Schill-Outing "Jetzt wirkt das Koks bei mir"

Er war eine der skurrilsten Figuren im Politbetrieb: Ronald Barnabas Schill, Ex-Innensenator von Hamburg und vormaliger "Richter Gnadenlos". Jetzt ist ein seltsames Video aufgetaucht, in dem der 49-Jährige über Drogen parliert und mit Tellerchen und Strohhalm hantiert.

Von und Dennis Kayser


Hamburg - 22 Sekunden dauert das Filmchen, das derzeit im Internet kursiert und von dem man nicht sicher weiß, ob es nicht vielleicht doch gestellt wurde. Auffallend unbekümmert lümmelt sich der frühere Hamburger Innensenator auf einem weißen Sofa. Vor ihm ein schicker Glastisch, darauf eine angebrochene Flasche Schnaps, hinter ihm an der Wand moderne Kunst.

Schill trägt Polohemd, Shorts und am Gürtel ein Handy. Drei weitere Männer sitzen mit ihm zusammen, sie sprechen über eine Wohnung, auch das Wort "Polizei" fällt, doch Genaues ist nicht zu verstehen.

Zwei Hände schieben sich plötzlich ins Bild, sie halten einen Teller und ein Röhrchen. Beides wird Schill gereicht. Der 49-Jährige greift zu und nimmt zwei tiefe Züge durch den Halm, erst in das rechte, dann in das linke Nasenloch. Es folgt ein Schnitt. Anschließend sagt Schill in die Männerrunde: "Aber jetzt wirkt das Koks bei mir, du. Ich fühl mich total wach."

Schill hatte sich in seiner Amtszeit als Hamburger Innensenator 2001 bis 2003 immer als harter Kämpfer gegen den Drogenhandel profilieren wollen. Schon damals gab es Behauptungen, der Politiker selbst sei Kokainkonsument. Schill ließ daraufhin in München einen Haartest machen, der negativ ausfiel. Auch gab er eine Eidesstattliche Versicherung ab, niemals Kokain oder "weißes Pulver" genommen zu haben.

Die "Bild"-Zeitung berichtet nun, Schill räume in dem Video ein, der damalige Test sei gefälscht worden. Auch prahle der Jurist damit, nach Christoph Daum der bekannteste Koks-Schnupfer Deutschlands zu sein. In der kurzen Version des Films, die sich inzwischen bei YouTube findet, sind diese Szenen nicht zu sehen. Bislang ist auch noch vollkommen unklar, wann die Aufnahmen entstanden sind, wer sie machte und ob Schill von ihnen wusste.

Laut "Bild"-Zeitung äußert sich Schill auch über seine Arbeit als Hamburger Richter. Demnach hätte er schwarze Angeklagte immer höher bestraft als weiße. "Von mir haben die Neger alle etwas mehr bekommen", soll der pensionierte Amtsrichter in dem Film sagen. Die "reinrassigen Neger" könne er nicht leiden, weshalb er es "aus moralischen Gründen" ablehne, nach Afrika zu reisen.

Inzwischen beschäftigt das Filmchen auch die Ermittlungsbehörden. "Wir prüfen zur Zeit, ob ausreichende tatsächliche Anhaltspunkte für ein eventuell strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegen könnten", sagte der Hamburger Oberstaatsanwalt Rüdiger Bagger.

Der Ermittler verwies gleichwohl darauf, dass die Staatsanwaltschaft bei Rauschgifthandel aktiv werden könne, nicht aber, wenn nur der Konsum nachzuweisen sei. Ob das Video authentisch ist, konnte Bagger nicht sagen: "Das entzieht sich zur Zeit noch unserer Kenntnis."

Schill war 2001 nach einem Sensationserfolg von fast 20 Prozent der Wählerstimmen Innensenator in einer Koalition aus CDU, Schill-Partei und FDP geworden. 2003 warf Bürgermeister Ole von Beust Schill nach einem Erpressungsversuch aus dem Senat.

Der Ex-Amtsrichter, dessen früherer Anwalt sich heute auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu dem Video äußern mochte, zog sich nach seiner Wahlniederlage 2004 aus Hamburg zurück und verbrachte viel Zeit in Brasilien. Am 17. Oktober 2007 tauchte Schill plötzlich wieder in der Hansestadt auf und sagte in einem Untersuchungsausschuss der Bürgerschaft aus.

Seither ward er nicht mehr gesehen - bis heute.



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