rebello, Bruder von Russel, SPIEGEL ONLINE. Er war extra aus Mailand auf die Insel Giglio gekommen, um einen Blick auf das Schiff zu werfen, das zum Grab seines Bruders geworden ist. "Ich war einen Meter vom Wrack entfernt, es war sehr bewegend." Rebello weiß, wie unwahrscheinlich es ist, eine Leiche nach 20 Monate unter Wasser zu bergen. Aber er wünscht seinem Bruder ein vernünftiges Begräbnis.

Die Reederei Costa Crociere hatte im Zuge eines gerichtlichen Vergleichs eine Million Euro bezahlt und kann seitdem strafrechtlich nicht mehr belangt werden. Zahlreiche Passagiere jedoch, die nicht die von der Reederei angebotenen 11.000 Euro Schadenersatz angenommen haben, klagen gegen Costa Crociere. Sie sind verärgert darüber, dass Schettino, dem vor wenigen Tagen der Schiffsführerschein entzogen wurde, als alleiniger Angeklagter vor Gericht steht. Fünf Personen, die in leitenden Funktionen zum Unglückszeitpunkt an Bord waren, wurden bereits im Juli zu Haftstrafen zwischen einem Jahr und acht Monaten und zwei Jahren und zehn Monaten verurteilt - ebenfalls nach einem Deal mit der Staatsanwaltschaft.

"Es ist ungerecht, dass hier nur eine Person vor Gericht steht", sagte Michelina Soriano, eine Anwältin, die eine Gruppe von Passagieren vertritt. "Schettino hat seine Schuld, aber er sollte hier mit einer ganzen Reihe anderer Leute sitzen." Das Strafmaß für die bereits verurteilten Kollegen des Ex-Kapitäns hält sie für "skandalös und vollkommen unzureichend".

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes war der von Schettino beschuldigte Rudergänger als Steuermann bezeichnet worden. Dies ist nicht korrekt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Mit Material von Reuters

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
robert.c.jesse 23.09.2013
1. Verantwortung ...
... trägt immer der Kapitän. Dieser hier ist ein Feigling und Lügner und die Richter werden ihm das bescheinigen.
käptnmirt 23.09.2013
2.
Bitte führen die sich nochmal den Unterschied zwischen einem Steuermann und einem Rudergänger vor Augen. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. K. Bonte/Redaktion
neu_ab 23.09.2013
3.
Ich schlage 10 Extrajahre Knast für diese oberdreiste Feigheit vor. Während der Sonnenbank-Kapitän sich mit einer Blondine unter Deck vergnügte, lief das Schiff auf Grund, was vielen Menschen das Leben kostete. Jetzt die Schuld auf den Steuermann zu schieben, ist ein Witz. Kein Flugkapitän würde nach einem Absturz die Stewardessen beschuldigen. Als Kapitän des Schiffes ist er naturgemäß verantwortlich für die Havarie!
p.donhauser, 23.09.2013
4. optional
Ein kleiner Deal wie üblich. Dann 100 Sozialstunden,5000 euro und das war es.
fisschfreund 23.09.2013
5. optional
"Wenn der Rudergänger diesen Fehler nicht begangen hätte, wäre das Schiff zum Stehen gekommen, meiner Erfahrung nach" ...wenn nicht der offenbar vollkommen unfähige Commandante Dilletante so nah an die Insel gefahren wäre, wäre gar nichts passiert...meiner Erfahrung nach ;)
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