Bleipulver auf Pausenbroten Der Giftmischer

Klaus O. streute giftiges Bleipulver auf Pausenbrote eines Kollegen. Mutmaßlich hat er so etwas öfter getan. Das Motiv des Familienvaters aus Ostwestfalen? Unklar.

ARI-Firmensitz in Schloß Holte-Stukenbrock
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ARI-Firmensitz in Schloß Holte-Stukenbrock

Von , Schloß Holte-Stukenbrock


Es waren offenbar stille Mordanschläge. Ohne grobe Gewalt, ohne Abwehrkämpfe, ohne Geschrei und Blutvergießen. Klaus O. öffnete einfach im Pausenraum den Rucksack eines Kollegen, holte die Brotdose heraus, streute eine Prise seines selbst gemischten Pulvers auf die Stullen und verließ den Tatort. Zumindest in einem Fall wurde er mit einer Videoaufzeichnung überführt.

Es ist unklar, wie oft der 56-Jährige andere Menschen auf diese Weise seinem hochgiftigen Bleigemisch aussetzte. Vor allem aber ist eines unklar: Warum tat er das?

Das fragen sich viele in Schloß Holte-Stukenbrock, einer Kleinstadt in der ostwestfälischen Provinz zwischen Bielefeld und Paderborn. Am Mittwoch hatten die Ermittler bekannt gegeben, mehr als 20 Todesfälle aus den vergangenen Jahren zu überprüfen, seitdem steht ein Verdacht im Raum: Ist der Industriemechaniker und Familienvater Klaus O. ein Giftmörder? Vielleicht sogar ein Serientäter?

"Viele äußern Mitgefühl"

Im Tätowierstudio "Open Mind Tattoos", einem Laden am Bahnhof, diskutieren Angestellte und Kunden heftig. "Was hat den Mann bewegt?", fragt eine Frau mit rötlichem Haar, die am Tresen sitzt und ihren Namen nicht verraten möchte. "Minderheitsgefühle, familiäre Gefühle? Das beschäftigt mich sehr."

Inhaber Sascha Krist und Mitarbeiter Marc Uetermeier stehen hinter der Theke und nicken. "Viele hier im Ort reden darüber", sagt Uetermeier. Angst gehe nicht um, auch keine Wut: "Viele äußern Unverständnis und Mitgefühl." Ein ehemaliger Kollege sei gut befreundet mit einem der mutmaßlichen Opfer, das schon seit einer Weile wegen einer Vergiftung im Koma liege.

Marc Uetermeier (l.) und Sascha Krist
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Marc Uetermeier (l.) und Sascha Krist

Der junge Mann arbeitete in den Semesterferien zusammen mit Klaus O. in der Abteilung Werkzeugbau des Armaturenherstellers ARI. 2016 zog er sich plötzliche eine schwere Quecksilbervergiftung zu, seitdem liegt er im Wachkoma, begleitet von schweren Krämpfen. Er muss permanent betreut werden.

Zwei Jahre lang rätselten Ermittler und Vorgesetzte, was N. zugestoßen sein könnte, denn das Unternehmen, das auch Armaturen für Industrieanlagen herstellt, verwendet gar kein Quecksilber. Unklar war auch, warum ein weiterer Ex-Kollege von O. eines Tages eine Niereninsuffizienz erlitt - er ist seither Dialysepatient. Seit Videoaufnahmen O. als Giftmischer überführt haben, gibt es den konkreten Verdacht, dass er auch für diese beiden Fälle verantwortlich ist.

Aber was bezweckte Klaus O. damit?

Tilo Blechinger, der Personalleiter bei O.s bisherigem Arbeitgeber, stützt sich auf den Stehtisch im Besprechungsraum und zuckt mit den Schultern. Die Sache sei ihm ein Rätsel, sagt der 48-Jährige: "Wenn es eine graue Maus gab, war Klaus unter den Grauen die Graueste."

O. habe mit niemanden geredet, sei stets allein gewesen, habe sich selbst in den Pausen zurückgezogen. "Niemand hatte zu ihm Kontakt", sagt Blechinger. Die kleine Ecke, die das Team sich im Pausenraum zum Klönen und Mittagessen eingerichtet hatte, habe O. gemieden - es war jener Ort, an dem er heimlich sein selbst gemischtes Gift verteilt haben soll. Unauffällig sei O. gewesen, sagt Blechinger, "auffällig unauffällig".

Am 1. August 1979 begann O. bei ARI seine Ausbildung zum Betriebsschlosser, im kommenden Jahr hätte der Industriemechaniker sein 40. Dienstjubiläum gefeiert. Auch O.s Privatleben erschien unauffällig: Mit seiner Frau und zwei Kindern lebte er in einem Einfamilienhaus in Bielefeld-Senne. Ein drahtiger Kerl, der die 20 Kilometer zum Arbeitsplatz jeden Tag mit dem Fahrrad zurücklegte.

Die bürgerliche Fassade zerbröselte am frühen Nachmittag des 16. Mai: Vier Polizisten nahmen O. vor seinem Spind fest, als er die Spätschicht antrat. Wenige Tage zuvor hatte ein junger Kollege beim Biss ins Pausenbrot ein Pulver darauf entdeckt und den Betriebsrat alarmiert. Die Firma installierte heimlich eine Überwachungskamera und schaltete die Polizei ein, so wurde O. beim nächsten Versuch eines Giftanschlags überführt.

Unklar ist, wie genau O. das Bleiacetat-Pulver herstellte. Die Polizei fand im Keller seines Hauses ein Labor, außerdem Quecksilber, Blei, Cadmium. Einen Zusammenhang mit seinem Job könne es kaum geben, beteuert Personalchef Blechinger: Die Firma ARI würde die fraglichen Stoffe gar nicht einsetzen, zudem habe O. lediglich im Werkzeugbau gearbeitet.

Klaus O. selbst wird vorerst nicht zur Aufklärung des Falls beitragen, er schweigt seit Wochen - genau wie seine Frau, die zumindest vom heimischen Chemielabor gewusst haben könnte. (Mehr über den Ermittlungsstand erfahren Sie hier.) O.s Anwalt, der Bielefelder Strafverteidiger Henning Jansen, gibt auf Anfragen ebenfalls keine Auskünfte - er ärgert sich über die Ermittler: Deren Mitteilung vom Mittwoch habe dazu geführt, dass viele seinen Mandanten nun für einen Serienmörder halten. "An diesen Spekulationen", sagt Jansen, "beteilige ich mich in keinster Weise."

Was weiß der frühere Lehrmeister?

Auch ARI-Personalchef Blechinger geht nicht davon aus, dass O. sich während der Ermittlungen als Serienmörder entpuppt. Dass nun alle 21 Todesfälle von ARI-Mitarbeitern seit dem Jahr 2000 überprüft würden, sei eine Vorsichtsmaßnahme: "Die hatten zum Teil gar nichts miteinander zu tun", sagt er, "da waren auch Außendienstler dabei" - und die hätten mit O. kaum Kontakt haben können.

Es wird wohl noch dauern, bis dieser rätselhafte Fall geklärt wird. Die Ermittler, sagt Personalchef Blechinger, würden sogar den einstigen Lehrmeister befragen, der Ende der Siebzigerjahre der Vorgesetzte von Klaus O. war. Die Hoffnung besteht, dass der Senior zumindest eine Frage beantworten kann: ob Klaus O. schon als junger Mann auffällig unauffällig war.



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