Todesschütze bei "Batman"-Premiere: Grauen in Saal 9

Der Täter war bewaffnet, trug eine schusssichere Weste und tötete bei der Premiere eines "Batman"-Films in Aurora nahe Denver zwölf Zuschauer, 59 wurden verletzt. Bei dem mutmaßlichen Täter soll es sich um James Holmes handeln, einen 24-jährigen Studenten der Neurowissenschaften.

Amoklauf in Denver: Tödliche Schüsse im Kino Fotos
REUTERS/ University of Colorado

Denver - Das Bild, das die amerikanischen Fernsehsender Stunden nach der Schießerei in Saal 9 des "Century 16"-Kinos zeigen, verstört - weil es so normal aussieht. Das Porträt zeigt einen jungen Mann, er hat braune kurze Haare, braune Augen, trägt ein orangefarbenes T-Shirt und lächelt. Es zeigt James Holmes, 24 Jahre alt, Student der Neurowissenschaften an der University of Colorado in Denver, Doktorand - und mutmaßlicher Mörder von mindestens zwölf Menschen.

Er soll für die Tat in Aurora verantwortlich sein, er soll seine Wohnung mit Sprengfallen verbarrikadiert haben. Seine Universität hat das Bild zur Verfügung gestellt. Eine Antwort darauf, welches Motiv er gehabt haben könnte, gibt es noch nicht. Laut Universität soll er kurz davor gewesen sein, das Studium abzubrechen.

Auf einer Pressekonferenz am Freitagmittag (Ortszeit) sagte Colorados Gouverneur John Hickenlooper, es handle sich um die Tat eines "kranken Hirns". Auroras Bürgermeister Steve Hogan sprach von einem "tragischen Tag für diese Gemeinde". Er dankte der Polizei, der Feuerwehr, den Arbeitern in den Notaufnahmen und Krankenhäusern. "Wir werden uns immer wünschen, dass - ganz gleich, wie viel wir getan haben - wir mehr getan hätten", sagte Hogan. Die Tat, so furchtbar sie auch sei, sei dennoch ein isolierter Vorfall.

Auroras Polizeichef Dan Oates gab bei der Pressekonferenz neue Details bekannt. Demnach wurden insgesamt 71 Menschen angeschossen, von denen zwölf starben - zehn am Tatort, zwei im Krankenhaus. Die Verletzten sollen zwischen sechs und 31 Jahre alt sein. Auch ein Baby, gerade drei Monate alt, wurde in einem Krankenhaus behandelt.

Laut Oates hatte der mutmaßliche Schütze vier Waffen - drei davon seien in dem Kinosaal benutzt worden, eine Pistole sei im Auto gewesen. Eine Waffe sei im Kinosaal zurückgelassen worden. "Es wurden viele, viele Kugeln abgefeuert - wie viel genau, können wir derzeit nicht sagen", sagte Oates. Man sei sicher, dass der Täter allein gehandelt habe. Ob Holmes die Waffen legal besaß, werde derzeit untersucht.

Publikum hielt Angriff offenbar zunächst für Showeinlage

Der Täter war durch die Tür gekommen, durch die sich Minuten später Dutzende Menschen schreiend in Sicherheit brachten: den Notausgang. Gegen halb eins in der Nacht betrat er Saal 9 des Multiplexkinos Century 16, etwa eine Viertelstunde nach Beginn des neuen "Batman"-Films "The Dark Knight Rises".

Der Angreifer, laut Augenzeugen ein großer Mann, hatte sich komplett in Schwarz gekleidet, am Oberkörper trug er eine schusssichere Weste, sein Gesicht verbarg er hinter einer Gasmaske.

Er baute sich vor der Leinwand auf, zündete eine Trängengas- oder Rauchgranate, so hat es die Polizei rekonstruiert. "Er stand da und niemand reagierte. Die Tränengasgranate explodierte. Immer noch reagierte niemand", sagte ein Augenzeuge dem Sender 9News. "Er sah so ruhig aus, es war unheimlich. Er wartete, bis beide Tränengasgranaten explodiert waren und dann begann er zu schießen."

Das Publikum war anfangs völlig arglos, viele hielten den Auftritt offenbar für eine Showeinlage der Premieren-Inszenierung. Als die Zuschauer realisierten, dass es sich um einen echten Angriff handelt, brach Panik aus.

Der Täter habe eine Schrotflinte in der Hand gehalten, ein Gewehr umgeschultert, zitiert Denverpost.com den Augenzeugen James Wilburn. Er habe erst in die Luft geschossen, dann sei er ruhig die Treppe hochgegangen und habe auf Menschen gezielt. "Das Unheimlichste war, dass er kein Wort gesagt hat", sagte Jennifer Seeger dem TV-Sender NBC. Sie saß ebenfalls in Saal 9. Mehrere Augenzeugen berichteten, der 24-Jährige habe gezielt auf Flüchtende geschossen.

Auch ein Baby wurde verletzt

Videoaufnahmen von Zuschauern zeigen schreckliche Szenen: Menschen schreien und drängen zu den Ausgängen, einige sind blutüberströmt. Auf der Leinwand läuft der Film weiter, während sich das Chaos auf den gesamten Kinokomplex ausweitet. Die Kugeln haben offenbar auch die Wände zu einem benachbarten Saal durchdrungen.

Als die Schrotflinte leer geschossen war, habe der Täter sie weggeworfen, nach dem Gewehr gegriffen und weitergeschossen, erzählen Überlebende. "Er schoss und schoss und schoss", so ein Augenzeuge zu ABC News.

James Holmes wurde auf einem Parkplatz hinter dem Kino festgenommen. ABC News überbrachte der Mutter des mutmaßlichen Täters, die in San Diego wohnt, die Nachricht am Telefon. Zu dem Zeitpunkt hatte sie von dem Blutbad in dem Kino im US-Bundesstaat Colorado nach eigenen Angaben nichts mitbekommen. "Ich muss die Polizei anrufen … ich muss nach Colorado fliegen", stammelte sie.

Später veröffentlichte die Polizei ein Statement von Holmes' Familie: "Unsere Gedanken sind bei den Betroffenen dieser Tragödie und ihren Freunden und Familien", heißt es. Die Familie bat darum, ihre Privatsphäre zu respektieren und die Ruhe ihres Wohngebietes nicht zu stören.

Die Aufnahmen aus Holmes' Wohnung sind beunruhigend

Am Wohnort des mutmaßlichen Täters gingen die Einsatzkräfte mit größter Vorsicht vor: Auf TV-Bildern war zu sehen, wie Spezialeinheiten der Polizei mit einem Kran zu einem Fenster im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses gehoben wurden. Die Männer trugen Helme und Schutzwesten.

Der 24-Jährige hatte nach seiner Festnahme gesagt, es gebe Sprengstoff in seiner Wohnung - und das sollte sich Stunden später bewahrheiten.

Man habe eine Sprengfalle in der Wohnung entdeckt, sagte ein Polizeisprecher. Man versuche nun herauszufinden, wie man das entzündliche oder explosive Material entschärfen könne. Diese Arbeit könne Stunden oder sogar Tage dauern, sagte der Sprecher.

Den Einsatzkräften war es offenbar gelungen, Bilder vom Innern der Wohnung zu machen. Die Aufnahmen seien beunruhigend, sagte der Sprecher. Insgesamt wurden fünf Gebäude des Komplexes evakuiert.

Die Nation müsse jetzt "zusammenstehen als eine amerikanische Familie", sagte US-Präsident Barack Obama, der wegen des Blutbads eine Wahlkampftour in Florida verkürzte, um noch am Freitag zurück im Weißen Haus zu sein.

jjc/hut/han/ulz/AP

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